Von Übergriffigkeit und Privatsphäre

dav

Einer der wichtigsten Aspekte einer Paarbeziehung ist die Nähe-Distanz-Regulation und damit verbunden die Wahrung der Grenzen des Partners. Während ich in den letzten Wochen dachte, die große Herausforderung sei es, mehrere Tage am Stück mit dem signifikanten Anderen in meiner kleinen 1,5-Zimmer-Wohnung zu verbríngen, wurde ich vorgestern eines besseren belehrt. Es war meine eigene Ungeduld, die mich dazu verführte, übergriffig zu agieren und die Grenzen des Anderen zu verletzen – über eine Distanz von einer 2-stündigen Autofahrt hinweg.

Was war passiert? Es stand die Frage eines Besuchs bei mir in München im Raum, wobei noch ein fraglicher Termin des signifikanten Anderen geklärt werden musste. Es handelte sich um einen wichtigen Termin in einer wichtigen Angelegenheit bei einer wichtigen Autoritätsperson. Da schlug ich kurzerhand vor, er solle der Autoritätsperson doch einfach mitteilen, dass er den Termin nur per Zoom (eine Konferenz-App) wahrnehmen könne. Kaum ausgesprochen, war mir auch schon bewusst, was ich da gemacht hatte. Damned! Ich hätte mich ohrfeigen können. Das Telefonat wurde zivilisiert aber angespannt beendet und nachdem ich aufgelegt hatte, grübelte ich fieberhaft darüber nach, wie das hatte passieren können. Sicherlich keine große Sache, aber doch ein faux-pas, dessen Wiederholung ich tunlichst vermeiden sollte: es stand mir schlichtweg nicht zu, mich in diese Angelegenheit einzumischen und einen solchen Ratschlag zu geben, insbsondere da mir die Relevanz des Termins durchaus bewusst war; ebenso wie die Konvention, dass eine derartige Nachricht an die Autoritätsperson eigentlich ein no-go wäre. Konsequenter Weise entschuldigte ich mich bei meinem signifikanten Anderen und damit war bzw. ist die Sache eigentlich aus der Welt geschaffen, aber sie beschäftigt mich immer noch.

In meiner Ungeduld und dem Wunsch nach einem längerem Besuch hatte ich vergessen, dass Ratschläge auch Schläge sind und dass unerbetene Ratschläge gleich doppelt so unangemessen sind. Und das meine ich vollkommen ernst. Es ist und bleibt eines jeden eigene Entscheidung, wie wir mit den Ereignissen und Herausforderungen des Lebens umgehen und erst, wenn mich jemand dezidiert nach meiner Meinung oder um einen Rat fragt, ist es angemessen, mich zu äußern. Und auch dann kommt es auf die Wortwahl an. „Du musst…“, „Mach auf jeden Fall…“, „Sei immer…“ sind keine opportunen Formulierungen, um jemanden zu beraten. Viel eher schon: „Wenn ich an Deiner Stelle wär…“, „Ich könnte mir vorstellen…“, „Was hältst Du von…“ sind da doch passendere Worte, wenn ich dem Anderen meine Sicht der Dinge darlegen möchte. Denn das bleibt es ja so oder so: meine Sicht auf die Dinge und die kann immer nur begrenzt die des Anderen beinhalten.

Es passiert leicht, besonders in Freundschaften und Paarbeziehungen, dass wir die Grenzen ignorieren. Sie verwischen, man achtet nicht mehr drauf, schließlich ist man sich doch nahe, da kann ich doch einfach mal was raushauen, Handlungsempfehlungen geben und meine Ansicht der Sachlage an den Mann/die Frau bringen. Die meisten Menschen machen das ganz selbstverständlich und merken gar nicht, wie übergriffig das ist. Es fängt schon damit an, dass wir dann gerne Du-Botschaften senden, obwohl wir doch eigentlich uns selbst meinen und dem anderen zum Beispiel schlechte Laune unterstellen, die wir tatsächlich selbst haben. In der sogenannten gewaltfreien Kommunikation ist ein wichtiger Pfeiler das senden von Ich-Botschaften und das Bei-Sich-Selbst-Bleiben. Damit wird übergriffiges Sprechen verhindert und es erleichtert die Kommunikation, weil wir klare Botschaften senden, auf die viel einfacher reagiert werden kann. Hätte ich dem signifikanten Anderen beispielsweise gesagt: „Ich verstehe, dass der Termin wichtig für Dich ist, ich habe mir gerade überlegt, ob es eine Option wäre, ein Zoom-Meeting vorzuschlagen…“ dann wäre die Botschaft ganz anders angekommen.

