Vom Träumen

Heute beginne ich mit einem Gedicht von Georg Heym aus dem Jahr 1912:

Träumerei in Hellblau

Alle Landschaften haben
Sich mit Blau gefüllt.
Alle Büsche und Bäume des Stromes,
Der weit in den Norden schwillt.

Blaue Länder der Wolken,
Weiße Segel dicht,
Die Gestade des Himmels in Fernen
Zergehen in Wind und Licht.

Wenn die Abende sinken
Und wir schlafen ein,
Gehen die Träume, die schönen,
Mit leichten Füßen herein.

Zymbeln lassen sie klingen
In den Händen licht.
Manche flüstern, und halten
Kerzen vor ihr Gesicht.

Ich muss sagen, ich träume äußerst selten wenn ich schlafe, und wenn, dann meistens davon, dass ich mein Abitur noch nicht gemacht habe. In dem Traum bin ich als Erwachsene immer noch in der Schule und frage mich immer bang, wie ich das Abitur in Mathematik nur hinkriegen soll – als ich damals tatsächlich mein Abitur machte, konnte man Mathe noch abwählen, mit der richtigen Fächerkombination. Es ist kein schöner Traum, ich bin angsterfüllt und unsicher und frage mich dann am Schluss immer, ob ich tatsächlich noch keinen Schulabschluss habe…. der Traum endet in der Regel ohne Antwort. Ich bin dann immer sehr erleichtert, wenn ich aufwache.

Dafür habe ich umso schönere Tagträume 🙂 Darin bin ich wirklich eine Meisterin. Ich stelle mir die Dinge vor, die ich (noch) nicht in meinem Leben habe, von denen ich aber träume, im Sinne von: es sind sehnliche Wünsche. Dazu gehört, mit einem Hund zu leben (vorzugsweise ein Magyar Vizsla), direkt am Chiemsee zu wohnen und meinen Lebensunterhalt mit Kunst und/oder Coaching bzw. einer heilenden Tätigkeit zu verdienen. An guten Tagen bin ich davon überzeugt, dass ich das alles noch realisieren werde, an schlechten Tagen machen mich meine Träume traurig, weil sie sehr weit weg scheinen, sehr unrealistisch, sehr vermessen. Aber was sind Träume, wenn nicht vermessen? Oder sagen wir lieber: groß angelegt, nach den Sternen greifend. Und wer will schon beurteilen, was möglich ist und was nicht? Es gibt durchaus Szenarien, die realistisch erscheinen, in denen ich meine Träume verwirkliche, aber ob das so kommen wird…?

Dann wieder kommen mir meine Träume vor wie ein Stück Schokolade, das einem vor die Nase gehalten wird, das man aber nie bekommen wird. Eine Art Teaser, um weiter zu machen, nicht zu resignieren… und was mache ich dann, wenn ich mir die Träume wirklich erfüllt habe? Wovon träume ich dann? Kann es sein, dass ich mich selbst sabotiere, um immer etwas zu haben, wovon ich träumen kann?

Mein größter, wichtigster Traum ist es, kein Hasenfuß mehr zu sein. Denn meine Hasenfüßigkeit hält mich davon ab, meine anderen Träume Realität werden zu lassen – abgesehen vom Geld. Beides Faktoren, die man nicht mal eben so verändert. Und davon abgesehen: was mache ich, wenn mir die Erfüllung der Träume gelingt, aber alles ganz anders wird, als erhofft? Der Hund eine schwer erziehbare Belastung, das Leben am Chiemsee schrecklich einsam und der Beruf zu langweilig?

Bei so viel wenn und aber wundert es mich nicht, dass meine Träume noch Träume sind. Träume konfrontieren uns mit uns selbst – seien es nun die Filme im Schlaf oder die Sehnsüchte bei Tag. Wer sich anguckt, wie er oder sie mit den Wünschen und Traumbildern umgeht, lernt viel über sich selbst. Ich stehe mir selbst im Weg, das hab ich verstanden. Mal sehen, wann ich den entscheidenden Schritt zur Seite gehe.

Und damit wünsche ich Euch für heute schöne Träume, ob bei Tag oder Nacht…

Herzlich, Eure Merle

Das ist wegen Corona…!

