Mut zur Lücke!

 

Manchmal ist der Mut zur Lücke das Einzige, was mich rettet. Zum Beispiel, wenn ich in meinem Blog schreiben will, aber die richtigen Worte nicht kommen wollen. Oder wenn ich vor einem weißen Blatt Papier sitze, die Farben zurecht gelegt, mich die Muse aber einfach nicht küssen will. Was dann passiert, sieht man an den beiden Fotos oben, die einen Moment festhalten, indem ich den Spitzer-Abfall attraktiver fand als alles, was ich sonst zu Papier gebracht hatte… sozusagen Zufallskunst 🙂

Mut zur Lücke ist meines Erachtens nicht hoch genug zu schätzen. Mir ist in der letzten Zeit häufiger aufgefallen, dass ich in Unterhaltungen, in denen andere ein Thema auf den Tisch bringen, immer sofort meine, etwas intelligentes dazu sagen können zu müssen. Es ist, als ob eine soziale Merle anspringt, die das Gespräch am Laufen halten will und die sofort ihr Gedächtnis durchwühlt, welche passenden Erfahrungen ich beisteuern kann. Ganz schlimm ist es, wenn es um Politik geht. Ich wurde neulich von einem guten Freund auf das Thema Brexit angesprochen und ich dachte mir, Himmel ja, das ist ja ein wichtiges Thema! Was hab ich denn dazu gelesen, was kann ich jetzt dazu beitragen. Und siehe da – nichts! Denn alles, was ich darüber gelesen hatte, hatte ich schon wieder vergessen und mir stellt sich die ganze Sachlage so komplex dar, dass ich einfach nichts Kluges dazu von mir geben kann. Und ich finde es wichtig, dass meine Beiträge, wenn schon, dann bitte intellektueller Kritik standhalten. Also sage ich lieber nichts, wenn ich nichts fundiertes sagen kann. Daher sprach ich genau das aus: ich habe keine Meinung dazu, ich kann dazu nichts sagen, weil ich die Situation nicht überblicke. Nun geschah dies in einer Unterhaltung mit einem Freund, der verständnisvoll nickte. Aber kennt Ihr das auch, dass manche Menschen einen geradezu nötigen wollen, eine Meinung kund zu tun, unbedingt eine Position hören wollen?

Ich finde, ich habe das Recht, keine Meinung zu haben oder etwas nicht zu wissen. Eine frühere Lehrerin von mir sagte immer, es ist keine Schande etwas nicht zu wissen, man muss nur wissen, wo man nachschlagen kann. Das finde ich einen sehr vernünftigen Ansatz. Wie dem auch sei, zu sagen, ich weiß das bzw. dazu nicht(s), oder auch ich kann das nicht oder, vielleicht sogar, mich interessiert das nicht so (!), kann schon Überwindung kosten. Kann aber nach meiner Erfahrung unheimlich erleichternd und befreiend sein. Früher dachte ich immer, wenn mich ein Fremder auf der Straße nach dem Weg fragt, muss ich unbedigt Bescheid wissen und wenn nicht, dann muss ich irgendwie weiterhelfen, dass der Mensch an die relevante Information kommt. Heute sehe ich das gelassener. Wenn ich die Straße oder den gesuchten Ort nicht kenne, dann sage ich das gerade heraus, hinzufügend, dass es mir leid tut – und gehe weiter – in dem Vertrauen, dass er durch die Hilfe einer anderen Person schneller ans Ziel kommt als wenn wir gemeinsam wild spekulieren.

Ich verstehe das nicht. Auch so ein Satz. Heute hat mich eine liebe Freundin gefragt, warum das Leben so kompliziert sein muss. Ich entgegnete wahrheitsgemäß, dass ich das nicht weiß, dass ich aber vermute, dass nicht nur die Welt und das Universum hochkomplex sind sondern auch wir Menschen. Und die Welt wird immer komplexer, Zusammenhänge immer komplizierter – wie soll man da alles verstehen können? Ich beginne, loszulassen und zu akzeptieren, dass ich vieles nicht verstehe und wahrscheinlich auch nie verstehen werde, ich finde das nicht mehr so schlimm wie früher. Es macht mir weniger Angst, dass ich vieles nicht verstehe und ich genieße die Freiheit mir einzugestehen, dass ich das auch nicht muss.

Ich werde auch gelassener wenn es darum geht, dass ich bestimmte Dinge nicht kann, wie zum Beispiel Auto fahren, was ich nie gelernt habe. Oder geduldig sein, das lern ich seit Jahren… oder täglich in meinem Blog zu schreiben und zu lesen, was andere in ihren Blogs schreiben; das hatte ich mir fest vorgenommen, aber ich kann es nicht, es ist zu viel. Oder Mathematik, ich bin eine heillose Nicht-Versteherin der Mathematik, das fand ich zu Schulzeiten schrecklich, danach nervig, jetzt finde ich es egal.

Aber zurück zu Unterhaltungen, in denen ich (naturgemäß, wie ich annehme), ja ein Interesse habe, ein interessantes Gegenüber zu sein. Kann ich in Unterhaltungen wirklich einfach zugeben, dass ich etwas nicht weiß, nicht verstehe oder kein Interesse habe? Ja, ich kann. Zugegeben, es wird ein wenig einseitig, wenn das oft passiert, dann sollte ich mir überlegen, ob mein Gesprächspartner der oder die Richtige für mich ist. Aber ganz grundsätzlich finde ich nichts dagegen einzuwenden, auch im Gespräch mal loszulassen und zu zeigen, dass da eine Lücke ist. Im Übrigen ist mir auch schon aufgefallen, dass es gar nicht so wenige Menschen gibt, die einen in Themen verstricken, von denen sie selber keine Ahnung haben, also ist es manchmal durchaus erfrischend, wenn ich sage: es tut mir leid, dazu kann ich nichts sagen, ich weiß zu wenig darüber.

Ich habe das Gefühl, dass mit zunehmener Komplexität von uns erwartet wird, dass wir alles durchdringen und zu allem eine Position beziehen sollen. Dagegen wehre ich mich und dränge auf mein Recht, dass mich nur interessiert, was mich interessiert. Und wenn das jemandem zu oberflächlich oder langweilig erscheint, dem würde ich nahe legen, sich einmal selbst zu fragen, wie fundiert das eigene Wissen oder Tun ist. Aber bisher habe ich nur überrascht-positive Reaktionen erhalten, also mache ich mir darüber weiter keine Gedanken.

Von daher ermutige ich meine Leserinnen und Leser, sich auch zu Lücken zu bekennen und sich dabei nicht schlecht zu fühlen – es gibt genug, worum der moderne Mensch sich im Gewühl des Seins jeden Tag kümmern muss, da kann schonmal die eine oder andere Lücke auftauchen… 😉

Seid herzlich gegrüßt von

Eurer Merle