Selbstannahme

Die Königsdisziplin. Das große Ziel. Die Lebensaufgabe schlechthin. Ich werde diesen Sommer 46 und mit meiner Selbstannahme ist es nicht weit her. Wieviel Jahre habe ich noch Zeit, sie zu erreichen? Ich persönlich glaube, dass Selbstannahme einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Sinn unseres Lebens ist. Ich glaube auch, dass Selbstannahme eine wichtige Voraussetzung für Gesundheit, Gelassenheit und Nächstenliebe ist. Selbstannahme weitet unser Herz auch für andere und ist die Basis für unsere Freundschaft mit uns selbst.

Gestern habe ich einen Artikel einer Alleinstehenden über das allein sein gelesen und es gibt darin den schönen Satz, dass (sinngemäß) viele Menschen andere Menschen um sich brauchen, die sie annehmen, damit sie sich selbst annehmen können. Und dass es doch eigentlich gut wäre, wenn jeder sich selbst so annehmen könnte, dass er oder sie mit sich selbst alleine auch klar kommt. Weise Worte. Doch wie mit all den Stimmen im Kopf umgehen, die einem ständig sagen, wie unzureichend ich bin, dass ich zu dick bin, zu faul, zu unkreativ, dass ich mich schämen muss für meinen Körper und meine Lebenssituation ohne Arbeit und dass ich ganz allgemein einfach nicht wertvoll bin. Und dann noch die Schuldgefühle für — ja für was eigentlich?

Mit all dem kann ich mich nun an das Außen wenden und nach positiver Bestätigung suchen – da kommt dann das Phänomen des Fasses ohne Boden zu tragen: wer ständig die Bestätigung von anderen braucht, wird nie genug bekommen. Sie ist wie eine Droge, von der man immer wieder und immer mehr braucht. Sinnvoller ist es also, sich nach innen zu wenden und zu schauen, wo der Anteil ist, der liebevoll und mitfühlend mit mir selbst umgeht. Denn den haben wir alle in uns, wir müssen ihn nur ausgraben bzw. unter all den biographischen und soziologischen Programmierungen finden – und zulassen.

Es klingt paradox, aber es ist tatsächlich unglaublich schwierig für sehr viele Menschen, Selbstliebe und Selbstakzeptanz zuzulassen. Wir müssen das lernen und üben. Es ist für die meisten von uns sehr einfach, sich klein zu machen, Schuhe anzuziehen, die uns gar nicht passen und negative Selbstbilder zu kultivieren. Deshalb ist es auch so schwierig, sich selbst etwas Gutes zu tun, liebevoll mit sich selbst umzugehen und gesund für sich selbst zu sorgen. Wie oft denke ich mir: oh ja Meditation tut mir gut…aber ich hab jetzt keine Lust. Oder ich lasse meine Gymnastik aus, obwohl ich weiß, dass ich mich hinterher besser fühle. Und gesund für mich zu kochen, ach das lohnt sich nicht, der Aufwand ist mir für mich allein zu groß.

Wie schade! Aber auch: wie menschlich! Wir werden in der Regel nicht so groß gezogen, dass wir uns selber achten und schätzen lernen. Gerade Mädchen lernen zuerst, lieb und nett zu anderen zu sein. Gehorsam und angepasst zu sein ist wichtiger als den eigenen Selbstausdruck zu stärken und positive Selbstbilder zu lernen. Dazu trägt auch bei, dass wir in unserer Kultur schon sehr früh für alles mögliche bewertet werden. Unser Verstand lernt schon in der Grundschule, wenn nicht früher, dass alles zu bewerten ist. Wie traurig und trostlos.

Zu Beginn meiner spirituellen Reise dachte ich immer, ich muss und kann gegen das Negativ-Radio in meinem Kopf angehen. Ich dachte, wenn ich nur oft genug das Gegenteil vor mir hersage und resolut mit meinem Selbstverleugner umgehe, dann hören die selbstzerstörerischen Gedanken irgendwann auf. Denkste, Puppe! Nichts dergleichen ist eingetreten und so habe ich noch heute das Radio im Kopf, das mir beständig einreden will, wie schlecht ich bin. Aber das Radio wird manchmal leiser und ganz selten ist es auf Standby. Undzwar in der Regel dann, wenn ich vorher mitfühlend und neutral zugehört habe und mich nicht auf eine Diskussion eingelassen habe. Ich lass den Selbsthasser einfach reden und beobachte, auch die damit einhergehenden unangenehmen Gefühle. So verbringe ich oft ganze Vormittage, ich muss mir dafür Zeit nehmen und bin dankbar, dass ich die Zeit habe – aber dann blitzt die gute Laune mal durch oder meine Kreativität oder einfach nur Freude.