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Gibt es eine Ärztin oder Apothekerin unter meinen Leser*innen? Kann mir irgendjemand Auskunft zu folgenden Phänomenen geben:

Neulich in der Apotheke. Ich lege mein Rezept auf den Thresen und merke an, dass ich das Präparat nicht von der Firma xy haben möchte, sondern von Z, weil die Darreichungsform der Firma Z viel praktischer ist und nicht immer ein Rest in dem Fläschchen übrig bleibt. Die Assistentin ist sich unsicher, schaut im Computer nach und stellt fest, dass das Medikament von Firma Z leider nicht (mehr) im Krankenkassenvertragsangebot ist, daher benötigt sie eine Erklärung, die sie dem Vorgang beifügen muss, wenn sie trotzdem von Firma Z bestellt. Sie wendet sich an eine Kollegin, schildert den Sachverhalt und bekommt prompt zur Antwort: „Schreib einfach, das ist wegen Corona, das kommt immer gut!“ Aha. Ich gucke die beiden entgeistert an und überlege ernsthaft, unter diesen Umständen doch das Medikament von der anderen Firma zu nehmen, nur dass es wirklich nervt, dass man da die Menge nicht vernünftig abmessen kann. Also sage ich nichts und bin still erstaunt, wofür Corona so herhalten muss. Richtig finde ich das nicht, aber will ich mich da jetzt einmischen? Nein, will ich nicht und ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich das Medikament wieder in der mir bekannten und gut handhabbaren Form bekomme.

Doch das ist nicht die einzige meiner Begegnungen mit Corona als Ausrede. Wie berichtet, war ich letzte Woche mit meiner Katze Fee beim Tierarzt. Leider wurde festgestellt, dass sie am Beginn einer Nierenerkrankung ist, weshalb so schnell wie möglich mit der homöopathischen Therapie begonnen werden soll. Ich kenne das Spiel schon von meinem Kater Frodo, der inzwischen verstorben ist und der die gleiche Arznei bekommen hat. Ich suche alte Rechnungen raus und die bestätigen mir, was ich in Erinnerung habe, das Zeug ist enorm teuer. Eigentlich so teuer, dass ich es mir nicht leisten kann. Aber was tut man nicht alles… und ich wusste ja, als ich mir Katzen angeschafft habe, dass so etwas passieren kann. Jedenfalls bin ich gestern wieder zum Tierarzt, um das Medikament abzuholen. Es besteht aus vier Komponenten, die alle auf der Rechnung aufgeführt werden. Als die Arzthelferin mir für die gleiche Menge wie vor zwei Jahren 20 € mehr berechnet, werde ich stutzig. Es folgt eine fruchtlose Diskussion, in der die Arzthelferin mir erklären möchte, dass das alles durch die Preissteigerung des Herstellers zu erklären sei. Ich bin damit nicht zufrieden und so vereinbaren wir, dass ich eine Email an die Praxisleitung schreiben soll, in der ich die alte und die neue Rechnung anhänge und wissen möchte, wie es bei zwei Komponenten zu einer Preissteigerung von nahezu 100% kommen kann. Gesagt, getan. Was mir selber noch auffällt, ist, dass mir vor zwei Jahren der Preis einer Ampulle aus einer 100er Packung berechnet wurde und gestern der Preis aus einer 10er Packung. Dass das natürlich einen großen Unterschied macht, leuchtet mir sofort ein.

Eben bekomme ich den Rückruf von Frau Doktor und was soll ich sagen – wegen Corona könne sie nicht mehr die Großpackungen bestellen sondern nur noch die kleinen. Es habe sich so viel wegen Corona geändert, und das gehöre auch dazu. Sie können mir nicht mehr den Preis aus den Großpackungen berechnen. Ich bin sprachlos, habe aber kein Argument mehr und beende das Gespräch. Ich bin platt. Wegen Corona keine Ampullengroßpackungen mehr? Ich habe die Ampullen gestern nicht verpackt in der Originalpackung bekommen sondern einzeln. Wo ist da jetzt der Unterschied? Und dann will sie mir weißmachen, sie dürfen keine Großgebinde mehr bestellen? Das macht mich wütend. Wenn Sie mir ehrlich gesagt hätte, dass sie den Großpackungspreis nicht mehr an die Kunden weiter geben können, weil sie auch was daran verdienen müssen, das hätte ich verstanden und könnte damit umgehen. Aber mir die Ampullen lose in die Hand drücken und dann behaupten, die kämen nicht aus der Großpackung und dann noch Corona ins Feld führen – das schießt echt den Vogel ab.

