Über Perfektionismus

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Perfektionismus kann eine feine Sache sein. Für eine Weile. In bestimmten Lebensbereichen. Doch wenn der Anspruch, perfekt sein zu wollen, das ganze Leben bestimmt, dann wird es haarig, dann verheddern wir uns, überfordern uns, machen uns selbst das Leben schwerer als es eigentlich ist.

Als ich studierte, half mir mein Perfektionismus, schnell und mit hervorragenden Noten durch das Studium zu kommen. Ich war jung, wissbegierig, engagiert und hatte keine Probleme, bis nachts um zwölf Max Weber oder Adorno zu lesen. Mein dazu kommender Idealismus gab mir eine unglaubliche Kraft und ich glaubte außerdem uneingeschränkt an die Wissenschaft und ihre Vorzüge. Ich wollte so schnell wie möglich so viel Wissen wie möglich erlangen und in gewisser Weise gelang mir das auch. Erst später verstand ich, dass mein Perfektionismus auch dazu führte, dass ich zum Teil eine Brille mit recht begrenzter Perspektive trug und so darauf bedacht war, die Anforderungen zu erfüllen und einen perfekten Lebenslauf zu gestalten (Stichwort Praktika), dass ich ganz vergass, was ich selbst eigentlich wollte. Im Studium kam mir mein Perfektionismus schließlich bei meinen Abschlussprüfungen in die Quere: die erste mündliche Prüfung in Politikwissenschaft ging vollkommen daneben. Ich hatte mich so unter Druck gesetzt, meine 1 nicht zu versauen, dass ich vor lauter Prüfungsangst schlichtweg nicht mehr sprechen konnte. Ich war stumm. Über die Hälfte der gesamten Prüfungszeit. Hätte mein Professor mich nicht gekannt und gewusst, dass ich eigentlich vieles weiß – ich hätte nicht bestanden. Doch mein Prof war so verständnisvoll, dass er mich quasi durch den Rest der Prüfung lotste und so kam trotzdem noch eine gute Note dabei heraus. Auch Glück braucht der Mensch in manchen Lebenslagen.

Im Arbeitsleben dann half mir mein Perfektionismus, mich in völlig fachfremde Themen einzuarbeiten und sehr exakt und akribisch zu arbeiten. Das war eine Anforderung an meine Stelle, die ich sehr gut erfüllte. Eine Aufgabe abzulehnen kam nie in Frage und selbstverständlich ging ich auch krank in die Arbeit. Das wurde erwartet und also auch gemacht. Mein Talent, mich in sachfremde Gebiete hineinzuvertiefen führte dann auch dazu, dass ich über die Jahre mehrmals befördert wurde und schließlich hatte ich eine Position inne, die ich eigentlich als Ethnologin niemals würde ausfüllen können. Doch ich war wild entschlossen, auch diese Aufgabe zu meistern und perfekt zu erledigen. Es kamen also eine Menge Überstunden dazu, ich studierte manche Fälle noch zu Hause und im gleichen Zuge wurde mein Schlaf immer schlechter und mein Befinden immer trüber. Obwohl ich eine Teilzeitstelle hatte, erledigte ich das Pensum einer Vollzeitstelle und irgendwann musste auch ich einsehen, dass ich der Aufgabe nicht mehr gewachsen war. Interessanter Weise war ein häufiger Streitpunkt mit meinen Vorgesetzten genau der, dass ich die Dinge zu genau nahm und zu viele Fragen stellte. Ich wollte alle Sachverhalte möglichst umfassend und rechtlich hieb- und stichfest bearbeiten – doch das lag gar nicht im Interesse der Firma! Jedenfalls folgte dann ein Jahre langer Kampf mit Kollegen und Chefs, den ich hier gar nicht wiedergeben möchte, weil es mir darum nicht geht – das Ergebnis war allerdings, dass ich ernsthaft krank wurde und das führe ich widerum zu einm großen Teil auf meinen Perfektionismus zurück.

Denn während ich in der Arbeit 150% gab, war es mir auch wichtig, mich in meinem Privatleben zu optimieren und vollkommen zu sein. Ich weiß noch, wie verzweifelt ich war, als ich Tai Chi begann. Eine wunderbare Sportart, die sehr viel mit Langsamkeit und Geduld zu tun hat. Mich machte es schnell wahnsinnig, dass ich in der Ausführung der sogenannten Form noch nichtmal in die Nähe der Performance meiner Lehrerin kam. Gleichzeitig verschlang ich Bücher über Selbstfindung, ging zu einem Coach und besuchte Retreats, die mich endlich zu einem perfekten Menschen machen sollten. Das in der Kindheit versäumte nachholen, reife Tugenden entwickeln (Geduld, Mitgefühl, Mut, Selbsterkenntnis, die eigene Berufung entdecken…), einen Plan für die Zukunft entwerfen, die perfekte Partnerin sein und die perfekte Freundin.

