Advent, Advent…

Adventskalender

Hach, ich bin immer noch ganz Rührei, also gerührt und ein bißchen geschüttelt… heute hat mir der Paketbote mal nicht was für die Nachbarn gegeben sondern ein großes Paket an mich geliefert… und es ist ein Adventskalender von meiner lieben Freundin A.! Ich gebe zu, ich habe beim Öffnen und Entdecken, was es ist, ein paar Tränen verdrückt, so sehr freue ich mich! Es ist Ewigkeiten her, dass ich einen „richtigen“ Adventskalender hatte und tatsächlich gehören diese 24-tägigen Überraschungseier zu meinen wenigen schönen Erinnerungen an meine Kindheit. Jetzt wieder jeden Tag ein Türchen bzw. Tütchen öffnen zu dürfen, lässt bei mir endlich vorweihnachtliche Stimmung aufkommen, die sich in den letzten Jahren auch eher rar gemacht hatte.

Ich habe in den vergangenen Jahren, nolens volens, eher keine weihnachtliche Stimmung in meine Hütte gebracht, was an vielen Dingen liegt. Hauptsächlich jedoch ist glitzernde oder nach Tannen riechende Dekoration keine gute Idee, wenn man Katzen hat. Einen Baum gab es also bei mir auch noch nie. Was das Plätzchenbacken angeht, bin ich, mit seltenen Ausnahmen, einfach zu träge und auf Weihnachtsmärkte gehe ich nicht, weil mir das zu voll ist und ich die Stimmung nicht als besinnlich sondern als glühweinschwanger und kaufrauschig erlebe. Gut, letzteres fällt dieses Jahr ohnehin aus, aber das trifft mich eben nicht besonders. Jetzt aber den Adventskalender, nebst von A. selbst gebackenen Plätzchen!, zu haben, ist infizierend. Daher überlege ich, welche Form von zusätzlicher weihnachtlicher Dekoration doch möglich wäre, ohne dass meine Katze diese sofort in ihre Einzelteile zerlegt. (Alles schon gehabt, inklusive völlig zerrupfter Tannenzweige…)

Meine kindliche Freude mag manchen seltsam vorkommen für eine Erwachsene, doch wenn man über viele Jahre hinweg Weihnachten ohne eine eigene Familie und ohne große Freude gefeiert hat, dann werden solche Geschenke noch wertvoller. Sie erinnern daran, dass es auch eine selbstgewählte Familie, nämlich die Freunde, gibt und dass Weihnachten ja ein Fest der Liebe und nicht zwingend das der biologischen Familie ist. Und ich glaube, irgendeine Form von Familie braucht jeder. Ohne nahestehende Menschen, ohne Zuneigung und gegenseitiges Verstehen, wäre das alles ganz schön trübsinnig.

Für dieses Jahr jedenfalls kann ich sagen: Advent und Weihnachten, ihr dürft kommen! Ich freu mir nen Kullerkeks und wünsche auch Euch schonmal einen schönen 1. Advent!

Eure Merle

Endlich Himmel in Sicht

Himmel (2)

Dieser Beitrag hat einen Haken: es fehlt das „vorher“-Bild. Leider war ich nicht geistesgegenwärtig genug, ein Foto vom Abriss des Hauses zu machen, das auf dem gezeigten „nachher“-Foto eben nicht mehr zu sehen ist – dafür aber sieht man jetzt mehr Licht, mehr Himmel. Es handelt sich übrigens um einen Blick aus meinem Küchenfenster, der so viel heller ist ohne das Abrisshaus, dass ich es festhalten musste.

Es waren laute Tage die letzten 2-3 Wochen, es knirschte und polterte und wenn ich an den Abrissarbeiten vorbei ging, sah ich die Eingeweide des Hauses und war schaurig fasziniert vom sichtbaren Innenleben der Ruine. Es gab im Erdgeschoß mal einen Universitätsbuchladen (die medizinischen Fakultäten sind hier im Viertel) und auch Mietswohnungen. Was dort stattdessen jetzt gebaut werden soll, weiß ich nicht. Man munkelt, es soll noch ein Hotel hingesetzt werden. Als ob wir davon nicht schon genug hätten.

Ein paar Schritte weiter um die Ecke gab es bis vor einigen Jahren meine Stammkneipe, fast ein zweites Wohnzimmer. Ich hatte dort über viele Jahre eine Menge toller Menschen kennengelernt und habe so manchen wunderschönen Sommerabend davor verbracht. Man hatte dort einen herrlichen Blick auf das Treiben der Straße und das war oft besser als jedes Fernsehen. Doch dann wurde auch dieses Haus mit der Kneipe abgerissen und dort steht jetzt – ein Hotel.

Ich frage mich in letzter Zeit immer öfter, was für Vollkoffer eigentlich unsere Stadtplaner sind. Man gewinnt den Eindruck, dass „Otto-Normalverbraucher“ aus den Innenstädten vertrieben werden soll. Stattdessen Gewerbeflächen oder Oligarchenpenthäuser, Hotels und Nobelläden. Das geht sowas von an der Realität der Mehrheit vorbei, dass es weht tut. Ein anderer Trend, der sich ein paar Straßenzüge weiter zeigt, ist, dass kleine, feine Ladengeschäfte aufgeben und dort Wettbüros oder Shishabars eröffnen. What the f…? Wieviel solcher Dinger kann man denn brauchen?

Ich bin sehr gespannt, was an der neuesten frei gewordenen Baufläche entstehen wird und ob ich das noch mitbekomme. Es wäre schön, wenn es nicht wieder so ein hoher, grauer Kasten würde, wie das Haus, das dort abgerissen wurde, außer es entstünde dort bezahlbarer Wohnraum, aber das ist wohl eher ein Traum. Im Moment freue ich mich jedenfalls an der lichten Stelle und versuche, den Baulärm auszublenden.

Ich wünsche Euch einen schönen, sonnigen Tag mit viel Himmel in Sicht!