Ich bin nicht nur wütend, ich bin stinksauer. Leider gibt es im weiteren Umfeld keinen guten Tierarzt und schon gar keinen, der homöopathisch arbeitet und da ich sehr gute Erfahrungen mit dem Medikament gemacht habe, möchte ich nichts anderes ausprobieren. Und die Ärzte der Gemeinschaftspraxis, die ich bisher kennen gelernt habe, waren auch wirklich gut, also werde ich nicht wechseln. Aber dass man mir derart die Story vom toten Hund auftischt, das wurmt mich schon gewaltig. Ich nehme mir fest vor, das ganze beim nächsten Tierarztbesuch, wenn die Nierenwerte kontrolliert werden, bei Herrn Doktor S. persönlich anzusprechen und kann nur hoffen, dass dann eine nachvollziehbare Erläuterung folgt… ich kann nämlich nicht gut mit Menschen, von denen ich den Eindruck habe, dass sie mich über den Tisch ziehen oder eben einen vom Pferd erzählen. Ich muss sowas aus der Welt räumen, aber nun muss ich mich gedulden, das schmeckt mir gar nicht.

Ich habe überlegt, ob ich Corona auch für irgendetwas vorschieben kann, aber leider stelle ich mal wieder fest, dass ich sowas nicht kann. Ich hätte Skrupel, Corona als Ausrede zu benutzen und ganz ehrlich, so doof sind unsere Mitmenschen nicht, auch wenn manche das zu glauben scheinen…

Ich möchte mir jetzt eine gute Frage zurecht legen, die ich das nächste Mal stellen kann, wenn mir jemand mit Corona als Begründung kommt: Sowas wie: „Den Zusammenhang müssen Sie mir bitte näher erläutern.“ Das hätte ich natürlich auch die Tierärztin fragen können, es war mir nur leider in dem Moment nicht eingefallen. Aber vielleicht ist ja auch jemand unter meinen geneigten Leser*innen, der mir das erklären kann? Ich wäre höchst erfreut! Und sehr verwundert 🙂

Aber so ist das in diesem Leben, es laufen einem die verrücktesten Dinge über den Weg und wir können manchmal nichts anderes tun als zu akzeptieren, dass wir etwas nicht nachvollziehen können bzw. mit einer Verhaltensweise eines Gegenübers so gar nichts anfangen können, um es mal milde auszudrücken – und trotzdem müssen wir unter Umständen mit eben jenem Menschen weiterhin kooperieren oder den gelegentlichen Umgang ertragen. Wie gut, dass es in diesen beiden Fällen nur um Apothekerin und Tierärztin geht, die sehe ich jetzt nicht so oft. Doof wird es erst so richtig, wenn es um Arbeitskollegen oder Nachbarn geht… Es gibt ja Menschen, die behaupten, dass wir in unangenehmen Begegnungen ein Geschenk sehen sollen, das uns der Andere macht, weil wir so eigentlich auf eigene Themen aufmerksam gemacht werden, die wir dann auflösen können und wodurch wir etwas über uns selbst lernen. Vielleicht ist das manchmal so. Manchmal begegnet man aber auch einfach nur unangenehmen Menschen die eine unangenehme Art haben. Punkt. Keine Lernaufgabe, kein Karma, kein therapeutisches Gedöns. Einfach nur unangenehm.

Corona verlangt von uns allen einiges ab, wir werden noch eine ganze Weile damit leben müssen. Von daher hoffe ich, das Virus wird nicht gewohnheitsmäßig zum Argument für alles, was man sonst nicht wirklich begründen kann oder will… das hätte uns gerade noch gefehlt…

Ihr Lieben, ich danke für Euer Interesse, wünsche Euch noch eine schöne Woche und verbleibe

herzlich, Eure Merle

Wichtiges Update: Lest auch den Kommentar von mynewperspective! Sie erklärt wunderbar, wie es zu diesen Corona-bedingten Umständen kommt. Ich war hier wirklich ahnungslos und kann vielleicht doch eine Lehre aus der Sache ziehen: nicht gleich aufregen, erst nachfragen… 😊

Ich bin nicht Dein Schätzchen!

