Die Kunst der Langeweile

dav

Ich habe zu viel Zeit. Eindeutig. Und es gibt Tage, da fällt es mir ziemlich schwer, mit meiner Zeit sinnvolles anzufangen. Also wird ein bißchen mit Farben gespielt, hier gelesen, dort eine geraucht… und dann warte ich auf anstehende Termine oder Verabredungen, und bin ungeduldig mit mir selbst. Heute habe ich zum Beispiel bis 16 Uhr Zeit, bis der Sohn einer Bekannten zum Englisch pauken zu mir kommt. Darauf freue ich mich, das wird bestimmt nett. (Also für mich – für ihn, weiß ich nicht *grins*.) Aber bis dahin ist einfach zu viel Zeit! Ich höre förmlich die Stimmen, die da sagen: spinnt die? Soll doch froh sein, dass sie zu viel Zeit hat, wer beschwert sich denn über sowas!? Das ist ja voll das Luxus-Problem!! – Stimmt, ist es, das macht’s aber nicht besser und zum Trost für alle, denen oft oder gar immer Zeit fehlt: auch ich kenne Phasen, in denen einem die Zeit buchstäblich davon rennt und man gar nicht mehr weiß, wie man alles unter einen Hut bringen soll.

Aber heute schreibe ich -kurz-  über Langeweile. Ein meines Erachtens weit unterschätztes Phänomen. Denn Langeweile gehört zum Leben, ist sogar notwendig, um Raum für Kreativität zu öffnen und ist insofern spannend, als dass sie mich auf mich selbst zurück wirft. Ich muss mich mit mir und meiner inneren Leere auseinander setzen. Das ist nicht angenehm, bisweilen aber erhellend. Eine Pause von all den Aktivitäten zu haben, die sonst den ganzen Tag erfüllen und die ein ständiges Hintergrundgeräusch verursachen, zeigt mir, inwieweit ich wirklich bei mir selbst bin oder eben doch ganz woanders. Nicht der Versuchung zu erliegen, die Leere mit Musik, Literatur oder Bewegung zu füllen sondern sie auszuhalten – das ist eine Kunst, die geübt werden will. Nichts zu konsumieren, einfach in sich hinein zu hören und zu gucken, was da kommt, wenn Stimulantien von außen fehlen… das erfordert Geduld und den Mut, in nicht so angenehme Gefühlszustände zu geraten. Ungeduld, Ärger, Missmut, Trauer und so weiter recken da ihre Köpfe und fragen, wo denn jetzt der Input bleibt, die Ablenkung.

Nein, sage ich zu meiner Langeweile. Jetzt lenken wir uns mal nicht ab sondern halten das aus. So, an dem Punkt habe ich dann vorhin meine Stifte gepackt und hab gemalt und dann fing ich an, diesen Beitrag zu schreiben. Wie schön, eine Stunde ‚rum. Aber noch zweieinhalb vor mir, uff. Ich werde mir jetzt einen Tee machen und dann höchstwahrscheinlich ein paar Entspannungsübungen versuchen und dann wollen wir doch mal sehen, ob das nicht klappt mit der Akzeptanz der Langeweile…und wenn nicht, habe ich immer noch meine Katze, der ich beim Schlafen zusehen kann 🙂

Herzliche Grüße

Merle

Warteschleifenkunst II

dav

Und zum Start der Woche ein Zitat aus „One Hundred Ways For a Cat to Train its Human“ (Celia Haddon, London 2001)

„Remember. Humans have the mental age of one-week-old blind kitten. They cannot express themselves in body language because they have no tail and no whiskers; their hair can’t stand up and their ears are completely inflexible. They can learn only a few words from the huge body-language feline vocabulary.“

🙂 Einen guten Start in die Woche wünscht Euch

Merle

Ist das gerecht?

