Das ist nicht meins!

Grenzen (2)

Wer kennt das nicht: man trifft sich mit einer Freundin, freut sich auf einen gemütlichen Kaffee-Nachmittag und dann kommt die andere Person mit einer derart schlechten Laune, dass man weglaufen möchte. Was man theoretisch tun könnte, doch natürlich machen wir das nicht, weil wir ja mit der Person befreundet sind und uns anhören möchten, was diese in so eine miese Verfassung gebracht hat. Wir bleiben also, sind verständnisvoll, hören zu und – kaum hat man sich’s versehen, sind wir in genau der gleichen Stimmung. Was ist passiert? Richtig, wir waren nicht im Mitgefühl sondern im Mitleid, und das ist etwas entschieden anderes.

Es ist gar nicht immer so leicht, im Mitgefühl zu bleiben, wenn wir uns von anderen abgrenzen möchten. Doch diese Abgrenzung ist notwendig, wollen wir nicht im Mitleid versinken. Das Bewusstsein, dass, was auch immer gerade passiert ist und egal, welches Drama sich vor unseren Augen und Ohren entfaltet, dies die Geschichte des Anderen ist und nicht meine, ist unglaublich wichtig. Die Erkenntnis, dass Deine Laune Deine eigene ist und nichts mit mir zu tun hat, ist sehr befreiend, hat man sie erstmal gewonnen. Natürlich ist mir nicht egal, wie sich meine Freundin fühlt, aber ich gehe nicht mit in ihre Trauer, Bitterkeit oder Genervtheit sondern bleibe bei mir. Das schließt die Achtung und Wertschätzung meines Gesprächspartners mit ein, nicht aber die Übernahme der Emotionen.

Manche Menschen reagieren irritiert, wenn ich mich derart abgrenze und sie möchten, dass ich ihr Drama miterlebe. In solchen Fällen ist es besonders schwer, sich abzugrenzen. Mir hilft es dann, bewusst zu atmen, mich auf mein Zentrum zu konzentrieren und innerlich in die Beobachter-Position zu gehen. Das klappt manchmal nicht, besonders wenn mein Gegenüber sehr vehement und nachdrücklich spricht, aber meistens funktioniert es.

Ich bin der festen Überzeugung, dass ich meinem Gesprächspartner auch gar keinen Gefallen tue, wenn ich Mitleide. Denn was bedeutet Mitleid eigentlich? Es schließt mit ein, dass ich den anderen als klein und bedürftig sehe. In Mitleid schwingt die Annahme mit, dass der andere Hilfe benötigt und nicht in der Lage ist, sich selbst zu helfen. Doch das ist in der Regel durchaus der Fall! Die meisten Antworten haben wir in uns selbst, vorausgesetzt wir sind einigermaßen mit uns selbst in Kontakt und in der Lage, uns selbst zu beobachten. Bin ich im Mitleid, spreche ich dem Gegenüber die Kompetenz und Ressourcen ab, aus der Misere hinaus zu finden und bestätige einfach nur, dass der Andere wirklich in einer sehr schlimmen Situation ist. Bin ich aber im Mitgefühl, dann zeige ich Verständnis und Wertschätzung für das Erleben des Anderen und bin im besten Fall ein Spiegel, in dem mein Gegenüber sich sehen kann. Durch diese Haltung ermuntere ich – im besten Fall – dazu, sich das ganze auch mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten und die eigene Stärke zu nutzen, die Situation zu verändern.

Davon abgesehen geht es mir selbst viel besser, wenn ich nicht mitleide sondern mitfühle. Es tut nicht Not, sich in die (emotionalen) Dramen meiner Mitmenschen hinein zu begeben, damit ist keinem geholfen. Ich fände es selber auch schlimm, wenn ich einer Freundin etwas Belastendes erzähle und sie dann mit mir mit leidet. das möchte ich nicht. Und deshalb ist es so wichtig, dass wir lernen zu unterscheiden: was ist Deines, was ist meins. Manchmal triggern natürlich die Erzählungen des Anderen unsere eigenen negativen Gefühle. Doch auch dann ist es wichtig, zu erkennen: aha, ich reagiere jetzt mit Erinnerungen auf die Erzählung meines Gegenübers – aber ich bin jetzt nicht in dieser Situation und muss meine eigenen Emotionen nicht auf den anderen projizieren. Ist das hohe Schule? Vielleicht ja, aber es macht den Umgang mit unserer Umwelt um so vieles einfacher!

Die bewusste Setzung von Grenzen, wenn wir in der Rolle des Zuhörers sind, gestaltet unsere Begegnungen leichter aber auch liebevoller. Im Mitgefühl muss ich keine Angst haben, dass mir mein Gegenüber meine Energie raubt. Im Mitgefühl bin ich in Resonanz, nicht in der Abwehr. Im Mitgefühl sind wir uns der geteilten menschlichen Erfahrung bewusst – nämlich, dass es uns allen mal bescheiden geht – aber wir nehmen dem anderen nicht die Verantwortung ab, sein Leben zu meistern. Im Mitgefühl achte ich den Weg des Anderen, wo auch immer er hinführt und weiß um meinen eigenen. Das macht es möglich, das Drama loszulassen und zu kreativen Lösungen zu kommen.

Mit diesen Gedanken verabschiede ich mich für heute und wünsche Euch allen ein schönes Wochenende!

Eure Merle

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