Eure Merle

Wohnungs-Update

dav

Also offensichtlich wird meine Wohnungssuche dieses Mal keine Blitzaktion wie bei den vorhergehenden Umzügen. Aber das macht nichts, ich lerne dazu und vertraue nach wie vor darauf, dass ich etwas Schönes finden werde. Die Wohnung, die ich am Montag besichtigt habe, habe ich eben abgesagt. Denn nicht nur, dass der Verdacht bestand, dass es dort spukt 😀 (Kommentarleser wissen, was gemeint ist), nein, der Vermieter bestätigte in seiner Antwort auf meine Fragen auch, dass es einen Schimmelbefall gab. Und das ist für mich ein K.O.-Kriterium, auch wenn das Ganze saniert wurde. Es ist der Wärmeschutz in einem Teil der Außenmauer erneuert worden. Doch wer sich den neu verputzen Bereich ansah, der sah auch, dass der Schimmel offenbar bis in den Boden reichte. Und der Bodenbelag der Wohnung wird nicht ausgetauscht. Nun muss man dazu wissen, dass ich in einem Schimmelzimmer groß geworden bin. Meine Eltern unternahmen damals alles erdenkliche, um das fiese Zeug loszuwerden, aber nichts half. Trotz vorschriftsmäßiger Lüftung und Beheizung kam der Schimmel immer wieder und ich entwickelte eine ordentliche Schimmelpilzallergie. Von daher kann und will ich das Risiko nicht eingehen, in diese Wohnung zu ziehen.

Nun habe ich mich auf zwei neue Sozialwohnungen beworben, von denen aber leider weder die genaue Lage noch der Grundriss im System hinterlegt sind. Das ist ärgerlich, aber was soll man machen außer warten und hoffen. Vor allem hoffen, dass ich trotz der weit über 200 Mitbewerber eine Besichtigung bekomme. Was den freien Mietmarkt angeht, habe ich fast schon die Hoffnung aufgegeben. Jede Nachricht, die ich bisher an einen potentiellen neuen Vermieter geschickt habe, blieb unbeantwortet, bis auf eine. Und in der wurde mir mitgeteilt, dass der Inserent über 300 Emails bekommen habe und daher leider nicht mehr in der Lage sei, jedem Einzelnen zu antworten. Wenn das allen so geht, wovon auszugehen ist, dann wundert mich nicht, dass keiner antwortet. Mein nächster Schritt wird sein, selber Zettel in der Stadt zu verteilen, vielleicht bringt das ja etwas. Mir graut nur davor, weil ich mich damit so exponiert fühle. Doch ich will nichts unversucht lassen, also muss ich mein Schamgefühl wohl oder übel überwinden.

Letztens habe ich mich übrigens mit einer Psychologin über Wohnungsuche unterhalten und die meinte, dass das Thema ja für jeden ein sehr existentielles sei und dabei in der Regel auch Themen das erste Zuhause des Menschen betreffend hochkämen: nämlich der Bauch der Mutter. Das finde ich hochinteressant und ich finde mich darin durchaus wieder: meine Mutter hatte während der Schwangerschaft mit mir sehr große Ängste, weil ihr die Ärzte eine weitere Schwangerschaft aus gesundheitlichen Gründen eigentlich „verboten“ hatten. Es stand zu befürchten, dass sie die Geburt nicht überlebt. Aber dann ist doch alles gut gegangen und wir beide waren wohlauf. Nun weiß man heute, dass Babies im Mutterleib so ziemlich alles mitbekommen, was die Mutter durchmacht. Wenn ich mir meine jetzigen Ängste und Befürchtungen genauer anschaue, dann kann ich mir gut vorstellen, dass da einiges aus meiner vorgeburtlichen Existenz dabei ist – aber eben auch, was den guten Ausgang und das Vertrauen angeht: es wurde ja alles gut.

Man muss aber an so etwas nicht glauben, um beim derzeitigen Stand des Wohnungsmarktes Ängste zu bekommen, da reicht auch ein Blick in die Zeitungen, wo man eben fast nichts findet oder Garagenstellplätze für 450 EUR im Monat. Ich bin sauer, dass die Politik in den vergangenen Jahren nichts oder viel zu wenig getan hat, um die Wohnungsnot zu beheben. Sicher, mit einem hohen Einkommen hätte ich keine Probleme, ein neues Zuhause zu finden, aber das habe ich nunmal nicht und viele andere auch nicht. Dass ein so wichtiges, grundlegendes Bedürfnis des Menschen so stiefmütterlich behandelt wird, ist fast schon kriminell. Die oberste Priorität im Leben ist nunmal ein Heim zu haben, wie kann man das derart leger den Marktprinzipien überlassen? Das ist mir ein Rätsel. Und es ist auch nicht etwa so, dass in den Randgebieten der Stadt die Mieten niedriger wären, im Gegenteil. Falls man dort aber was finden sollte, kommen dann noch die Pendelkosten oben drauf… Ach, es ist und bleibt ein ärgerlicher Zustand. Wie meinte eine Freundin gestern so schön treffend: „Jetzt hast Du DIE Gelegenheit, Geduld zu üben!“ Ja, das ist wohl wahr.

Ich habe mir übrigens vor etwas mehr als 46 Jahren viel Zeit gelassen, den Bauch meiner Mutter zu verlassen. Ich kam zwei Wochen zu spät. Es sollte mich also eigentlich gar nicht wundern, wenn das jetzt auch etwas länger dauert ;-).

Für heute wünsche ich Euch noch eine schöne Woche und bleibt gesund!

Eure Merle

Definitiv ja, nein, doch, oder?

Leute, Leute, wenn ich gewusst hätte, wie eine Wohnung aussehen und vor allem riechen kann… dann hätte ich mich nicht so auf die heutige Besichtigung gefreut. Diese war, nunja, sagen wir mal, anders…