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser, heute würde ich mir eine Umfragefunktion auf meiner Blogseite wünschen, da mich sehr interessieren würde, wie ihr über Folgendes denkt – es scheint auf den ersten Blick eine triviale Angelegenheit zu sein, aber ich habe Ebenen darin entdeckt, die mir doch von größerer Bedeutung erscheinen:

Von einer Freundin habe ich erfahren, dass jemand, der sich piercen oder tätowieren lässt und anschließend zum Arzt muss, weil sich das ganze entzündet hat oder sonstwie Probleme bereitet, dass dieser die Kosten für die ärztliche Behandlung selber zahlen muss. Krankenkassen übernehmen keine Behandlungskosten, die durch freiwillige Körperveränderungen anfallen.

Siehe dazu folgende Links:

Ärztezeitung;

Oberarzt Heute

(Die Artikel sind von 2011 bzw. 2016 – ein Recherche-Anruf bei meiner Krankenkasse – Techniker – ergab, dass jede vom Arzt gemeldete Behandlung von Piercings oder Tättowierungen vom Patienten selbst zu zahlen sind.)

Im ersten Moment denkt man: ja klar, das macht Sinn. Ist ja jeder selber schuld, wenn er sowas macht, ist doch Privatvergnügen. Auf den zweiten Blick jedoch finde ich das ganze höchst bedenklich. Denn hier wird der Einzelne auf eine Art bevormundet und benachteiligt, die meines Erachtens gegen die Persönlichkeitsrechte geht. Und ich frage mich unweigerlich: was kommt als Nächstes?

Was ist mit dem Skifahrer, der sich ein Bein bricht? Ist Skifahren nicht auch ein Privatvergnügen, mit hoher Verletzungsgefahr? Was ist mit der Person, die bei Rot über die Ampel geht und einen Unfall verursacht, muss die bald auch die Behandlungskosten selber zahlen? Oder der Fahrradfahrer, der ohne Helm fährt, der Autofahrer, der mit Trunkenheit am Steuer verletzt wird, der Raucher der Krebs bekommt oder jemand, der sich durch ungeschützten Verkehr mit einer Geschlechtskrankheit infiziert?

Wird in Zukunft die Schuldfrage darüber entscheiden, wessen Behandlungskosten von der Krankenkasse übernommen werden? Und wieso zahle ich dann seit Jahrzehnten meinen Kassenbeitrag? Es wird ohnehin inzwischen herzlich wenig von den Kassen bezahlt, wenn ich beispielsweise an Zahnarztkosten denke oder an Krebsvorsorge. Selbst wichtige Blutparameter, die eine Rolle bei Depressionen spielen (Vitamin D und B12), werden nicht mehr von den Kassen bezahlt.

Da möchte ich in Anlehnung an Shakespeare sagen: Es ist etwas faul im Staate Deutschland, und das sind nicht die indivuellen Lebensgestaltungen. Ich bin kein Experte des Gesundheitssystems, aber sollten die Kassen tatsächlich unter Defiziten leiden, dann reißen es die Behandlungskosten von gepiercten oder tätowierten Mitgliedern sicher nicht raus.

Vielleicht sehe ich die Entwicklung zu schwarz, aber wenn ich gleichzeitig bedenke, dass die Krankenkassen immer mehr persönliche Daten von Patienten zentral speichern wollen, dann frage ich mich, ob das der leise Abschied von einem Solidarsystem ist, wie wir es bislang noch haben. Ich hoffe, dass ich hier übertreibe und Unrecht habe, denn ansonsten wird es, fürchte ich, recht unschön…

Nichtsdestotrotz wünsche ich Euch einen schönen, sonnigen Sonntag und ich freue mich wie immer über Kommentare!