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Ein Gutes haben die Corona-Maßnahmen (oder hätten, wenn sich alle dran halten würden): wir sind angehalten, Abstand zu wahren. Juhuuu! Das kommt meinem Bedürfnis nach Distanz in der Öffentlichkeit sehr zupass. Ich mag es nicht, wenn Fremde sich in meinem Feld bewegen. Es gibt so etwas wie einen natürlichen Abstand, den sensible Menschen von Haus aus einhalten, wenn sie einer unbekannten Person gegenüber stehen. Leider hat nicht jeder diese Feinfühligkeit – aber dank Corona sind es immerhin mehr Leute als sonst, die mir nicht auf die Pelle rücken.

Heute allerdings hatte ich eine Begegnung der anderen Art. Ich bin mit meiner Katze Fee zum Tierarzt, nichts akutes, nur ein Check-up, weil sie immerhin jetzt 13 Jahre alt ist und da wollte ich sie mal angucken lassen. Wir kommen also an, ich setze mich ins Wartezimmer und nehme den Rucksack, der an drei Seiten ein durchsichtiges Netz hat, auf meinen Schoß. Als erstes fällt mir auf, dass die beiden bereits wartenden Frauen keine Maske tragen. Ich frage in den Raum, ob wir auf die Masken wirklich verzichten wollen, da nicken beide und meinen, wir hätten ja genug Abstand. Gut, denke ich mir, es stimmt, wir sitzen mit einigem Abstand im Warteraum, also will ich mal nicht meckern.

Als nächstes bemerke ich, dass die beiden Damen sehr redselig sind, wobei eine davon besonders mitteilsam ist. Sie beginnt sofort auf meine Katze einzureden, die bekümmert in ihrem Rucksack kauert und im Sekundentakt laute, lang gezogene Klagelaute von sich gibt. Ich versuche von Fee abzulenken und spreche sie auf ihre Katze an, die in der offenen Transportbox sitzt und aussieht, als hätte sie die Augen geschlossen und wäre völlig erschöpft. Ich sage zur Besitzerin: „Na, da geht es jemandem aber nicht gut, was?“ Und bekomme zur Antwort: „Der hat keine Augen, Schätzchen!“ Bitte??!! „Schätzchen“? Wie ist die denn drauf? Also, bevor mich jemand Schätzchen nennen darf, muss er männlich sein und ich in ihn verliebt und selbst dann hätte ich noch Einwände… Ich muss jedenfalls ziemlich konsterniert geguckt haben, doch das nimmt die Dame offenbar nicht wahr – nein, stattdessen steht sie auf und hängt ihre Gesicht ca. 30 Zentimeter von meinem entfernt an ein Sichtfenster des Rucksacks und quatscht weiter auf meine Katze ein. Ich halte wütend die Luft an und denke, sie geht bestimmt gleich wieder, aber nein, sie muss jetzt zum anderen Sichtfenster, weil da der Kopf von Fee ist und da muss sie noch mehr Nonsens von sich geben. Jetzt platzt mir der Kragen und ich sage deutlich genervt: „Bitte gehen sie nicht so nah hin, meine Katze hat’s nicht so mit Fremden, das macht es nur schlimmer!“ Was ich eigentlich hatte sagen wollen, war: „Du dumme Kuh! Was fällt Dir ein in Zeiten von Corona Deinen Rüssel in mein Gesicht zu hängen?!“ Leider fehlte mir dazu der Mut. Ich bin unendlich froh, dass sie gleich drauf zum Tierarzt hinein gerufen wird, denn die Anspannung im Wartezimmer wurde schnell sehr unangenehm.

Was ist das nur bei Leuten, die penetrant übergriffig sind und so gar kein Gespür für Takt und Höflichkeit haben? Vor einiger Zeit war mir ja schonmal ein älterer Herr quasi in den Schoß gekrochen, weil zu meinen Füßen der Hund meiner Freundin saß. Den musste er unbedingt kraulen und kam mir dabei so nahe, als wären wir seit Jahren auf Du und Du. Ich fasse so etwas nicht und bin leider je nach Tagesverfassung auch sehr langsam in der Reaktion oder gleich gelähmt. Aber eigentlich finde ich, dass solch ein natürliche Grenzen ignorierendes Verhalten sofort beanstandet werden muss, undzwar unmissverständlich! Das gemeine ist ja, dass ich mir unhöflich vorkomme, wenn ich so einen Übergriff kritisiere, dabei verhält es sich ja gerade umgekehrt. Jedenfalls nehme ich mir vor, mich auch nach Corona (wann auch immer das sein wird) zu beschweren, wenn mir jemand zu nahe kommt.