Ich entschuldige mich vorab für etwaige Tippfehler, es könnten heute ein paar mehr als sonst sein, denn ich bin seit 4 Uhr wach. Ja, ich konnte nicht mehr schlafen, also hab ich eben meine Morgenroutine um 4 Uhr begonnen, hat auch was. Komischer Weise war ich dann um viertel vor sieben doch in Eile und schaffte es wie geplant gerade noch um kurz vor sieben aus dem Haus zu gehen. Nur um auf der Hälfte des Weges zur U-Bahn festzustellen, dass ich meine Maske vergessen habe. Also zurück gejoggt, Maske geholt, wieder los. Mal wieder schweißgebadet auf dem Weg zu einer Besichtigung, das war ein déja-vu. Am Zielbahnhof angekommen verfluche in google maps, welches mir gesagt hatte, dass der Weg zum Mieterzentrum nur 4 Minuten beträgt. Denkste Puppe, das waren mehr als 10 Minuten, aber ich schaffe es doch noch pünktlich um 8 Uhr dort zu sein. Ich klingle, werde eingelassen und hinter einer Plexiglasscheibe steht Herr K., mit dem ich schon telefoniert und gemailt hatte. Er ist sehr kurz angebunden und reicht mir einen Umschlag mit den Schlüsseln für die Wohnung auf dem zwar mein Name steht, aber mit „Herr“ davor, nicht „Frau“. Aha, denke ich, das scheint hier doch eher eine Massenabfertigung zu sein. Aber egal, ich will ja kein Date sondern eine Wohnung. Zurück zur U-Bahn, meine fährt auch gleich ein, das ist schick. Es beginnt eine 1-stündige Fahrt, die sich am Ende doch sehr zieht, aber dafür ist der Fußweg vom Bahnhof zur Wohnung recht kurz. Wenn man richtig läuft. Ich gucke auf meinen ausgedruckten Plan und sehe, dass ich zu weit gelaufen bin. Komisch, denke ich, ich hab das richtige Straßenschild aber doch gar nicht gesehen, es müsste links abzweigen. Also zurück und anhand der umliegenden Straßen eruiere ich einen kleinen Weg als den mutmaßlich richtigen. Aber ein Straßenschild gibt es dort nicht, da kann man ja lang suchen. Ich beglückwünsche mich zu meiner ausnahmsweisen guten Orientierung denn ich komme schließlich in der Straße an, in der die freie Wohnung ist.

Ich schließe die Tür zu ihr auf und schon trifft mich eine Wand aus einem seltsam muffigen Geruch. Mein erster Blick nach links ins „große“ Zimmer lässt mein Herz in die Hose sinken. Dunkel, klein, müffelnd. Hm. Mein erster gefühlter Eindruck ist nicht gut, aber ich reiße mich zusammen und nehme mir vor, das ganze positiv zu betrachten und zu gucken, wo ich was hinstellen könnte und mir vorzustellen, wie die Wohnung mit meinen Sachen drin wirken würde. Das Schlafzimmer ist angenehm hell, das Bad beunruhigend dreckig und die ganze Wohnung offensichtlich noch nicht zu Ende renoviert. Auch das blende ich aus und bin fest gewillt, die Wohnung schön zu finden. Allerdings läuft in der Küche scheinbar Wasser die Wände herunter und oben im Eck sieht es nach Schimmel aus. Wie ich beim zweiten Rundgang feststelle, wurde irgendwas an der Schlafzimmeraußenwand großflächig verputzt – später stelle ich fest, dass an genau der Stelle außen am Haus auch großflächig etwas verputzt wurde. Schimmel? Wasserschaden? Man weiß es nicht und leider ist ja auch niemand dabei, den ich fragen könnte. Ich werde langsam angestrengt, bin aber immer noch nicht bereit, aufzugeben. Eine Sozialwohnung ist ein Geschenk das man nicht so mir nichts dir nichts bekommt. Ich sollte froh sein, überhaupt eine angeboten zu bekommen. Also raus auf die kleine Terrasse. Mir gefällt sehr, dass ich hier viel mehr Himmel sehe als in meiner jetzigen Wohnung, das ist toll! Allerdings gibt es unweit von mir eine Sitzecke für die Mieter – das stelle ich mir an lauen Sommerabenden eher nicht so prickelnd vor, wenn sich da dann die Jugend des Viertels versammelt. Viel mehr stresst mich aber, dass der Garten, zu dem die Terrasse hinausgeht, von jedem von der Straße aus begehbar ist und da es nur ein paar Büsche als Grenze gibt, kann also quasi jeder auf meine Terrasse latschen. Das vermittelt mir ein mulmiges Gefühl. Zurück in die Wohnung. Ein zweites Mal trifft mich der unangenehme Geruch wie eine Wand. Woher soll ich wissen, ob ich den Geruch aus der Wohnung verbannen kann? Mein Eindruck ist, dass der sich schon in die Wände und den Boden gefressen hat. A propos Boden, das ist überall ein offenbar uralter, fleckiger PVC (oder Linoleum? ich weiß es nicht genau) der wirklich zum abgewöhnen ist. Aber wenn der Rest stimmen würde, wäre mir das egal, dann könnte man je selbst was drüber verlegen. Aber der Rest mag auch nicht stimmen, so sehr ich mich bemühe. Das Wohn- und Esszimmer ist so geschnitten, dass ein großer Teil davon wohl meist im Dunkeln liegt – ich hatte gedacht, dass durch die breite Fensterfront genügend Licht hinein kommt, aber das sieht nicht so aus. Doch am Ende, das ist mir jetzt klar, sind der Geruch und die Feuchtigkeitsflecken für mich ein echtes Problem.

Nachdem ich ca. 30 Minuten versucht habe, mir die Wohnung schön zu reden, verlasse ich das Haus und fahre zurück zum Mieterzentrum. Ich bin bald wieder voller Elan, weil ich mir vornehme, Herrn K. zu befragen, was es mit den Wasserflecken auf sich hat und sicher wird er mir sagen, dass das alles noch fachmännisch renoviert wird. Doch als ich nach einer weiteren Stunde Fahrt wieder im Mieterzentrum ankomme, ist Herr K. nicht zu sprechen. Ich solle meine Fragen bitte per Email stellen. Na gut. Dann eben das. So, das habe ich natürlich schon erledigt, habe meine Fragen mit Fotos garniert und bin jetzt sehr gespannt, was ich als Antwort bekomme. Was für ein Cliffhanger, *lach*!

Ich werde die Antwort von Herrn K. natürlich abwarten, doch ich habe auch schon mit Freundinnen über das Erlebte bzw. Gesehene gesprochen und der Trend geht derzeit eher zu einem nein. Ich sage „eher“, weil ich mir wie gesagt sehr dessen bewusst bin, dass Sozialwohnungen heiß begehrt sind und weil ich nicht weiß, was mir in Zukunft angeboten wird. Aber zu wieviel Kompromissen bin ich bereit? Noch habe ich keinen Zeitdruck, mir ist ja nicht gekündigt worden… kann ich es mir leisten, noch eine Wohnung abzusagen und hoffen, dass ich für eine andere, bessere, benannt werde? Ich hasse es, Entscheidungen treffen zu müssen, wenn ich nicht alle notwendigen Informationen vorliegen habe. Aber so ist das Leben, ich muss spekulieren und hoffen, dass ich nicht zu hoch pokere…

Nun denn, so werde ich diesen Tag jetzt ausklingen lassen und mich erholen und wer weiß, vielleicht bringt ja die Antwort von Herrn K. noch etwas entscheidendes Neues.