Eure Merle

 

Ungeliebte Geschenke

dav

Wie in meinem vorigen Beutrag schon erzählt, bin ich heute dabei, mein Bücherregal auszumisten und dabei bin ich auf Titel gestoßen, die ich nie gelesen bzw. nur angelesen habe und dann beiseite gelegt habe, weil ich mich einfach nicht in die Lektüre einfinden konnte. Da sie aber Geschenke waren, habe ich sie pflichtgemäß in mein Regal gestellt. Außerdem bin ich über das ein und andere „Steh-Rümchen“ gestolpert, welche ich ebenfalls geschenkt bekommen habe und mich nicht getraut habe, wegzugeben oder gar wegzuschmeißen – denn immerhin hat der oder die Schenkende es ja lieb gemeint.

So sehe ich mich jetzt einer erklecklichen Ansammlung von Büchern und Gegenständen gegenüber, die mich alle vorwurfsvoll anstarren, weil ich sie nicht mag. Ich starre stur zurück und denke mir: nein, das kann es nicht sein! Ich möchte mich nicht mehr mit diesen Dingen belasten, die kommen jetzt weg. Also bereite ich einen Karton vor, packe die Sachen hinein und stelle ein Schildchen dazu: ZU VERSCHENKEN und bringe das ganze vor unsere Haustür. Vielleicht gefällt ja dem ein oder anderen Passanten, was er sieht und auf diese Weise wird niemand zwangsbeglückt.

Bin ich jetzt unhöflich oder undankbar? Ich meine nicht. Ich habe sogar mit einer langjährigen Freundin die Übereinkunft, dass wir uns sagen, wenn das Geschenk an die andere nicht gefällt – dann darf ich es ohne schlechtes Gewissen zurück geben und es findet anderweitig eine Verwendung und einen Besitzer, der es schätzt. Das ist doch allemal besser, als wenn es still und leise bei mir vor sich hin gammelt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich besagter Freundin ein Werk von Herman Hesse zum Geburtstag geschenkt habe. Ich war so stolz auf den Einfall und ich liebe Hesse. Die Reaktion meiner Freundin, war, nunja, eher zurückhaltend. Sie gestand mir auf unglaublich charmante Art und Weise, dass sie mit dem Buch überhaupt nichts anfangen könne und im ersten Moment war ich zutiefst erschrocken. Doch dann dachte, Gott sei Dank sagt sie es mir, wie blöd wäre es, wenn sie mir Gefallen vorheucheln würde! Und damit kam unser gegenseitiges Einverständnis in die Welt, bezüglich Geschenken immer ehrlich zu sein.

Aber das funktioniert bei weitem nicht mit jedem. Viele Menschen reagieren beleidigt und verletzt, wenn man ihre Geschenke nicht super findet. Was macht man in solchen Fällen? Eine Verstimmung in Kauf nehmen und trotzdem ehrlich sein? Eine Notlüge erfinden und hoffen, dass nie nach dem Inhalt des Buches oder dem Verbleib des Gegenstandes gefragt wird? Darf man solche Dinge weitergeben oder entsorgen? Ganz grundsätzlich bin ich für Ehrlichkeit, aber ich muss mir eingestehen, dass ich das eben nicht in jedem Fall hin bekomme. Es ist wie eine Absage, wenn einem ein Geschenk nicht gefällt und das ist nicht immer einfach. Jemanden zu enttäuschen, der sich wahrscheinlich Gedanken gemacht hat und es gut meint, finde ich sehr schwierig. Und ja, ich finde es auch nicht leicht, „nein“ zu sagen, wenn ich um einen Gefallen gebeten werde oder zum Beispiel Einladungen abzusagen. Ich tue es, denn derart verbiegen kann und will ich mich auch nicht, aber es schmerzt und fällt schwer.

Geschenke sind im besten Fall Gesten, die die Beziehung erhalten und festigen und die vor allem die besondere Wertschätzung zwischen zwei Personen ausdrücken. Natürlich kann es sich aber auch um eine lästige Pflicht handeln, eine Geste der Höflichkeit, weil man das halt so macht. Und wenn einem nichts passendes einfällt, dann kauft man irgendwas. Letzteres kenne ich aus meinem Umfeld dankenswerter Weise nicht, aber ich habe Freundinnen, die von ungeliebten Geschenken der Schwiegermutter berichten oder von sagenhaft hässlichen Deko-Artikeln, die bis zum Besuch der Oma im Schrank aufbewahrt werden und zwei Mal im Jahr schnell hervor gekramt werden. Doch, das gibt es wirklich.