Selbstannahme ist nicht leicht. Besonders, wenn man, wie ich, so erzogen wurde, dass nur Perfektion akzeptabel ist. Heute bin ich froh, dass ich meine Muster immerhin durchschaue, aber an den Punkt der Selbstliebe zu kommen, an dem ich diese tatsächlich auch spüren kann, ist immer noch schwere Arbeit. Ich bin nicht immer davon überzeugt, dass sich diese Arbeit lohnt. Wie gesagt, ich bin Mitte 40 und kämpfe immer noch mit Dämonen. Wann hört das auf? Aber: was soll die Alternative sein? Für mich gibt es keine. Wenn ich am Verzweifeln bin, dann denke ich an die Biographien von Menschen, die auch lange gekämpft haben und irgendwann ihren Frieden mit sich geschlossen haben. Doch, die gibt es wirklich! Ich würde sie nicht als Vorbilder bezeichnen sondern eher als Leuchttürme: aha, so sieht das aus, da möchte ich hin.

Und wenn gar nichts mehr geht dann versuche ich eben zu akzeptieren, dass ich mich gerade nicht akzeptieren kann, auch das ist eine Form der Selbstannahme. Ein weites Feld, über das ich sicherlich noch öfter schreiben werde…

Mit diesen, heute etwas schwereren Gedanken, grüße ich Euch alle und wünsche Euch eine gute Woche!

Eure Merle

 

Keine Lust zu nix

dav

Meine Wettervorhersage hat mir bis heute Vormittag erzählt, dass es nicht regnen wird, das hat sie mir sogar noch gesagt, als es schon regnete. Ich glaube, das Wetter hat sich kurzfristig an meine Laune angepasst. Da kann man nichts machen. Tut mir leid, Leute.

Heute morgen sah alles noch recht vielversprechend aus, als ich aufstand, freute ich mich noch über meine zwei Sonnenblumen auf dem Balkon, doch dann ging es rapide bergab. Trotz großen Unmuts und fehlender Motivation bin ich dann doch ins Atelier gefahren – wo ich Kreuzworträtsel löste, anstatt kreativ zu sein. Am Ende hab ich noch ein Ahornblatt abgezeichnet, das war der Höhepunkt der heutigen Schaffenskraft, ansonsten habe ich keinen Strich zusammen gebracht, geschweige denn eine Farbkomposition.

Es gibt Tage, da will einfach nichts gefallen, nichts spricht einen an, alles erscheint öde und fad – kurz: keinen Bock auf gar nichts. Was macht man da? Ich könnte putzen oder staubsaugen, weiter Rätsel lösen, Zeichnen (hab ich probiert, geht immer noch nichts), oder aus den Versuchen kleine Papierkügelchen machen und für die Katze durch die Gegend schießen. Doch meine Apathie scheint ansteckend, die Geschosse, die bei Fee sonst immer sehr gut ankommen, haben nur ein kurzes Interesse geweckt, bis sie wieder zusammen gemümmelt bei mir saß. Hm, aber ich kann doch hier jetzt nicht über Nichts schreiben. Das ist ja total langweilig für meine Leser, das will doch keiner wissen!

Mal schauen, wie fühlt sich das Nichts denn an? Wie Kaugummi, unglaublich schwer und träge und, interessanter Weise, kalt. Aber dann kann es doch nicht Nichts sein, oder? Stimmt auch wieder. Also befinde ich mich in einem Zustand, den mein Intellekt als Nichts wahrnimmt, mein Körper aber nicht. Warum ist das so? Weil Nichts-Tun für meinen Verstand gleich Nichts ist. Für den Rest meines Seins aber gar nicht. Und außerdem schreibe ich ja gerade einen Text, also alles andere als Nichts. Daraus folgt, dass ich einer Verstandes-Illusion aufsitze. Und mein Antreiber stöhnt ständig, ich solle doch jetzt endlich mal was Gescheites tun! Unternimm was! Sei aktiv! Häng hier nicht so rum! Ja, aber ich weiß nicht was, außer schreiben. Reicht das nicht? Mein Antrieber grummelt: ok, ja, das ist was. Aber danach, was machst Du danach? Lesen! Schon wieder? Ja, schon wieder. Nee, das geht nicht. Mach lieber Yoga. Keine Lust.