Übungsfelder gibt es ja leider genug: sei es in öffentlichen Verkehrsmitteln, an der Supermarktkasse (wie oft hab ich nicht schon fast den Atem des hinter mir Stehenden im Genick gespürt), in der Apotheke (wo mich tatsächlich mein Hintermann mal auf das mir verschriebene Medikament ansprach, er hätte das auch gern), am Bankautomaten (soll ich Ihnen meine PIN gleich aufschreiben?) oder, besonders appetitlich: im Freibad oder am Flussufer. Da gibt es auch immer wieder so Knallchargen, die dem Herdentrieb folgen müssen und sich möglichst nah an einen ranwanzen, anstatt sich ein entfernteres Plätzchen zu suchen oder Ignoranten, die auf dem Weg zu ihrem Handtuch ohne Not einfach über das meinige drüber latschen. Alles schon erlebt und viel zu selten was gesagt.

Man könnte jetzt natürlich sagen: ach, mach Dir doch nicht das Leben schwer, entspann Dich mal und stress Dich nicht wegen solcher Lapalien. Aber das ist genau die Argumentation all jener, die rücksichtslos durchs Leben gehen und eine Grenze nach der anderen verletzen. Es ist in uns Menschen übrigens angelegt, dass wir wütend werden, wenn unsere Grenzen überschritten werden. Und es ist nicht gesund, Wut immer runter zu schlucken. Also sollte man sie äußern. Ich muss ja dem Delinquenten nicht meinerseits zu nahe treten oder handgreiflich werden, aber eine deutliche Aufforderung zur Abstandswahrung oder eine bissige Beschwerde dürfen schon sein. Denn es lässt sich weitaus entspannter leben, wenn man für seine Bedürfnisse und Grenzen einsteht und ein deutliches Stop setzt, wo diese mit Füssen getreten werden. Achtsam sein und in sich ruhen, heißt genau das: ich nehme mich selbst wahr und handle entsprechend – nicht, ich lass mir alles gefallen und drück ständig ein Auge zu.

Nun, meine Katze und ich waren also gründlich bedient, als wir den Tierarzt verließen. Wobei ich wieder einmal sehr froh über das gute Handling des Arztes mit dem Tier war und ich war es ja auch nicht, bei der auch noch Fieber gemessen wurde… welch eine Zumutung für die Kleine – sie hat definitiv mehr gelitten als ich!

Für mich gab’s noch als Bonus einen sehr freundlichen U-Bahnfahrer, der sich mehrfach für eine Verspätung wegen eines Notarzteinsatzes entschuldigte und allen Fahrgästen einen angenehmen Tag wünschte… das brachte mich wieder zum Lächeln.

Und damit die Fee auch noch was Schönes vom Tag hat, werd ich jetzt ausgiebig mit ihr Kuscheln, sie hat sich eben schon beschwert, dass meine Aufmerksamkeit auf den Bildschirm statt auf sie gerichtet ist…

Euch wünsche ich eine gute Restwoche und immer den passenden Spruch auf der Zunge! 😉

Herzlich, Eure Merle

War das schon Alles?

Ich glaube, ich habe da etwas falsch verstanden. Ich beschäftige mich ja viel mit Meditation und Achtsamkeit und in diesem thematischen Umfeld wird gerne betont, wie wichtig (scheinbar) kleine Dinge sind und dass man sich an diesen erfreuen soll. Die Blüte am Rosenbusch, der schöne Himmel am Abend, der Marienkäfer auf der Hand, das Lächeln der Kassiererin… alles Phänomene, die eher „klein“ sind, aber doch den Tag versüssen und in ihrer Schönheit bereichern.