Zu meiner Studienzeit – also vor gut 20 Jahren  – bekam ich selber noch „Carepakete“ von meiner Großmutter, in der immer eine bestimme Körperlotion und ein Haarshampoo waren sowie ein ganz bestimmtes Unterhosenmodell. Ich fand alle drei Dinge zum abgewöhnen, brachte es aber nie übers Herz, das meiner Oma mitzuteilen, sie hat sich so gefreut, mir eine Freude zu machen. Also habe ich stillschweigend über Jahre abartige Unterhosen angesammelt… was man nicht alles tut…aber ich bin davon überzeugt, dass es in diesem Fall richtig war, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, denn sie hätte es nicht verstanden und wäre zutiefst verletzt gewesen,

Es bleibt also eine Einzelfallentscheidung, wie ich mit ungeliebten Geschenken umgehe, aber mit der klaren Tendenz zur Offenheit. Wenn ich meinen Freunden nicht sagen kann, was mir gefällt und was nicht – wem dann?

Und dann gibt es noch die ganz besonderen Geschenke, nämlich diejenigen, die selbst gemacht sind. Was soll ich sagen, das Salzteig-Namensschild einer Bekannten hat es nicht an die Tür geschafft, aber meistens sind selbst gemachte Geschenke doch von ganz eigenem Charme, speziell, wenn sie von Kindern kommen. Das vogelwilde Bild meiner 7-jährigen Nichte hängt zwar nicht an der Wand, aber es wird umsichtig aufbewahrt, ebenso wie andere handgemachte Dinge, die ich im Lauf der Jahre bekommen habe. Nicht alle gefallen mir, aber ich schätze den ideellen Wert, den solche Geschenke für mich haben.

In den letzten Jahren bin ich vermehrt dazu über gegangen, meine Freunde zu fragen, was sie sich wünschen, das verringert das Risiko, daneben zu liegen, ungemein. Und ganz wichtig: Geschenke zum Geburtstag oder Weihnachten sind keine Selbstläufer, will sagen, es besteht kein Zwang zu schenken. Gerade zu Weihnachten entsetzen mich oft die Summen, die da zum Teil ausgegeben werden und die inzwischen zum Klischee verkommene Frage: ist den Leuten noch der ursprüngliche Sinn des Schenkens bewusst? drängt sich unweigerlich auf. Ich persönlich schenke lieber nichts als zu einer Notlösung zu greifen, denn davon hat niemand was.

Und natürlich darf man sich der Dinge entledigen, die so gar nicht ins eigene Heim passen. Auch ich habe die Unterhosen meiner Großmutter nicht ewig aufbewahrt. Einige sind zu Putzlumpen geworden, andere fanden direkt den Weg in den Müll. Allerdings erst, als es meine Oma nicht mehr gab.

So, jetzt bin ich gespannt, was mir bei meiner Entrümpelungsaktion noch so alles über den Weg läuft – und ob meine zu verschenkenden Dinge neue Besitzer finden… falls nicht, ich nehme sie nicht zurück, dann müssen sie entsorgt werden!

Für heute verabschiede ich mich und wünsche Euch einen schönen Abend!

Eure Merle

 

 

 

…und noch was zum Schmunzeln…

Heute folgt gleich Nr. 3 der Reihe: gefundene Schätze. Ich entrümpele gerade meine Bücherregale und bin dabei auf zwei – wie ich finde – witzige Texte gestoßen:

A Question of Shit: And so says the
– Unitarian: What is this shit?
– Mormon: shit happens again and again and again.
– Judaism: why does this shit always happen to me?
– Rastafarianism: let’s smoke this shit!