Heute werde ich schon müde, wenn ich nur den vorhergehenden Absatz lese. Und es ist die Ironie schlechthin, dass ich all das, was ich da erreichen wollte, in der Zeit, als ich noch volle Kraft voraus lebte und meinem Perfektionismus fröhnte, nicht erreichen konnte – sondern erst, als ich durch Krankheit gezwungen wurde, alles loszulassen und anzufangen, wirklich langsam zu leben. Zurück zu den basalen Dingen: bewusst atmen, Körper spüren, Gedanken beoachten und ziehen lassen. Gutes Essen essen, genug Wasser trinken, maßvolle Bewegung. Mein an mich selbst gestellter Anspruch und die mir gesetzten Ideale hatten mir nicht nur alle Kraft geraubt, sie hatten mich so sehr von mir selbst entfernt, dass ich erstmal damit anfangen musste zu lernen, wie ich mit mir selber leben kann. Das klingt vielleicht verrückt, aber ich war tatsächlich so außerhalb von mir, dass ich vollkommen die Erdung und damit jeden Halt verloren hatte. Mein ewiges Streben danach, besser zu sein, hatte genau das Gegenteil bewirkt: es ging mir immer schlechter und in der Folge, konnte ich weder mir selbst noch für andere eine gute Freundin sein.

Das perfide am Perfektionismus ist, dass es solange damit gut geht, wie die Aufgaben klar, nachvollziehbar und überschaubar sind. Wenn aber die Schere zwischen Anspruch und Realität zu groß wird, dann übernehmen wir uns und gehen im Zweifelsfall an dem Konflikt kaputt. Was im Studium noch machbar war, weil das Pensum handhabbar und die Aufgabenstellung klar war, ging im Berufsleben nach einer Weile komplett daneben. Und was die Selbstoptimierung im psychischen und seelischen Bereich angeht, da ist Perfektionismus nunmal völlig unangebracht, weil diese Dinge ihr ganz eigenes Tempo haben und Zeit und Muße brauchen um zu wachsen. Wie ein sehr kluger Mensch mir mal sagte: das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht. Wie wahr. Und das gleiche gilt auch für unsere neuronalen Verknüpfungen, emotionalen Muster und seelischen Wunden. Persönliches Wachstum und Heilung brauchen sehr viel Geduld, genügend Raum und Ruhe; Druck und hochtrabende Ideale sind da doch eher hinderlich.

Mein Körper und meine Seele haben mich irgendwann gezwungen, das zu erkennen und zu akzeptieren. Lang hats gedauert und ich falle manchmal noch zurück in meine alten, perfektionistischen Gedankenspiralen… aber es wird immer besser mit der Gelassenheit und der Gewissheit, dass alles seine Zeit hat. Dass ich mit der Erwerbsminderungsrente einen unglaublichen Luxus genieße, den es in anderen Ländern zum Beispiel gar nicht gibt, ist mir bewusst. Ich sage nicht, dass sie mir nicht zusteht – aber es ist schon großes Glück, dass ich in einem Land lebe, in dem es so etwas gibt. Ich darf mir die Zeit nehmen die ich brauche, um gesund zu werden. Dafür bin ich unendlich dankbar. Und wenn der Perfektionismus mal wieder sein Haupt hebt, dann lächle ich ihm zu und sage freundlich aber bestimmt: „Danke, dass Du auf mich aufpassen möchtest, aber das brauche ich nicht mehr, Du darfst Dich zur Ruhe legen.“

Niemand ist perfekt – oder wir alle sind es schon. Das kommt jetzt auf die Sichtweise an. Das Streben nach Perfektion aber ist im besten Fall ein zweischneidiges Schwert. Manche Dinge mögen wir damit besser und schneller erreichen, aber ob wir damit auch besser ans Ziel kommen, ist die andere Frage.

Und damit verabschiede ich mich für heute und wünsche allen noch einen schönen Tag!

Herzlich, Eure Merle

5 Gedanken zu „Über Perfektionismus“

  1. klingt, wenn man das so liest, tragisch bis dramatisch. ich kann da nicht mitreden, weil ich mehr der improvisierer bin und das auch sein musste angesichts mancher lebenssituation. am meisten merke ich das beim malen. wenn ich müde bin, entstehen die besten (und schnellsten) bilder. nehme ich mir rein pragmatisch irgend ein projekt vor, kann es wochen dauern, ehe ich fertig werde.
    ne, anscheinen macht improvisieren mehr spaß, geht schneller und verschafft einem auch mehr erfolgserlebnisse.

    Gefällt 1 Person

    1. Interessanter Weise ist Malen für mich meistens eine Tätigkeit, wo ich nicht perfekt sein muss… Das war lange eine meiner Inseln… Und ja, es war zeitweise dramatisch, aber ich bin gestärkt daraus hervor gegangen 😉
      Danke Dir für Deinen Kommentar und liebe Grüße, Merle

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