Irgendwie ist in den letzten Jahren bei mir daraus geworden, dass ich nur noch Klein-Klein in meinem Leben habe. Das ist jetzt etwas überspitzt ausgedrückt und vereinfacht, aber im Kern der Sache stimmt es doch. Das einzige, was ich hier als Ausnahme betonen möchte, das sind meine Freundschaften. Die sind nicht klein, die sind großartig. Und ich weiß sie sehr zu schätzen und hoffe, sie auch gebührend zu pflegen. Was ich meine mit Klein-Klein, ist das Fehlen von Erlebnissen, die einen überwältigen, von Aufgaben und Tätigkeiten, in denen man ganz aufgeht, von Erfahrungen, die so fantastisch sind, dass man sich bis an sein Lebensende daran erinnern wird. Konzerte, Reisen, Ausstellungen, Begegnungen mit fremden Menschen, eine Arbeit, die sinnvoll ist und die auch von anderen geschätzt wird…

Bevor ich krank wurde, gab es solche Meilensteine in meinem Leben. Ereignisse, von denen ich noch heute zehre, Erfahrungen, die mir die Größe und Weite und Tiefe des Seins aufgezeigt haben. Ich musste durch meine Erkrankung bescheiden werden, mich mit kleinen Schritten abfinden und habe tatsächlich dadurch auch die sogenannten Kleinigkeiten schätzen gelernt. Das möchte ich auch nicht missen! Aber irgendwie ist daraus eine Haltung entstanden, als könne es nichts Großartiges mehr in meinem Leben geben. Als müsse ich mich immer mit dem „Weniger“ zufrieden geben. Das ist auch eine Art von Schutzhaltung, denn es lässt mich in der Komfortzone verweilen.

Großes kommt nicht einfach so ins Leben, man muss dafür die Türen öffnen, sich in die Welt hinaus trauen und braucht auch ein gerüttelt Maß an Vertrauen, dass das Vorhaben schon klappen wird. Es braucht außerdem Selbstbewusstsein und Neugier – Dinge, die in der Regel erst dann ihren Kopf heben, wenn man nicht mehr die schiere Last, jeden Tag zu überstehen, trägt. Und es hilft sehr, wenn man weiß, dass man das Große auch verdient hat, dass einem die Reichtümer, die das Leben einem bieten kann, auch zustehen.

Die meisten „Großartigkeiten“, die ich vermisse, fehlen aber auch, weil ich ängstlicher bin, als ich es früher war. Da mir das Leben gewisse Abgründe serviert hat, bin ich noch vorsichtiger und misstrauischer geworden, als ich es eh schon war. Ich klammere deshalb einen guten Teil der Welt da draußen aus. Und wurschtel mich so durch das Klein-Klein… Ich möchte dringend, dass sich das ändert, ich bin sehr erpicht darauf, dass sich Veränderungen in meinem Leben einstellen – ich muss diese „nur“ noch erlauben. Es ist und bleibt ein verflixtes Phänomen der Psyche, dass selbst der unangenehme Status Quo willkommener ist als das unbekannte Angenehme oder Erwünschte. So werden Veränderungen gerne mal vom eigenen System torpediert. Es hilft, das zu wissen, einfacher wirds dadurch nicht zwingend.

Immerhin habe ich erkannt, was mich unzufrieden macht. Und ich habe bemerkt, dass ich begonnen habe zu glauben, dass es das schon war. Dass da nichts mehr kommen wird, was mich mal aus dem Alltag reißt, was das Leben bunter und reicher macht. Nichts gegen den Marienkäfer! Auch die Rosenblüte ist wichtig – aber es darf auch mal „großes Kino“, große Emotion und große Horizonterweiterung sein. Es darf mehr geben, als das stille Vor-Sich-Hin-Leben. Ich darf mich der Welt zumuten und die Welt darf sich mir zumuten. Wenn das klappt, dann wird es richtig groß!

Ich werde mich auch zukünftig über das Lächeln der Kassiererin freuen, das Große schließt das Kleine nicht aus – sie ergänzen sich und nur so wird das Dasein zu einem lebendigen Puzzle, dass wir am Lebensende hoffentlich zufrieden betrachten können.

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Menschen kurz vor ihrem Tod eher das bereuen, was sie nicht getan haben als das, was sie getan haben. Ich möchte daran arbeiten, dass es vom Nicht-Getan möglichst wenig geben wird…

Und damit beschließe ich für heute meine Gedanken, wünsche Euch viele kleine und große Begebenheiten, die Euch lebendig fühlen lassen und verbleibe

wie immer herzlich

Eure Merle