Ich wünsche Euch einen schönen Abend und seid gewiss, Fortsetzung folgt 🙂

Herzlich, Eure Merle

Aus der Zeit gefallen…

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…erscheint mir dieses Foto, das ich eben auf meinem Balkon gemacht habe. Es ist Mitte November, doch mild warm und sehr sonnig und wie um den Kalender Lügen zu strafen blüht meine Rose und hat noch fünf vielversprechende Knospen. Ich hoffe natürlich sehr, dass sie noch Gelegenheit haben, sich zu entfalten aber seltsam unpassend fühlt sich der heutige Tag bzw. das Wetter doch an. Und natürlich habe ich (mal wieder) ein schlechtes Gewissen, weil ich bei dem Sonnenschein eigentlich spazieren gehen sollte. Ich müsste dringend das Licht und die Wärme nutzen um aufzutanken für den Winter, der bestimmt noch kommt… aber ich habe so gar keine Lust! Ich finde keine Ruhe und halte mich an Kaffee und Zigaretten fest und hoffe, das die Zeit vergeht. Was sie natürlich tut, aber eben viel zu langsam. Hoffen, bangen, warten… das wäre auch eine passende Überschrift gewesen.

Denn morgen früh schaue ich mir endlich mal wieder eine Wohnung an. Es wird Zeit. Für die beiden Wohnungen, auf die ich am meisten gehofft hatte, bin ich nicht benannt worden. Nun gefällt mir die Lage und der Grundriss der Wohnung, die ich morgen besichtige, auch sehr gut und ich hoffe inständig, dass sie so schön ist, wie ich sie mir vorstelle und vor allem, dass ich sie dann auch bekomme! Wie meistens habe ich ein gutes Gefühl, doch gleichzeitig macht mich das Warten mürbe. Warten auf eine Benennung, dann auf den Besichtigungstermin, dann auf die Zusage des Vermieters… Dann folgt das Warten auf den Mietvertrag… und schließlich warten auf die Antwort meines jetzigen Vermieters, ob er mich vor Ablauf der 3-monatigen Kündigungsfrist aus dem Vertrag lässt. Denn Sozialwohnungen sind praktisch alle ab sofort zu beziehen. Warum das so ist, weiß ich nicht, aber es fällt wirklich auf, dass die alle ab jetzt gleich zu vermieten sind.

Es ist nicht nur so, dass ich den Umzug endlich hinter mich gebracht haben möchte, es kommt hinzu, dass die Atmosphäre in meinem jetzigen Mietshaus immer unangenehmer wird. Die Hälfte der Wohnungen ist jetzt mit Gastarbeitern belegt. Auch die Wohnung über mir und die gegenüber auf meinem Stockwerk. Die Wohnungen sind nicht nur überbelegt (in den 1,5-Zimmer-Wohnungen, wie ich sie habe, wohnen vier Männer) sondern die neuen Mieter sind auch sehr laut, sie spucken bei jeder Gelegenheit lautstark vor die Haustür, sie grüßen nicht, wenn man sich im Treppenhaus begegnet und treten grundsätzlich in laut palavernden Gruppen auf. Fremde, meist bullige und laute Männerhorden gehören nicht zu meinen Lieblingsnachbarn. Mir ist bewusst, dass sich das eventuell ausländerfeindlich anhört, aber ich bin mir sicher, auch wenn es deutsche Arbeiter wären, hätte ich Einwände gegen dieses Auftreten. Jedenfalls steigt in mir das Bedürfnis, auszuziehen quasi täglich.

Aber zuerst muss ich morgige Odyssee hinter mich bringen. Ich kann nämlich nicht einfach zur Wohnung fahren und mir dort mit dem Vermieter dieselbe ansehen. Nein, ich muss erst 45 Minuten zum Mieterzentrum fahren und mir um 8 Uhr den Schlüssel abholen. Von dort fahre ich dann ca. eine Stunde zur Wohnung, sehe mir diese alleine an und fahre dann wieder eine Stunde zurück zum Vermieter und gebe den Schlüssel ab um dann wieder 45 Minuten nach Hause zu fahren. Es ist gut, dass ich momentan ohnehin immer um 5 Uhr morgens wach werde, so habe ich in der Früh ausreichend Zeit um präsentabel zu sein. Aber die Hin- und Herfahrerei schlaucht mich jetzt schon. Laut Vermieter ist diese Vorgehensweise wegen Corona notwendig. Nun gut, für eine schöne Wohnung nehme ich das gern in Kauf.

Was mir genauso Kopfzerbrechen bereitet wie die Warterei ist die bange Frage, ob in ein paar Wochen ein Umzug noch erlaubt sein wird. Ich weiß nicht, wie das im letzten Lock-Down war, aber ich habe die Befürchtung, dass sie bei einer Verschärfung der Maßnahmen auch Umzüge verbieten. Was dann passiert, falls ich den Mietvertrag bekomme, sollte ich mir gar nicht ausmalen. Doch mein Problem war schon immer, dass ich, wenn ich genügend Zeit habe, eine Meisterin darin bin, mir vorzustellen, was alles schiefgehen kann. Noch ein Grund mehr warum es jetzt mal losgehen sollte! Hab ich schon erwähnt, dass Geduld nicht zu meinen Stärken zählt?

Wahrscheinlich wird alles wie am Schnürchen laufen und ich verplempere mal wieder zu viel Energie auf „was-wäre-wenn“-Fragen. Außerdem muss ich die Wohnung ja erstmal bekommen… 😉 Drückt mir die Daumen, falls Ihr einen frei habt und ich werde über die morgige Aktion natürlich berichten!

Einen schönen Sonntag wünsche ich Euch!

Herzlich, Merle

Mein wöchentliches schlechtes Gewissen

dav

Es ist jeden Samstag das gleiche Spiel. Ich gehe am Morgen zum Supermarkt und begegne auf dem Weg dorthin jede Woche drei Bettlern, zwei Männern und einer sehr alten Frau, die schon seit langem ihre Stammsplätze haben und mit dem immer gleichen „Hilfe bitte, danke“ auf gebrochenem Deutsch die Passanten ansprechen. Und jede Woche plagt mich mein schlechtes Gewissen, weil ich ihnen nichts gebe. Mal ignoriere ich sie, mal grüße ich, und immer flüstert mir eine Stimme ins Ohr: Das könntest Du sein, gib gefälligst was! Aber ich gebe nichts und ich kann nichtmal genau sagen, warum. Gut, es stimmt, dass ich selber nicht wirklich was zu verschenken habe. Aber ich habe mehr als jemand, der betteln muss. Doch dann gibt es ja die Geschichten, dass die meisten (ausländischen) Bettler das Gesammelte ohnehin an Chefs von Bettlergruppen abgeben müssen und das will ich nicht unterstützen. Aber ich weiß nicht, ob das bei den Dreien der Fall ist.

