Mein tägliches Wunder

dav

Heute ist es an der Zeit, einmal ein paar Worte über meine Mitbewohner zu verlieren, denn schließlich begleiten sie mich schon seit 17 bzw. 11 Jahren und sie kennen mich besser, als jeder andere. Dass sie trotzdem noch bei mir sind und nicht schon das Weite gesucht haben, liegt, glaube ich, nicht nur daran, dass sie Wohnungs- und Balkonkatzen sind sondern auch daran, dass wir einen richtig guten Modus des Zusammenlebens gefunden haben. Und an dem, was ich als tägliches Wunder bezeichne, nämlich dass mir die beiden ein unglaubliches Vertrauen entgegen bringen, das mich immer wieder dahinschmelzen lässt.

Mir ist bewusst, dass ich meine Katzen zum Teil vermenschliche, dennoch komme ich nicht umhin, immer wieder zu staunen, wie nah wir uns sind und was die beiden schon alles mit mir mitgemacht haben. Von Umzügen und Fremdbetreuung wenn ich weggefahren bin über Liebeskummer und Lebenskrisen bis zu den seltsamen Dingen, die ich im Alltag so mache, wie laute Musik hören, spät aufstehen und unpünktlich füttern oder Besucher mit Hunden in die Wohnung lassen. Nie waren meine Katzen mir beleidigt oder haben Verhaltensweisen an den Tag gelegt, die gezeigt hätten, dass sie sich nicht wohl fühlten. Kurz, wir gehen seit Jahren durch dick und dünn.

Ich finde es nicht selbstverständlich, dass uns unsere Haustiere so akzeptieren, wie wir sind und uns Vertrauen schenken. Ich empfinde das als großes Geschenk, was vielleicht auch daran liegt, dass ich mir öfter mal vorstelle, wie es wohl aus Katzenperspektive wirkt, was ich den ganzen Tag so mache. Dabei ist die Vorstellung, dass jemand, der zig-fach so groß ist wie ich und mich einfach auf den Arm nehmen und wegtragen kann genauso irritierend für mich wie die Tatsache, dass man als Haustier vom Besitzer komplett abhängig und ihm ziemlich ausgeliefert ist. Ich weiß natürlich nicht, wie das aus der Sicht der Tiere wirkt, aber ich glaube schon, dass sie ein Bewusstsein dafür haben, dass das Fressen ausschließlich von mir kommt und dass sie meinen Launen nicht einfach entgehen können. Wobei letzteres nur zum Teil stimmt, weil ich meinen beiden Fellnasen ein, zwei Plätze in der Wohung zugänglich gemacht habe, wo sie sich gut zurück ziehen können.

Wahrscheinlich sind meine Überlegungen ein wenig abwegig und ich will mich auch nicht länger darin verlieren. Eigentlich sollte dies eine kleine Lobhudelei auf meine beiden Katzen werden und ich wollte meine tiefe Dankbarkeit darüber ausdrücken, dass sie mir schon so lange ihre Freundschaft schenken, bei mir sind, wenn es mir nicht so gut geht und sich mit mir freuen, wenn es mir gut geht. Frodo und Fee, Ihr seid einfach fantastisch 🙂

Liebe Grüße an alle,

Eure Merle

Ich bin keine Insel

dav

oder: Von der Kunst der Abgrenzung.

Um es gleich vorweg zu nehmen: ich kann mich oft schlecht abgrenzen. Besonders akustische Reize sind für mich schwer auszublenden, schon kleine Geräusche können mich aus dem Takt bringen. Aber auch Geschichten die ich lese, Filme die ich sehe und natürlich das, was andere mir erzählen, berührt mich oft sehr und hinterlässt Spuren bei mir. Ganz besonders wenn es Menschen, die mir nahe stehen schlecht geht, merke ich, dass ich in puncto Abgrenzung noch viel Luft nach oben habe.