Und hier etwas für Katzenfreunde oder solche, die es werden wollen: aus dem herrlichen kleinen Büchlein „One Hundred Ways For a Cat To Trains Its Human, von Celia Haddon (London, 2001)

„To make sure your human understands that you are alpha cat, head of the family and pack leader, institute a status-reduction programme immediately. Your human must learn that you have first right to all chairs, beds and doorways. You expect to be fed first and go through doors before it does. A happy human knows its place in the pecking order – well below that of the cat.“

Als langjärige Angestellte von Katzen kann ich da nur nicken… 😀 und weil’s so schön ist, werde ich in loser Folge immer mal wieder aus dem Büchlein zitieren. Wahre Weisheit will schließlich geteilt werden!

Seid herzlich gegrüßt,

Eure Merle

 

 

 

Blutspuren

dav

Blutspuren (Oktober 2019; Acryl auf Papier)

Oder: kann man seine Familie hinter sich lassen und die Vergangenheit ablegen?

Wie wichtig sind und bleiben Blutsbande und ist es möglich, eine völlig neue Identität zu entwickeln, in der die Vergangenheit keine Rolle mehr spielt? Oder müssen alle Erfahrungen integriert werden, damit man zum inneren Frieden findet? Ich befürchte letzteres und wünschte mir ersteres. Und bin ich wie meine Eltern, obwohl ich doch nie so sein wollte? Ich finde es extrem schwierig zu akzeptieren, dass ich bestimmte Züge nunmal von meinen Erzeugern geerbt habe. Und wann fühlt man sich nicht mehr als Kind seiner Eltern – erst, wenn diese verstorben sind?

Heute habe ich definitiv mehr Fragen als Antworten. Es wurmt mich, dass mein Selbstbild und einige Verhaltensmuster immer noch Spuren des Anerzogenen in sich tragen und dass meine Rollen als Kind und Schwester immer wieder nach mir greifen. Immerhin bin ich mitte 40 und wenn mich vor 25 Jahren jemand gefragt hätte, hätte ich im Brustton der Überzeugung gesagt, „bis dahin hab ich das hinter mir.“ Aber hat man es jemals hinter sich? Die frühen Prägungen, die kindlichen Erfahrungen, die erlernten Muster… je älter ich werde, desto häufiger merke ich, dass ein klarer Schnitt und ein Neuanfang eben nicht so ohne weiteres möglich sind. Ich nehme mich immer selbst mit und egal wie oft ich gedanklich den alten Rucksack in der Einöde habe stehen lassen, der Inhalt folgt mir, ob ich will oder nicht. Das ist frustrierend und bisweilen erschütternd, denn in mir kommt der Verdacht auf, dass ich in vielen Dingen weniger Wahlfreiheit habe als ich dachte. Und wie so oft kommt mir das Motto der Achtsamkeitsschule in den Sinn: „Radikale Akzeptanz“. Ja, wenn das so einfach wär…

Und dann wieder denke ich: aber es muss doch möglich sein, ein Ich unabhängig von äußeren Einflüssen zu entwickeln. Es kann doch nicht sein, dass Vererbung und Sozialisierung so viel Macht über mich haben! Ich weigere mich, den abgedroschenen Spruch „Blut ist dicker als Wasser“ zu glauben und ich lehne es ab, mich über meine Herkunft zu identifizieren. Ich habe mir die Familie, in die ich hinein geboren wurde nicht ausgesucht und ich betrachte es als Kennzeichen eines reifen Erwachsenen, dass dieser nicht nur die Wahl hat, mit wem er oder sie sich umgibt sondern auch, wer er oder sie sein möchte. Dass mir dabei aber immer wieder meine eigenen Grenzen aufgezeigt werden, deutet darauf hin, dass es um Integration, nicht Separation geht.