Und so frage ich mich jeden Samstag, ob ich zu egoistisch bin und zu ignorant gegenüber dem Elend auf der Straße. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass ich als Teenager, als ich allein in der Stadt unterwegs war, einen bettelnden Mann angesprochen habe und gefragt habe, wie er in diese Situation gekommen ist. Er erzählte mir eine berührende Geschichte von Krankheit, Scheidung, Alkoholismus und Jobverlust. Er war Banker gewesen, hatte ein geregeltes Leben, ein Haus und eine Frau und verlor im Zuge seiner Trinkerei alles. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich dem Mann was von meinem Taschengeld abgegeben habe aber ich weiß noch, dass mich seine Geschichte sehr bewegt hat. Als ich meinen Eltern später davon erzählte, meinten sie, die könne ja auch erfunden gewesen sein… ich glaube das nicht. Ich glaube, das ist ein gar nicht so seltenes Szenario.

Jedenfalls habe ich mich schon früh mit dem Thema Obdachlosigkeit und Betteln beschäftigt, immer mit der Sorge im Hinterkopf, dass das ja jedem widerfahren kann. Wer bin ich, mich über jene Menschen zu erheben und etwas von meinem relativen Reichtum vorzuenthalten? Zu meinen Studienzeiten gab es am U-Bahnhof an der Uni einen jungen Mann, der dort bettelte. Da ich den Eindruck hatte, dass er drogensüchtig war, gab ich ihm zunächst nichts, dann aber fing ich an, ihn zu fragen, ob ich ihm was vom Bäcker mitbringen könne, wo ich immer auch etwas für mich selbst holte. Ein paar Mal nahm er das an, dann aber nicht mehr. Als eine Freundin von mir erschrocken meinte, ich würde den armen Kerl ja total bevormunden und das sei ja seine Sache, wofür er erbetteltes Geld ausgibt, musste ich ihr Recht geben. Was ich getan hatte, war eigentlich demütigend, wenn auch in bester Absicht. Gut gemeint ist eben nicht immer gut getan.

Wenn ich ehrlich bin, dann gebe ich den drei Bettlern auf meinem Weg zum Supermarkt vor allem deshalb nichts, weil ich eigentlich versuche, sie aus meinem Blickfeld zu tilgen. Ich will mich nicht mehr mit dem Thema beschäftigen, es nervt mich, dass ich immer ein schlechtes Gewissen habe und ich finde, ich bin für sie nicht zuständig. Außerdem gibt es in Deutschland Unterkünfte und verschiedene unterstützende Einrichtungen, an die kann sich jeder Arbeits,- und/oder Wohnungslose wenden. Jaja, kommt da wieder die Stimme, aber die Unterkünfte sind grausig und oft überfüllt und was, wenn jemand nicht unsere Sprache spricht und/oder diese Einrichtungen nicht kennt? – Dann ist es immer noch nicht meine Aufgabe, für diese Meschen zu sorgen. Ich weiß auch gar nicht, wieviel ich geben müsste, damit mein Gewissen beruhigt wäre. Ich nehme an, so 2 Euro müssten es schon für jeden sein. Dann sind wir bei wöchentlich 6 Euro und pro Monat bei 36 Euro. Die habe ich nicht übrig. Ein teurer Spaß, so ein Gewissen…

Natürlich könnte ich auch weniger oder jede Woche nur einer Person etwas geben, aber irgendetwas hält mich davon ab. Es ist das Gefühl, dass das ja alles auch nichts nützt und ich das Geld in ein Faß ohne Boden werfen würde. Das ist ein schrecklicher Gedanke, ich weiß, aber er ist da. Und ich will mir nicht von meinem unzufriedenen Gewissen vorschreiben lassen, was ich mit meinem Geld zu machen habe. Es ärgert mich, dass dieser Knopf immer wieder gedrückt wird, zwar nicht erfolgreich, aber eben doch so, dass ich mich damit beschäftige. Wenn ich dann mit meinem gefüllten Rucksack auf dem Heimweg bin, sticht es schon gewaltig im Gemüt.

Am Ende des Tages geht es um die ethische Frage, ob wir moralisch dazu verpflichtet sind, Menschen zu helfen, denen es schlechter geht als uns. Ich kann das leider nicht bzw. nur mit einem JEIN beantworten. Wenn ich in der Lage bin zu helfen, dann finde ich, sollte ich das tun. Aber andererseits: wenn der Bettler das Recht hat, sein Geld einzusetzen wie er möchte, dann habe ich das auch. Und gebe ich nicht etwas dadurch, dass ich Steuern zahle? Hm, aber Kirchensteuer zahle ich nicht und viele Einrichtungen für Obdachlose sind kirchlich. Und sollte man nicht eher die wirklich vermögenden zur Kasse bitten und das Geld entsprechend einsetzen? Es ist komplex und gar nicht einfach. Ich bin mir sicher, die drei Bettler auf meinem Weg machen sich keine Gedanken über die Frau, die da wöchentlich vorbei stapft und nichts gibt. Aber von meinen Gedanken können sie sich auch nichts kaufen!

Ich merke, bei der Frage kann man sich leicht vergallopieren. Und es gibt kein richtig oder falsch. Jeder muss für sich entscheiden, ob er etwas abgeben mag oder nicht und niemand kann dafür verurteilt werden, wenn sie es nicht tut. Das wird meinem Gewissen nicht helfen, aber wahr ist es doch. Mein schlechtes Gewissen nährt sich ja auch weniger aus einer Selbstlosigkeit als vielmehr aus der Angst, es könnte mich treffen. Insofern ist das Thema auch noch mit allerlei persönlichen Themen befrachtet.

Vielleicht suche ich mir einen Verein oder eine Einrichtung für Obdachlose, denen ich mal etwas spende, wenn ich etwas übrig habe. Das scheint mir im Moment eine gute Alternative. Aber wenn, dann mache ich das nicht aus schlechtem Gewissen sondern aus dem guten Gefühl der Fülle, von der ich etwas abzugeben habe.