So geht das jetzt seit Stunden und nein, ich mache kein Yoga, ich mag Yoga nicht. Meditiert hab ich heute schon. Ahh, es klopft an der Tür, moment. (…) Der Nachbar hat sein Paket abgeholt. Ein kurzes Highlight! Doch das kann ja so nicht weiter gehen, also betreibe ich mal eben Innenschau und erforsche mein Lustzentrum, worauf es denn jetzt Lust hätte. Ich werde fündig und stelle fest, dass ich jetzt gern mit einer Freundin hier gemütlich Kaffee trinken und klönen würde. Das würde mir jetzt wirklich gefallen! Aber die eine wohnt in Berlin, die andere arbeitet und die dritte ist auf Reha, von der die vierte gerade erst zurück gekommen ist und sich zu Haus wieder einrichten muss. Sieht also nicht gut aus. Spazieren gehen! Es regnet… immer noch. Obwohl die Wetteransage was anderes ansagt. Tja, meine Laune ist ja auch nicht besser, warum soll es das Wetter sein?

Mit einiger Erleichterung merke ich, dass ich Hunger habe. Gut, dann esse ich jetzt was. Das nimmt immerhin schon mal ca. 30 Minuten in Anspruch. Danach? Ich werde vielleicht lesen, ich werde nicht putzen und auch keine Ablage machen. Ich werde auch das noch anstehende Ausräumen eines Regals nicht in Angriff nehmen und die Wäsche mach ich auch morgen. Denn, ich habe keine Lust zu nix. Und für dieses Nichts-Tun habe ich ja jetzt ein wunderbares Sofa auf dem es sich so richtig gut nichts tun lässt. Das höchste der Gefühle wird sein, meine Katze zu kraulen und ansonsten einfach da zu sein. Einfach so. Ohne Anspruch, ohne Ziel und mit viel Zeit.

Wie ihr seht, nichts zu tun kann unheimlich anstrengend sein! Ich wünsche Euch definitiv mehr Talent und Erfolg beim Nichts-Tun als ich es habe und ich selbst werde das jetzt mal wieder üben.

Seid herzlich gegrüßt und habt ein schönes Wochenende!

Eure Merle

 

 

 

Dankbarkeit

dav

Dankbarkeit ist ein seltsames Phänomen. Ich konnte mich lange mit dem Konzept nicht anfreunden, obwohl es in jeglicher Selbsthilfeliteratur und Psychoedukation als ein zentrales Gut der Seelenhygiene gepriesen wird – ich konnte damit nichts anfangen. Jetzt weiß ich, dass das daran liegt, dass man sich Dankbarkeit nicht verordnen kann. Dankbarkeit ist, wie auch Verzeihen, eine Herzensqualität, die irgendwann aufkommt oder auch nicht. Aber ich kann mir nicht mit dem Intellekt vorschreiben: sei jetzt dankbar, und glücklich! Gefälligst! Nein, so funktioniert das nicht. Bis vor nicht allzu langer Zeit haben mich auch Leute genervt, die mir erzählt haben, wie dankbar sie für dies oder jenes sind, und die mir dann am besten auch noch den Tipp gaben: sei doch mal dankbar, für das was Du hast! Jaja, schon gut, ich habe mindestens eine Krankheit, die mich arbeitsunfähig macht, ich habe keine Beziehung mehr, ich habe düstere Zukunftsaussichten… ich bin total dankbar.

Bitte, wenn Ihr dankbar seid, bindet es Euren Freunden, denen es gerade nicht so gut geht, nicht auf die Nase und fordert sie nicht auf, dankbar zu sein. Jeder kann nur im eigenen Tempo sich aus der Sahne herausstrampeln (ich verweise auf die Geschichte mit den zwei Fröschen in der Sahne) und wir alle haben unsere eigene Zeit und Art und Weise, irgendwann über den Tellerrand blicken zu können. Und wenn wir es mal geschafft haben, heißt das auch nicht, dass das für immer so bleibt! Dankbarkeit hat meiner Erfahrung nach mit einem Glücksgefühl gemeinsam, dass sie daher geschlichen kommt, wenn man ganz im Hier und Jetzt ist… noch so ein Psychohygiene-Begriff, der nur erlebbar aber nicht zu verordnen ist…