Aber nicht nur in der Kommunikation ist die Grenzwahrung wichtig, auch im alltäglichen Umgang miteinander spielt Privatsphäre eine wichtige Rolle. Wenn ich zum Beispiel von befreundeten Paaren höre, dass diese die Badezimmertür offen lassen, wenn sie die Toilette benutzen, dann wird mir ganz anders. Ich frage mich dann, ob die größtmögliche Offenbarung der eigenen Intimsphäre wirklich gut für die Beziehung ist, oder ob nicht stattdessen sowohl eine Abstumpfung eintritt als auch der Verlust der erotischen Spannung. Es gibt in einer Sex and the City-Folge den wunderbaren Satz von Miranda, dass ihre Beziehung aufhört sexy zu sein, als sie anfängt, die Unterhosen ihres Freundes mitzuwaschen.

Dieser Perspektive folgend stelle ich fest, dass es nach meinem Dafürhalten nicht wirklich förderlich ist, die eigene Privatsphäre in einer Beziehung aufzugeben. So frage ich zum Beispiel auch nicht nach Telefon-Gesprächspartnern bzw. verlasse den Raum, wenn ein Telefonat geführt wird (falls der signifikante Andere das nicht ohnehin selbst macht), ich stelle keine bohrenden Fragen, wenn ich merke, dass über bestimmte Themen nicht gerne gesprochen wird und ich enthalte mich – in der Regel – meiner Stimme und höre lieber zu, wenn mir von Problemen erzählt wird. Das wirklich interessante dabei ist, dass wir durchaus sehr persönliche Gespräche führen, aber eben unter Wahrung der intimen Grenzen – die man übrigens viel leichter ausweiten kann, wenn man spürt, dass der Andere die Grenze respektiert. Wer tief graben will, übergriffig ist und Druck ausübt, wird eher auf Verschlossenheit stoßen als jemand, der dem Anderen selbst überlässt, was preisgegeben werden will und was nicht.

Insofern ist dies ein Plädoyer für den achtsamen und wohlwollenden Umgang mit unser aller Grenzen – übrigens natürlich auch der eigenen! Wer seine eigenen Grenzen kennt und achtet, der wird auch weniger oft die der Umwelt verletzen, denn das Bewusstsein für die Notwendigkeit der eigenen Integrität schafft auch eine Achtsamkeit für die der Anderen.

Mit diesem Gedanken verabschiede ich mich für heute und verbleibe

herzlich, Eure Merle

4 Gedanken zu „Von Übergriffigkeit und Privatsphäre“

    1. Ist das relevant für die Aussage des Textes? 😉 Ich mag all die Schubladen und Kategorien nicht, in denen Paare sich sonst gerne einordnen. Auch gefällt es mir nicht, von „meinem Freund“ zu sprechen, als Unterscheidung zu „einem Freund“… Mit Erich Fried möchte ich sagen: „Es ist was es ist…“ Herzliche Grüße! Merle

      Gefällt mir

      1. ich denke schon, dass es einen qualitativen unterschied macht, ob es sich um einen freund im sinne von quasi-lebensgefährten (geht auch mit getrennten wohnungen) oder „einen freund“ (klingt ein bissel nach facebook-freundschaft) handelt.
        der grad der verbindlichkeit richtet sich nach dem grad der nähe. und ab einem bestimmten punkt interessiert es mich schon auch, wer da angerufen hat. ginge mein freund zum telefonieren raus, würde mich das ohne erklärung höchst skeptisch stimmen.

        Gefällt mir

      2. Ja, kann ich nachvollziehen, aber für mich ist das tatsächlich etwas anders. Das hat natürlich auch mit Vertrauen zu tun… Wenn das vorhanden ist, fällt es meiner Erfahrung nach leichter, dem anderen seinen Raum zu lassen. Das wiederum ist m.E. wichtig, damit beide atmen und wachsen können… (Ich spreche hier also nicht von einer Kumpel-Freund- schaft…)

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s