Das war es auch für heute mit schweren Gedanken… ich wünsche Euch ein schönes, sonniges Wochenende und grüße Euch herzlich,

Eure Merle

Paul Celan – Corona

Nein, natürlich hat Paul Celan nicht über Covid-19 ein Gedicht geschrieben. Aber aufgrund des Titels ist mir das Werk selbstverständlich ins Auge gesprungen, wobei Celan mit Corona wohl die sogenannte Nördliche Krone meinte, nämlich ein Sternenbild: Corona Borealis. Laut Wikipedia hat die Corona Borealis eine besondere Bedeutung in der Mythologie:

Der griechischen Mythologie nach war die Nördliche Krone die mit Edelsteinen besetzte Krone der Ariadne, Tochter des Königs Minos von Kreta. Mit Ariadnes Hilfe bezwang der Held Theseus den Minotaurus. Theseus erhielt von ihr einen Faden, mit dem er den Weg aus dem Labyrinth fand, in dem das Untier gefangen gehalten wurde. Nach der gemeinsamen Flucht von Kreta wurde sie von Theseus auf der Insel Naxos zurückgelassen, wo sie von Dionysos aufgenommen und zur Frau erwählt wurde. Dionysos warf ihre Krone in den Himmel, wo sie dann zu einem Sternbild wurde.[1] Diese Verstirnung eines Gegenstands bzw. einer Person wird auch Katasterismos genannt und hat einige Entsprechungen in antiker Dichtung.

In der keltischen Mythologie war die Nördliche Krone (Caer Arianrohd) das Rad (oder auch das Schloss) von Arianrhod. (Wikipedia-Eintrag „nördliche Krone“ vom 13.11.2020)

Mir gefällt das Gedicht von Paul Celan vor allem deshalb, weil es so großen Interpretationsspielraum lässt. Ich empfinde es wie ein Gemälde, in dem jeder Betrachter etwas anderes sieht und sehen darf. Es wird vermutet, dass das Gedicht an Ingeborg Bachmann gerichtet ist, mit der er eine Liebesbeziehung hatte. Ich perönlich glaube, dass sich in der letzten Strofe Anspielungen auf seine Lagererfahrungen während des dritten Reichs finden. Es ist Zeit, dass der Mantel des Schweigens über die damaligen Greueltaten gelüftet wird. Vielleicht ist es aber auch einfach nur Zeit, weiter zu gehen. Oder das Unmögliche möglich zu machen: „Es ist Zeit, dass der Stein sich zu blühen bequemt“. Ich verbinde mit „Corona“ sowohl das warme Gefühl von großer Innigkeit und Intimität, wie auch die Rastlosigkeit eines Liebhabers, der weiß, dass er den Schatz in Händen hält und doch weitergehen muss. Ein klassischer Konflikt also zwischen Bleiben und Gehen?

Corona

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt; wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, dasß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

(Paul Celan, 1920-1970; aus Der Kleine Conrady, Düsseldorf 2008)

Manchmal sind Gedichte für mich wie undeutliche Farbschattierungen, die Worte hinterlassen in der Leserin Gefühle, Ahnungen, Andeutungen, aber es gibt keine klaren Linien. Die Verse provozieren Assoziationsketten doch genaue Bedeutung entsteht nicht. Vielleicht müsste man Celan-Kenner sein, um mehr aus diesem Gedicht zu lesen, doch mir gefällt ja gerade, wie oben erwähnt, dass freie Interpretieren. Ich gehe also weniger der Frage nach: Was will der Künstler uns damit sagen? als vielmehr der Frage: was sagt das Werk mir?

Insofern wünsche ich heiteres Hineindeuten und einen schönen Freitag Abend!

Eure Merle

Das Muffeltier in mir

dav

Man sagt, jede gute Geschichte benötigt einen Konflikt. Wenn das so ist, dann ist mein Leben eine verdammt gute Geschichte. Ich bin nämlich so ziemlich ständig im Konflikt. Möchte ich A, zieht es mich bestimmt auch zu B, wobei A und B diametral entgegengesetzt sind. Am deutlichsten spüre ich meinen inneren Konflikt, wenn es darum geht, raus zu gehen oder noch besser, Sport zu machen. Es gibt einen Teil in mir, der weiß genau, wie gesund das ist, dass Bewegung an der frischen Luft belebt, dass es wichtig ist, Vitmanin D zu tanken, denn das können wir ansonsten nur in Pillen zu uns nehmen. Draußen zu sein, führt in der Regel dazu, dass man sich mit der Welt (wieder) verbunden fühlt, vor allem, wenn ich in der Natur oder doch zumindest in einem Park mit Bäumen unterwegs bin. Gehen hat eine meditative Wirkung und wenn ich tatsächlich jogge,  bin ich hinterher stolz wie Bolle.

Aber da ist auch der Kaffee, der auf mich wartet ebenso wie mein Sofa, meine Katze und das gute Buch. Und überhaupt, raus gehen heißt Menschen begegnen und dazu habe ich selten Lust, es sei denn, es handelt sich um Freunde. Ich bin kein Misanthrop, ich finde nur oft viele Menschen eher lästig und wenn man an einem Sonnentag wie diesem bei uns spazieren geht, dann begegnen einem Massen. Und die, die joggen, jagen mir ein schlechtes Gewissen ein. Das könnte ich sein. Bin ich aber nicht. Hinaus gehen bedeutet, das kuschelige Nest verlassen und meistens bin ich sehr gerne in meinem gemütlichen Zuhause. Früher war das irgendwie anders, da konnte ich nicht oft genug am Fluss oder im Park sein, doch seit einigen Jahren bin ich eher ein Couchpotato geworden. Bis auf die vielen Male, wenn ich doch raus gehe und meinen inneren Schweinehund überlistet habe. Wobei ich lieber Muffeltier sage. Es ist ein sehr muffeliges Wesen in mir zu Hause.