Warum ist das so? Nun, zum einen erinnert mich manches an mich und an schlechte Zeiten, die ich durchgemacht habe, zum anderen habe ich große Empathie und fühle mit den Menschen in meinem Umfeld. Ich achte sehr darauf, nicht in Mitleid zu verfallen, wenn jemand um mich leidet, ob mir das immer gelingt, da bin ich mir nicht sicher. Ich finde es teilweise sehr schwer, da den richtigen Grad zu finden. Heute habe ich zum Beispiel eine Freundin im Krankenhaus besucht, der es sehr schlecht geht. Das nimmt mich mit, ich spüre ihre Leid und ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass da nicht auch eine Spur Mitleid in meinem Mitgefühl ist. Obwohl ich mir dessen bewusst bin, dass Mitleid niemandem hilft, schon gar nicht der Person, der es schlecht geht. Idealer Weise ist man die beste Hilfe oder Stütze wenn man nicht mitleidet sondern ein starkes und zuversichtliches Gegenüber, das zuhört und positiv in die Welt blickt und das auch transportieren kann. Aber manchmal ist der Schmerz, den jemand hat, so groß, dass auch ich keine Worte finde und nicht stark und zuversichtlich in die Welt blicken kann, weil die Welt oder das Leben manchmal einfach nicht schön sind sondern anstrengend, deprimierend und eben schmerzhaft. Das zu leugnen kommt mir auch nicht richtig vor, ich möchte ja den anderen mit seinen Gefühlen auch ernst nehmen. Aber hier fängt der Seiltanz zum Mitleid meines Erachtens an: den Schmerz des anderen ernst nehmen aber nicht selbst hineingehen. Die Erfahrung des anderen nicht schön reden wollen, aber nicht im Leid mit versinken. Das finde ich bisweilen unglaublich schwierig.

Sich im Angesicht von unangenehmen Erfahrungen oder Schicksalsschlägen der anderen bewusst zu bleiben, dass es die Geschichte des anderen ist und nicht die eigene, ist nach meiner Erfahrung eine große Kunst. Es gehört schon eine große Portion Selbst-Bewusstheit dazu, sich beispielsweise bei einer schweren Krankheit klar abzugrenzen und bei sich zu bleiben. Bei-sich-bleiben ist ein schöner Wunsch, aber wie oft gelingt uns das wirklich? Ich bin keine Insel, sondern stehe in Beziehung zur Welt und den Menschen in ihr und mit manchen Menschen verbindet mich ein besonderes Interesse, eine besondere Sympathie, wenn nicht (freundschaftliche) Liebe – wie kann ich da im Angesicht von Tränen und Schmerzen nur bei mir bleiben? Ich empfinde mit, gehe in den Emotionen mit und nehme Anteil und finde das völlig normal. Und doch werde ich das Gefühl nicht los, dass ich eine „bessere“ Freundin wäre, wenn ich weniger „mitgehen“ könnte.

Vielleicht ist mein größter Hemmschuh aber auch, dass ich zu sehr glaube, dem anderen helfen können zu müssen. Aktiv etwas für den anderen tun zu müssen. Vielleicht muss, ja vielleicht kann ich das gar nicht. Vielleicht ist mein Schmerz auch darin begründet, dass ich eigentlich spüre: ich kann meinem Gegenüber nicht wirklich helfen. Ich kann nur da sein, zuhören, in den Arm nehmen. Das ist nicht wenig, aber für einige Anteile in mir auch nicht genug. Obwohl ich aus umgekehrter Erfahrung genau weiß, wie wichtig es ist, jemanden bei sich zu haben, der einfach nur da ist, wenn es einem schlecht geht. Es ist schon seltsam, wie schwer mir manche Dinge fallen, wider besseren Wissens.

In der Theorie weiß ich also, dass Abgrenzung wichtig ist, undzwar für den anderen wie für mich selbst, aber in der Praxis darf ich da noch viel üben. Genauso wie ich noch Geduld mit mir haben darf, wenn es nicht klappt. Das Leben wird mir jedenfalls noch genügend Übungsfelder zur Verfügung stellen, da bin ich sicher.

