Ich Reisemuffel

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Es ist mal wieder soweit, es ist Urlaubszeit und damit auch Reisezeit. Zwar scheinen dieses Jahr zwecks Corona viele ihren Urlaub anders zu gestalten als mit einer Fernreise – aber so grundsätzlich sind wir doch ein reiselustiges Völkchen und mir ist es nicht selten in meinem Leben passiert, dass man auf Parties, oder wo man sonst so Leute kennenlernt, gerne gefragt wird, wo man überall schon war und dann werden gnadenlos die eigenen Reisen aufgezählt, bis man auf der inneren Landkarte nicht mehr mitkommt.

Reisen ist sehr vielen Menschen sehr wichtig. Allein aus meiner Zeit im Büro kenne ich unglaublich viele Leute, die ihre zwei Flugfernreisen pro Jahr als eine Art Grundrecht betrachten und die auch nicht zufrieden sind, wenn sie nicht regelmäßig den Kontinent verlassen können, um woanders Sonne zu tanken, Sehenwürdigkeiten zu betrachten und Durchfall vom Essen zu bekommen. Besonders lustig wurden die post-Reise-Unterhaltungen immer dann, wenn jemand wusste, dass ich Ethnologie studiert habe und ich trotzdem kein weit entferntes Urlaubsziel nennen konnte. Ich habe viele Sommer sehr gerne in meiner Stadt, an meinem Fluss, in meinem Park verbracht und nachdem ich irgendwann das Schamgefühl ob meiner Reisemuffeligkeit loslassen konnte, fand ich die Mimik meines jeweiligen Gegenübers nur noch witzig.

Ja, ich habe Ethnologie studiert, doch ich habe mich von Beginn des Studiums an mit Migranten in Deutschland bzw. Europa und mit europäischer (Stadt-) Ethnologie beschäftigt. Und nein, ich bin nie, wie viele meiner Komilitonen, mit Rucksack durch Indien oder Afrika gereist. Mein weitestes Reiseziel war Anfang der 2000er Jahre Syrien, weil ich Arabisch lernen wollte. Und diese Reisen (ich war drei Mal dort) haben mich nicht zwingend davon überzeugt, dass Tourismus mein Hobby werden sollte. (Obwohl das Land damals ein vergleichsweise angenehmes Reiseland war.)

Warum ich nicht gern verreise? Es fängt ganz banal an: ich mag mein eigenes Bett und mein Bad. Ich finde es super, dass ich hier ohne Bedenken Wasser aus dem Wasserhahn trinken kann. Ich habe Angst vor vielen tropischen Krankheiten und es ekelt mich fürchterlich vor vielbeinigem Getier. Ich brauche keine Rache Montezumas um das echte Urlaubsfeeling zu bekommen und ich möchte auch nicht mit chronischer Malaria leben, wie es einem Freund von mir nach seinen Indienreisen passiert ist. Von all dem abgesehen habe ich große Flugangst und Auto fahre ich auch nicht gern. Und es ist einfach immer schwierig für mich, mein Zuhause für länger zu verlassen. Vielleicht liegt das daran, dass schon die Reisen in meiner Kindheit mit der Familie immer ein Drama waren, irgendwelche unangenehmen oder gefährlichen Situationen gab es immer…

Aber Reisen bildet doch! Ja, das tut es – bis zu einem gewissen Grad und im Idealfall, wenn man sich auf das Fremde einlässt und nicht auf touristischen Pfaden läuft sondern länger irgendwo lebt. Es gibt in der Ethnologie das Konzept des Ethnozentrismus: man findet in fremden Ländern vor, was man erwartet und diese Erwartungen sind durch und durch geprägt von unserem jeweils eigenen Bild des Fremden. Wir haben eine kulturell durchtränkte Vorstellung von dem, was exotisch ist und das sehen wir dann tendentiell auch, wenn wir weg fahren. Das Phänomen funktioniert ein bißchen so, wie wenn man keine Antworten bekommt wenn man nicht weiß, wonach man fragen soll.

Also gar nicht mehr verreisen? Ach naja, das muss jeder für sich entscheiden! Ich persönlich fände es gut, wenn beim Urlauben etwas mehr auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit geachtet würde und was ich tatsächlich schwer nachvollziehen kann, sind Reisen in Armutsgebiete oder totalitäre Systeme. Wobei es da natürlich auch immer das Argument gibt, dass man als Tourist ja dringend gebrauchte Devisen ins Land bringt bzw. zur Öffnung des Landes beiträgt. Nunja. Was ich mir auch wünsche, ist etwas weniger Hochnäsigkeit und Arroganz von weit gereisten Mitmenschen. Davon abgesehen, dass bei Weitem nicht jeder etwas lernt, wenn er oder sie verreist, ist es kein Zeichen von Dummheit, nicht zu verreisen. Im Zweifel ist es einfach ein Zeichen dafür, dass sich jemand fürchterlich viele Gedanken macht und dabei so viele Hindernisse vorfindet, dass man es lieber gleich bleiben lässt.

Interessiert mich denn die weite Ferne nicht? Doch! Tut Sie! Ich würde sehr gerne einmal Myanmar und Nepal sehen, auch Bali interessiert mich sowie Kuba und Hawaii… aber wie ich diese Flugstunden überstehen soll, ist mir ein Rätsel und dann die Krankheiten und die Viecher… Ach, Bildbände sind auch sehr schön! 🙂 Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, erstmal das Umland besser kennenzulernen und mit kleinen Trips anzufangen. Italien ist für mich tatsächlich auch ein Wunschziel, was aber in diesen Zeiten für mich nicht in Frage kommt, da muss ich noch länger warten. Heißt also, ich möchte gerne dem Teil von mir, der gern durch fremde Städte und Gegenden läuft und Neues entdeckt, durchaus Futter geben, aber in einem Rahmen, mit dem ich zurecht komme und der mich nicht schon Nächte bevor es losgeht schlaflos macht.

Ein Reiseblog wird dies also niemals werden, das kann ich mit Sicherheit sagen. Aber etwas öfter raus aus der Stadt zu kommen, aus den eigenen vier Wänden und die Komfortzone zu verlassen, das wär, glaub ich, schon ganz gut. Mein nächstes Ziel ist erstmal der Chiemsee… ich überlege noch, ob ich allein oder in Begleitung fahren möchte… mal sehen, was sich ergibt. Ich werde berichten…

Und natürlich wünsche ich allen, die auch dieses Jahr verreisen von Herzen eine gute Zeit, kommt gesund und munter wieder…!

Wie immer, Eure Merle