Ich ahne, dass ein schlichtes Abhaken oder Ignorieren von gemachten Erfahrungen nur bedingt möglich ist. Früher oder später wollen auch diese Aspekte meines Selbst gesehen werden. Und darüber bin ich mit mir selbst oft heftig am kämpfen. Wenn Aspekte ihre Köpfe heben, die so gar nichts mit der Gegenwart zu tun haben, werde ich ungeduldig und es fällt mir schwer, dann mitfühlend und in der Akzeptanz zu bleiben. Oft muss ich dann daran denken, dass der Mensch das Säugetier ist, bei dem die Jungen am längsten von den Eltern abhängig sind und somit die Herkunftsfamilie verdammt viel Zeit hat, im Kind Spuren zu hinterlassen. Evolutionär gesehen macht das für mich keinen Sinn. – Aber wahrscheinlich sind meine Ungeduld und das mangelnde Mitgefühl mit mir schon ein Teil der Antwort auf meine Fragen…

Das Hadern mit mir selbst bringt mich natürlich nicht weiter, ich stehe mir also bis zu einem gewissen Grad selbst im Wege. Doch so sehr ich mich auch bemühe – bei dem Thema fällt es mir schwer, zu einem positiven Ausblick zu gelangen… vielleicht hat ja jemand von Euch ganz andere Erfahrungen gemacht und möchte diese hier mit uns teilen?

Ich beende diesen Beitrag also nachdenklich, mäßig optimistisch, aber nicht ohne Hoffnung 😉

Eure Merle

 

Warteschleifen-Kunst

dav

Dieses Werk entstand beim Warten bei dutzenden Telefonaten, in denen ich in der Warteschleife hing…:-) Ich nenne es Zeugung… nur das Bearbeiten der Aquarell-Buntstiftflächen mit Wasser und Pinsel und das Nachziehen der Linien entstanden nicht mit einem Hörer am Ohr…

Euch allen einen bunten und schönen Start in die Woche!

Eure Merle

Anekdote zum Samstags-Einkauf

dav

Ich gehe nicht gerne einkaufen. Besonders, seitdem ich mir meine ausgedehnten Biomarkt-Streifzüge nicht mehr leisten kann und stattdessen in hastigen und hässlichen Discountern den Großteil meiner Einkäufe erledige, empfinde ich diese allwöchentliche Aufgabe als sehr anstrengend und lästig. Schon der Weg dort hin ist eine kleine Herausforderung, denn er geht quer durch ein Viertel mit einer sehr hohen Dichte an türkischen und arabischen Supermärkten und Cafés, wo das Leben draußen und also auf dem Bürgersteig stattfindet. Nachdem ich mir den Weg durch das Gewusel und an gefühlt 20 Bettlern (die mir ein schlechtes Gewissen verursachen) vorbei gebahnt habe, komme ich in „meinem“ Supermarkt an und versuche, die allgemeine Hektik zu ignorieren und mich auf meinen Einkauf zu konzentrieren. Mit gezielten Schritten gehe ich durch den Laden, belade meinen Wagen vor allem mit Kaffee und Milchprodukten, ein wenig Obst sowie Tabak und bin schon wieder an der Kasse. Spätestens jetzt kann ich mich dem Stress nicht mehr entziehen, denn jeder versucht so schnell wie möglich, seinen Einkauf auf das Band zu legen um mit dem atemberaubenden Tempo der Kassierer mithalten zu können. Mit der satten Gemütlichkeit in Alnatura-Läden hat das alles wenig zu tun.