Für heute verbleibe ich nachdenklich

Eure Merle

Begegnung der anderen Art

dav

Ich in ein friedfertiger Mensch. Wenn ich in Konfliktsituationen gerate, versuche ich immer, ruhig zu bleiben, dem anderen zuzuhören und das Gespräch nicht eskalieren zu lassen. Meistens gelingt mir das. Gestern jedoch wäre ich beinahe selbst eskaliert und ich bin froh, dass es bei dem „beinahe“ blieb. Ich saß mit einer Freundin in unserem Stammcafé, welches recht klein ist, so dass man das Geschehen im Raum – ob man will oder nicht – gut mitbekommt. Nachdem wir bestimmt eine gute Stunde über dies und das geplaudert hatten, kam ein stark alkoholisierter Mann in das Café und stellte sich an den Thresen, um den Besitzer und seinen erwachsenen Sohn zu einem Schnaps einzuladen. Ich war zunächst überrascht, dass die beiden sich darauf einließen, aber meine Freundin wies mich darauf hin, dass die Höflichkeit und der Geschäftssinn das nunmal verlange. Wie dem auch sei, während Besitzer und Sohn es bei dem einen Schnaps beließen, trank der Mann immer weiter und verwickelte den Inhaber in ein anstrengendes und lautes Gespräch, wovon ich mich kaum abgrenzen konnte, obwohl wir doch ein paar Meter weit weg saßen. Soweit ich es mitbekam, sonderte der Gast vor allem alkohol-geschwängerten Nonsense ab und es rang mir schon fast Bewunderung ab, dass der Inhaber immer noch freundlich und gelassen mit dem Betrunkenen redete. Währenddessen versuchte ich, das Gespräch mit meiner Freundin wieder aufzunehmen und mich nicht ablenken zu lassen, was mir allerdings nur schwer gelang. Endgültig abgelenkt war ich aber, als der Gast begann, trunken durch den Raum zu wanken und sich unserem Tisch näherte. Er war kaum mehr Herr seiner Sinne und hatte, wie ich dann bemerkte, den Hosenschlitz offen, was es auch nicht besser machte. Ich hielt die Luft an und bemühte mich um Fassung, denn wenn ich eines nicht ausstehen kann, dann sind das stark alkoholisierte Menschen in meiner unmittelbaren Nähe. Meine Anspannung steigerte sich soweit, dass ich kurz davor war, aus der Haut zu fahren. Der Betrunkene fand dann in einer ausladenden Runde wieder zurück zum Thresen und ich atmete erstmal erleichtert auf. Doch es dauerte nicht lange, da fing er wieder an zu wandern und kam an unseren Tisch, und dieses Mal öffnete ich schon den Mund, doch er bekam gerade noch die Kurve und wankte zurück an die Bar. Als er kurz darauf auf der Toilette verschwand, beschlossen meine Freundin und ich zu zahlen und zu gehen. Ich war auf hundertachzig und musste, als wir draußen waren, erstmal Dampf ablassen. Ich ärgerte mich, dass ich nichts gesagt hatte obwohl ich ahnte, dass es besser so war, denn ich hätte laut, sehr laut gesprochen und meinem Ärger unmissverständlich Luft gemacht. Ich glaube, dass meine Freundin recht hat, wenn sie sagt, dass ich damit nur zur Eskalation beigetragen hätte, sie selbst wäre kurz davor gewesen, ihn ruhig und sachlich darauf hinzuweisen, dass er sich uns nicht nähern soll, weil wir seine Gesellschaft nicht wünschten. Ich glaube ja ehrlich gesagt, dass er das in seiner Verfassung gar nicht verstanden hätte. Und ich muss mir selber eingestehen, dass mir das völlig egal gewesen wäre, mir ging es gar nicht um Verständigung, sondern ich wollte erstens schnellstmöglich erreichen, dass er sich entfernt und zweitens meine Wut äußern, undzwar ungefiltert. Und das kommt wirklich nicht oft bei mir vor. Aber Betrunkene in meiner Nähe provozieren einen Teil in mir, sofort in Hab Acht Stellung zu gehen und in den Kampfmodus zu schalten. Ich muss auch einsehen, dass ich mich ein bißchen über unseren ruhigen Rückzug ärgere, es macht mir etwas aus, meinem Ärger nicht dort Luft gemacht zu haben, wo er hingehört. Fairer Weise muss ich jedoch sagen, dass der Gast in dem Café nur kurz davor war, uns handfest zu belästigen, er ist sozusagen qua Körperschwankung daran vorbeigeschrammt und insofern wäre mein Ausbruch nicht angemessen gewesen und es ist gut, dass ich mich zurück gehalten habe. Trotzdem frage ich mich heute, ab wann denn die Belästigung eingesetzt hätte? Wann wäre es denn angemessen gewesen, zu reagieren und wie? Muss man wirklich immer ruhig bleiben? Muss ich in einem Tagescafé tolerieren, dass ein betrunkener Mann mit offener Hose vor mir herumwankt? Hätte der Inhaber eventuell ein Wort an den Gast richten sollen? Ich muss sagen, mich lässt diese Begegnung einigermaßen verunsichert zurück, weil mir der artige Rückzug der Frauen doch etwas zu simpel erscheint. Andererseits ist es natürlich besser, keinen Streit angefangen zu haben, oder?