Zum Beispiel auch bei der Frage: in eine WG ziehen oder lieber alleine wohnen? Mensch, WG ist doch toll, besonders mit meiner Freundin E., das wird bestimmt lustig und wir verstehen uns doch so gut! Määääp! tönt es da in meinem Kopf: ja, aber ich bin doch gern allein, wenn ich aus dem Atelier nach Hause komme und wer weiß, ob ich ordentlich genug bin für eine WG und rauchen darf ich dann auch nicht in der Küche…und Morgenmuffel bin ich auch und überhaupt, das Muffeltiert, das lieber alleine vor sich hin öttelt…

Noch so ein Konflikt beladenes Thema: Rauchen. Ich fänds super aufzuhören, ich nehme es mir immer wieder vor, bin überzeugt, dass ich das schaffe…ach nee, vielleicht doch nicht, dann nehme ich wieder zu und als ich das letzte Mal aufgehört habe, ging es mir Wochen lang richtig schlecht…

Wenn man es genau betrachtet, dann sind in der Regel mein Verstand und mein Bauch im Konflikt. Ich habe bis heute Schwierigkeiten, die beiden zu konsolidieren und zu Lösungen zu kommen, die beiden gerecht werden. Meistens entscheide ich mich für eins von beiden und muss dann mit dem Gelaber des Verlierers zurecht kommen. Dabei hat mir eine sehr lebenskluge ältere Dame einmal gesagt, dass der Königsweg, um Hirn und Bauch zu versöhnen, über das Herz geht. Huch? Hab ich kein Herz? Doch, ich glaube schon, aber ich höre nicht oft genug hin! Beziehungsweise, das Geschrei der beiden anderen Kontrahenten ist oft so laut, dass ich die Stimme meines Herzens einfach nicht mitbekomme. Und mein Muffeltier hat ein besonders lautes, tiefes, dröhnendes Organ, da kommt so eine feine Stimme einfach nicht gegen an.

Also lautet die Devise: Zeit nehmen. Zur Ruhe kommen, genau hinhören. Durchaus auch mal bewusst auf mein Herz konzentrieren und es fragen, was es für angemessen hält. In den seltenen Fällen, in denen ich das bisher gemacht habe, kam ich immer zu einem Ergebnis, das uns allen gefallen hat. Ich mach das nur zu selten, weil mein Muffeltier natürlich auch hier dagegen ist. Und es ist extrem gut darin, mir vorzumachen, dass alleiniges einigeln das Beste ist, was es gibt. Nur schmore ich dann zu lange in meinem eigenen Saft, das hilft auch keinem weiter.

Doch ich übe und mache Fortschritte. Versuche, mein Muffeltier und meinen Verstand Schritt für Schritt mit meiner Herzensstimme bekannt zu machen. Ich bin zuversichtlich, dass ich so einige meiner Konflikte zumindest sanfter werden lassen kann. Denn wenn die Geschichte dahinter auch noch so gut ist: im ständigen inneren Kampf zu sein macht keinen Spaß, es ist anstrengend. Auch daran erkennt man, dass das Herz in der Entscheidung beteiligt ist: die Dinge fließen und ergeben sich wie von selbst. Und so lässt es sich doch viel besser leben.

Nun wünsche ich Euch noch einen schönen Sonntag und wenn ihr mal nicht ins schöne Wetter rausgehen wollt und Euer Muffeltier Euch aufs Sofa verbannt, denkt Euch nichts, es kommen weitere schöne Tage, man muss auch nicht aus jedem Tag das Maximum herausholen… sagt mein Herz.

Es grüßt Euch Eure Merle

Der Kellertornado

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Für 25 Minuten stand ich heute Vormittag im Auge des Sturms. Ich bin immer noch ein wenig neben der Spur, so rasant schnell hatte ich mir die Entrümpelung meines Kellers nicht vorgestellt. Aber es lief quasi wie am Schnürchen, denn die beiden Packer waren schnell wie der Wind und hoben Lasten, die ich im Traum nicht einer Person in die Hand gedrückt hätte. Große Umzugskartons voll mit Papier wurden mal eben die steile Kellertreppe hochgewuppt, da konnte ich nur mit den Ohren schlackern.

Ich sollte eigentlich froh und erleichtert sein, dass ich es jetzt hinter mir habe. Doch ich fühle mich irgendwie leer und ein leiser Schmerz zieht sich durch meine Eingeweide. Das Kellerabteil am Ende fast komplett geräumt zu sehen war eine Wohltat, keine Frage. Aber es gingen auch Dinge weg, von denen ich zwar dachte, ich hätte mich verabschiedet, aber offensichtlich hält da ein Teil von mir noch fest. Allerdings ist für mich auch völlig klar gewesen: was ich 15 Jahre nicht gebraucht habe, das brauche ich jetzt auch nicht mehr.

Dennoch, meine Massen an kopierten Büchern und Aufsätzen aus dem Studium wegzuschmeißen ist ein großer Schritt gewesen. Jetzt sind endgültig alle Spuren aus der Zeit beseitigt. Ich habe keine Ahnung, was ich damit noch hätte anfangen sollen, trotzdem regt sich eine Stimme in mir, die sagt, ich hätte genauer gucken sollen, vielleicht wär doch noch was Wichtiges dabei gewesen… Auch einen Klappsessel von Ikea und einen Kleiderschrank habe ich weggegeben. Eigentlich war ich mir sicher, die beiden Möbelstücke nicht mehr haben zu wollen. Doch auch hier schleichen sich Zweifel ein, ob das richtig war. Auf dem Klappsessel hätte doch Besuch noch schlafen können, den Kleiderschrank hätte ich in einer Wohnung gebrauchen können, die nicht über eine Kleiderkammer verfügt… Allerdings war der Klappsessel ein unschönes Ungetüm, auf dem ich Jahre nicht mehr gesessen bin und der Kleiderschrank ohnhin nicht groß und stabil genug, als dass alle meine Kleider reinpassen würden. Außerdem habe ich die Schrauben und Dübel für den Schrank nicht mehr.

Jedoch, so merke ich jetzt, ich habe viele Erinnerungen, die ich mit beiden Möbeln verbinde und diese loszulassen tut weh. Auf dem Sessel habe ich zig Stunden mit meinem Kater Frodo auf dem Schoss verbracht. Den Kleiderschrank verbinde ich lustiger Weise mit Hamburg, weil ich so stolz darauf war, dass ich ihn dort damals ganz allein aufgebaut habe. Was Loriot-würdig ausgesehen haben muss… Und natürlich geht auch mit dem Wegwerfen der Studienunterlagen eine Ära zu Ende bzw. sie bekommt einen Endpunkt: meine Identifikation als Ethnologin ist damit endgültig perdu. Das macht nichts und doch bewegt es mich.

Die zwei sehr kleinen aber extrem starken Männer, die unter Aufsicht ihres Chefs den Keller leerräumten, waren so fix, dass ich mich auch ziemlich unter Druck gesetzt gefühlt habe, selber zügig vorzugehen. Schlussendlich glaube ich, das war gar nicht so schlecht, so hatte ich keine Zeit, ins Grübeln zu kommen. Aber irgendwie fehlte auch die Zeit zum Abschied nehmen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich die brauche, offensichtlich aber schon.