Aber was hat denn nun dazu geführt, dass ich Dankbarkeit inzwischen anders betrachte? Nun, ich hatte in relativer kurzer Zeit mehrere echt gute Nachrichten zu verbuchen, die auch noch allesamt nichts mit Corona zu tun haben 😉 und da ist es passiert. Aber der Reihe nach. Ich hatte mich schon lange nach einem größeren Sofa gesehnt, denn das kleine Canapee, das ich besaß, war so klein, dass ich nur mit angewinkelten Beinen darauf Sitzliegen konnte. Und plötzlich, ohne dass ich im Internet danach gesucht hätte, ploppt eine Anzeige von ebay Kleinanzeigen auf und ich sehe ein wunderschönes Sofa in den perfekten Maßen aufblitzen – was soll ich sagen, das gute Stück war extrem günstig, da gebraucht, aber bestens in Schuss. Jetzt steht es bei mir und ich bin extrem glücklich damit. Dann kam ein neues Bett dazu, dass ich mir nach 20 Jahren als Bodenschläferin (als Lattenrost und Matratze auf dem Boden) endlich geleistet habe und dann kam noch nach extrem wenig Wartezeit der Bescheid von der Rentenversicherung, dass meine Erwerbsminderungsrente um drei Jahre verlängert wird.

Und da lag ich dann abends in meinem (noch alten) Bett und plötzlich überkommt mich eine Welle der Dankbarkeit, wie ich es noch nie erlebt habe. Wie glücklich ich mich schätzte, mir so etwas leisten zu können! (Nicht von der Rente sondern vom Ersparten, aber egal.) Wie fantastisch, dass ich jetzt eine kleine Liegewiese in meinem Reich habe und wie überaus gut es sich für mich gefügt hat, dass ich in einem reichen Land geboren wurde, in dem es so etwas wie eine Erwerbsminderungsrente gibt! Und das Beste an diesem Gefühlsüberschwang war: mir vielen immer mehr Dinge ein, für die ich dankbar bin! Dass ich eine Wohnung habe und Freunde und dass ich in einem friedlichen Land lebe und und und… Das sind ja alles keine Selbstverständlichkeiten!
Da lag ich dann und lachte und lachte und konnte gar nicht mehr aufhören!

Dankbarkeit ist wunderbar – wenn sie einen hinterrücks überfällt und man nicht versucht, das eigene Leben analytisch auseinander zu nehmen und sich vornimmt, dankbar zu sein. Dankbarkeit ist auch meines Erachtens nur möglich, wenn man wenigstens ein bißchen das Gefühl von Selbstwirksamkeit hat, sich also nicht unterlegen oder ohnmächtig fühlt. Und so kann man sich in diesen Zeiten schnell mal fühlen. Ich schätze, das gehört zum Leben dazu. Wichtig ist, dass man aus diesen unangenehmen Zuständen wieder hinaus kommt und gut mit sich umgeht. Es ist sicherlich hilfreich, wenn man sich immer mal wieder daran erinnert, dass es so etwas wie Dankbarkeit gibt… aber wir können das Gefühl nicht erzwingen, da mögen uns noch so viele Ratgeber vorschlagen, man solle dankbar sein. Und es gibt ja auch wirklich Phasen im Leben, in denen es einfach nicht viel oder nichts gibt, wofür man dankbar sein kann. Da braucht man schon eine Lupe mit Flutstrahler, um was zu finden, und die Kraft hat man dann vielleicht einfach nicht.

Aber man kann die Dankbarkeit immer wieder einladen oder eine Tür für sie offen halten. Ich verstehe das so wie in der Meditation: ich weiß vom Intellekt her, welche Gefühlszustände sich einstellen können, aber sie kommen von selbst und nur, wenn ich keinen Druck ausübe. Ich mache einfach meine meditative Übung regelmäßig, beobachte mich und dann kommt hie und da ein Gefühl des Einsseins, zum Beispiel. Weil ich mit der Praxis der Meditation die Türen öffne. Und ich glaube, ich kann eine Tür im Herzen auch für Dankbarkeit öffnen, immer mal wieder, nur eine kleine Einladung… und dann, wenn der Zeitpunkt stimmt, kommt sie einfach und bleibt, so lange sie will. Und so lange genieße ich sie.

Wie sind Eure Erfahrungen mit der Dankbarkeit? Vielleicht habt Ihr Lust, mir dazu zu schreiben?

Ich wünsche Euch wunderbar sonnige Tage und verbleibe herzlich

Eure Merle