Was meint Ihr dazu? Wie hättet Ihr reagiert?

Eure, ein wenig ratlose, Merle

Liebesgedicht mit Augenzwinkern

Heut schreib ich mal ’n Liebesgedicht
Für Dich, Du hast so’n liebes Gesicht

Du bist mein Blau und auch mein Gelb
mein Für und Wider und mein Held

Mein Augenstern, mein grünes Licht
heut sagst Du noch, vergiß mein nicht

Doch morgen schon hat Gold im Mund
ach was, das war die Morgenstund

Was morgen ist kann keiner wissen
vielleicht wirst Du ne andre küssen

Doch heut das weiß ich ganz genau
bin ich Dein Gelb und auch Dein Blau

Ob Rot und Weiß kommt auch dazu
das wüßt ich gerne, Du mein Du

Mit Augenzwinkern und nem Lachen
lässt sich bunt die Liebe machen

Wenn alle Farben wärn komplett
Bordeaux und Flieder auch im Bett

Dann traute ich mich evtl. sagen
die Ewigkeit, wir könn’n sie wagen

© Merle Deva

 

Über die Angst II

dav

Aus aktuellem Anlass möchte ich mich heute mit der Angst, abgelehnt und gerügt bzw. kritisiert zu werden, beschäftigen. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch diese Angst kennt, schließlich wollen wir alle angenommen und akzeptiert sein und wir befinden uns alle in Abhängigkeitsverhältnissen, seien diese emotionaler, finanzieller oder anderweitiger Gestalt.

Derzeit befindet sich ein Freund von mir in einer sehr misslichen Lage, da er krankheitsbedingt eine Dienstreise nicht antreten kann. Ich war ein Stück weit sozusagen Zeugin des Entscheidungsprozesses, ob er sich nun krank melden darf oder doch lieber die Zähne zusammen beißen und fahren sollte, und bin unter dem Eindruck unseres Gesprächs immer noch etwas erschüttert darüber, wie ein erwachsener Mensch in Angst vor den Konsquenzen des eigenen, wohl überlegten Handelns geraten kann.  Mir ist klar, dass ich mich selber wieder finde in seinen Ängsten und Überlegungen und dass ich selbst, als ich noch erwerbstätig war, mir wunderbar über Stunden den Kopf zerbrechen konnte, ob ich mich krank melden darf oder nicht. Bei jeder Krankmeldung hatte ich vor negativen Auswirkungen Angst, angefangen bei einer Abwatschung durch meinen Vorgesetzten bis hin zu Jobverlust.