Von all dem abgesehen, fühle ich mich auch etwas über den Tisch gezogen. Ich hatte die Rümpelfirma von 380,- auf 300,- runter gehandel. Als wir nach einer knappen halben Stunde schon durch waren, dachte ich mir dann aber doch, dass das immer noch zu viel ist. Ich deutete das an, als ich dem Chef das Geld gab, aber er meinte nur unwirsch, für ihn sei die Arbeit ja noch nicht vorbei. Da hat er natürlich Recht, trotzdem ein toller Stundenlohn!

Wenn ich gewusst hätte, dass mir keine einzige Spinne beim Ausräumen über den Weg läuft und dass die Sachen nicht alle mit Spinnweben überzogen sind, dann hätte ich einen Transporter gemietet, den ein Freund hätte fahren können und ich hätte mit ihm zusammen das Zeug entsorgt. Das hätte viel länger gedauert und wäre eine schweißtreibende Aktion gewesen, aber möglich. Insofern habe ich also eine sehr teure Phobie. Vielleicht sollte ich mal eine verhaltenstherapeutische Desensibilisierung mitmachen… der nächste Keller kommt bestimmt.

Aber ach, ich will nicht meckern, auch wenn es sich immer noch anfühlt als wäre ein Tornado über mich hinweg gefegt, war es schon gut, dass alles so fix und reibungslos über die Bühne ging und es ist definitiv ein gutes Gefühl, dass das Kellerabteil jetzt wieder schön übersichtlich und sauber aussieht… Und für den nächsten zu entrümpelnden Keller merke ich mir, dass es Sinn macht, sich vorher von den Artefakten des eigenen Lebens zu verabschieden.

Für heute herzliche Grüße und ein goldenes Herbstwochenende Euch,

Eure Merle

Wahlen in den USA oder: Dummheit, die sprachlos macht…

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Ich weiß nicht, wie es Euch geht mit den Wahlen in Amerika – ich kann schon nicht mehr hinschauen. Es war mir bekannt, dass Trump schon lange vor den Wahlen das Wahlsystem bzw. die Abwicklung der Wahl in Misskredit gebracht hat, aber dass er ernsthaft gerichtlich gegen die weitere Auszählung von Stimmen vorgeht, das konnte ich mir tatsächlich nicht vorstellen. Trump muss bewusst sein, dass er damit der amerikanischen Demokratie schadet, undzwar in einem Ausmaß, dass einem die Luft weg bleibt. Doch er ist nicht nur ein schlechter Verlierer, er ist ein brandgefährlicher Autokrat. Das wird jetzt so richtig schön offenbar. Ihm muss auch klar sein, dass er die USA dastehen lässt wie eine drittklassige Bananenrepublik, und doch macht er weiter und nimmt in Kauf, dass seine bewaffneten Fans so richtig aufgestachelt werden. Ich habe in den Nachrichten einen kurzen Clip über Maschinenpistolen tragende Trump-Anhänger vor Wahllokalen gesehen, da kommt mir das kalte Grausen. Und jetzt hat sein Sohn auch noch zum totalen Krieg aufgerufen.

Ich habe im Nebenfach Politologie studiert, daher weiß ich ein bißchen was über das Wahlsystem und die Gesellschaft in den USA. Doch selbst, wenn man sich die gesamte Historie Amerikas anschauen würde, das erklärt meiner Meinung nach alles nicht, wie es dazu kommen konnte, dass dieser widerwärtige Cretin das Land gegen die Wand fährt. Ich muss dieser Tage daran denken, dass es immer wieder Versuche in den USA gibt, die Evolutionstheorie aus dem Lehrplan zu nehmen und stattdessen den Kreationismus zu lehren – also die Auffassung, dass Gott exakt so, wie es in der Bibel steht, die Welt erschaffen hat. Genau. Und die Erde ist eine Scheibe. Sind die Menschen dort wirklich so, nunja, dumm? Kann das alles am Homeschooling liegen? Am tendentiösen Fox-Sender? An der Sehnsucht nach einem starken Mann aus den eigenen Reihen, also nicht aus dem sogenannten Establishment?

Fest steht, auch bei uns gibt es sogenannte bildungsferne Schichten und ich bin mir sicher, wenn man eine umfangreiche Befragung zum politischen System und zur Geschichte Deutschlands durchführen würde, da kämen auch krasse Antworten bzw. eine Menge Fragezeichen bei den Befragten auf. Aber was in Amerika abgeht, das kann ich mir für die BRD wirklich nicht vorstellen. Damit klar wird, wovon ich rede, hier also ein Tweet den mir eine Freundin geschickt hat. Ich muss gleich vorneweg sagen, ich hab es bis zur Hälfte ungefähr geschafft, dann musste ich aufhören den Clip anzuschauen, es ist einfach zu horrend. Hier also das ganze Ausmaß der Misere:

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Na, tapfer durchgehalten? Alles angeguckt? Oder doch lieber vorher ausgestiegen, weil das, was man da hört nicht nur Fremdschämen verursacht? Nein, ich finde, es tut weh. Ist das nicht unfassbar? Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ja, und damit auch der unbegrenzten Unterbelichtung. Es muss ja nicht jeder das hellste Licht im Leuchter sein, aber sowas ist schon kriminell. Eigentlich erstaunlich, dass Trump noch keine Klage gegen den Journalisten eingereicht hat. Aber vielleicht hat er ja auch…

Ich fürchte, es wird noch eine ganze Weile dauern, bis alle Stimmen ausgezählt sind und selbst dann wird Trump sein Amt nicht kampflos aufgeben. Nachdem, was ich gesehen und gelesen habe, halte ich gewaltsame Auseinandersetzungen nicht für unwahrscheinlich. Und das ist so traurig. Wenn ich bedenke, wie groß die Freude und Hoffnung war, als Obama damals Präsident wurde… doch das scheint Lichtjahre her. Es ist, als ob sich nach einer Phase des Fortschritts ein Abgrund aus Rückschritt und größtmöglicher Ignoranz gebildet hat und das ist mir unbegreiflich.

Nun, es bleibt abzuwarten, was die nächsten Tage bringen. Ich hoffe inständig, dass es für Biden und insgesamt nochmal glimpflich ausgeht… denn, wie heißt es so schön, die Hoffnung stirbt zuletzt…!

Ich wünsche Euch trotz allem ein beschauliches Wochenende!

Eure Merle