Heute allerdings wird meine Routine bemerkenswerter Weise von zwei Menschen durchbrochen. Als ich in der Schlange vor der Kasse anstehe, gucke ich hinter mich und sehe den älteren Herren, der mir vor ein paar Wochen an gleicher Stelle ein Kompliment für meinen Nasenring gemacht hat. Wir lächeln uns erkennend an und er studiert interessiert den Inhalt meines Einkaufswagens und meint beeindruckt: „Sie leben aber gesund!“ Ich schiele auf den Tabak und das heute fehlende Gemüse und frage „Finden Sie wirklich?“ Er nickt und grinst breit. Inzwischen bin ich an der Reihe mit Waren auflegen und ich spute mich, da höre ich den Kassierer freundlich sagen: „Nur die Ruhe, wir haben Zeit.“ Ich hätte ihn küssen können! Hab ich natürlich nicht, aber jetzt war es an mir, breit zu grinsen. Entspannt lege ich meinen Einkauf auf das Band, zahle und gehe beschwingt zum Tresen, wo ich meinen Rucksack voll packe. Hier begegnet mir dann nochmal der ältere Herr, der mir alles Gute und viel Glück wünscht.

Die Moral von der Geschicht? Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber mich erfreuen solche kleinen aber feinen Kontakte zu anderen Menschen, besonders wenn sie in Situationen geschehen, in denen ich überhaupt nicht damit rechne. Und auf einer ganz anderen Ebene frage ich mich, ob es erwähnenswert und relevant ist, dass der ältere Herr Afrikaner ist und der Kassierer türkischer Herkunft. Während ich noch überlege, ob das wichtig ist, wird mir bewusst, dass ich außer an meinen Samstags-Einkäufen gar keine Berührungspunkte zu Menschen „mit Migrationshintergrund“ habe. Vielleicht erscheint es mir deshalb bemerkenswert. Ich denke darüber nach und erinnere mich nun, dass ich schon öfter mal mit anderen Kunden ins Gespräch gekommen bin, was mir im Alnatura nie passiert ist. Zufall oder nicht? Ist die eine Klientel kommunikativer als die andere? Sitze ich naiv einem Klischee auf? Und warum ist das wichtig?

Für mich ist es bedenkenswert, dass ich erst durch die Veränderung meiner finanziellen Mittel in die Situation gekommen bin, Kontakt zu ausländischen MitbürgerInnen bzw. solchen mit Migrationshintergrund zu haben. Und dies ist ja nur ein sehr eingeschränkter Kontakt. Was ich schade finde, denn ich wüsste eigentlich gern mehr über diesen Teil der Bevölkerung. Gerade in diesen Zeiten, in denen rechte Propaganda wieder salonfähig wird und Ausländer raus gewünscht werden, wäre es so wichtig, dass wir mehr voneinander wissen. Ich weiß nicht, ob das an der Stadt liegt, in der ich lebe oder ob das überall so ist, aber es findet eine Trennung zwischen „Einheimischen“ und „Ausländern“ statt, die mir seltsam und ungut vorkommt. Ich weiß eigentlich, dass es Ghetto-artige Entwicklungen in Großstädten gibt und dass es sogenannte ethnische Viertel gibt, aber noch nie ist mir das so deutlich wie heute aufgefallen.

Zugegeben, das ist jetzt ein sehr weiter Bogen, den ich da gespannt habe. Von zehn gewechselten Worten in der Warteschlange zur allgemeinen Situation von „Ausländern“ (gibt es kein besseres Wort?) in Deutschland zu kommen, mag nicht für jeden nachvollziehbar sein. Ich persönlich sehe da aber eben den Zusammenhang, dass ich das soziale Biotop gewechselt habe, als ich meinen Supermarkt gewechselt habe. Und da kann ich Unterschiede feststellen, die mir früher nicht aufgefallen wären.

Vielleicht ist das alles aber auch meiner déformation professionelle geschuldet, denn ich bin von meiner Ausbildung her ja Ethnologin… man möge mir also verzeihen, wenn ich dem einen oder anderen Detail zu viel Bedeutung beigemessen habe. Was bleibt, ist in jedem Fall die angenehme Freundlichkeit, die ich heute erfahren habe und darüber freu ich mich jetzt noch ein Weilchen…

In diesem Sinne wünsche ich Euch auch viele nette Begegnungen und natürlich ein schönes Wochenende!

Eure Merle