Eigentlich sollte man meinen, dass der Fall ganz klar ist: wenn man krank ist, geht man nicht arbeiten und meldet sich beim Arbeitgeber arbeitsunfähig. Aber durch die gegebenen Abhängigkeitsverhältnisse ist der Fall eben nicht so klar. Es ist nicht einfach für sich einzustehen, wenn man weiß, dass signifikante Andere unterschiedlicher Ansicht sind bzw. etwas gegen mein Tun einzuwenden haben. Wenn man dann noch, so wie ich, als Kind gelernt hat, dass für sich selber einzustehen immer schmerzhafte Folgen nach sich zieht, befürchtet man diese auch später noch, selbst wenn man eigentlich weiß, dass rational betrachtet die negativen Folgen wahrscheinlich nicht eintreten werden.

Ich weiß gar nicht, was schwieriger ist: sich einem Arbeitgeber und Vorgesetzen gegenüber abgrenzen zu müssen (wo am Ende die finanzielle Abhängigkeit steht und das Arbeitsklima in Schieflage geraten kann) oder von einem Menschen, von dem man emotional abhängig ist, also einem Freund oder Partner. In beiden Fällen kann die Beziehung leiden und können Konflikte entstehen, die womöglich weitreichende Konsequenzen haben. Das Abwägen des Für und Wider, sich entscheiden zu müssen, ob man dem eigenen Willen und Gefühl folgt oder dem des Gegenübers, kann ein quälender innerer Prozess sein.

Das gemeine an der Angst ist, dass sie den Blick auf das vernebelt, was wir wirklich wollen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mich selbst zermartert habe, als ich vor vielen Jahren neben meinem Job ein Fernstudium beginnen wollte, wogegen mein damaliger Freund einige Einwände hatte. Sein Hauptproblem war, dass ich dann viel weniger Zeit für ihn bzw. uns habe würde. Ich hatte überhaupt nicht mit so einem Argument gerechnet und begann, erstaunt und erschrocken, darüber nachzudenken, ob es von mir zu egostisch ist, so ein Fernstudium durchziehen zu wollen. Ich entschied mich damals für das Studium und habe es nie bereut. Auch wenn ich weder das Studium beendete noch die Beziehung hielt. Aber ich kann mich gut daran erinnern, wie verunsichert ich war und meine Entscheidung in Frage stellte, weil die Person, die ich liebte, mit ihr nicht einverstanden war.

Es gibt oft zig gute Gründe, Kompromisse einzugehen oder sich selbst hintan zu stellen. Ich finde es auch zu einfach, den Rat zu erteilen, man müsse immer den eigenen Willen durchsetzen und ohne Rücksicht auf Verluste bei sich bleiben. Ja, ich möchte mir selber treu bleiben und keine faulen Kompromisse eingehen, das halte ich sogar für sehr wichtig. Aber spätestens wenn mein Handeln auch Auswirkungen auf andere hat, finde ich es in der Regel nicht verkehrt, auch deren Standpunkt zumindest in Betracht zu ziehen. In manchen Fällen sind Kompromisse hilfreich, in anderen ist es besser, wenn ich kompromisslos bin. Ich würde sagen, das hängt vor allem auch davon ab, wie wichtig mir eine fragliche Sache ist. Das Fernstudium war mir damals unglaublich wichtig, deswegen entschied ich mich trotz der Konflikte dafür, bei weniger großen Fragen kann ich auch gut einmal nachgeben.

In der Psychologie gibt es ein, wie ich finde, recht hilfreiches Modell für Situationen, in denen man sich vor die Entscheidung „ich-oder-das-Gegenüber“ gestellt sieht: man zerlegt die Situation in drei Faktoren, nämlich 1.Beziehung, 2. die Sache an sich und
3. Selbstwert und überlegt, welches einem wie wichtig ist. Man kann sich auch vorstellen, pro Faktor drei Murmeln zu haben und sucht dann aus, welcher Faktor je nach Wichtigkeit ein, zwei oder drei Murmeln bekommen würde. Diese Krücke kann eine Hilfe dabei sein, dass ich mir darüber bewusst werde, ob mir die Beziehung wichiger ist als die Sache an sich oder auch ob mir mein Selbstwert wichtiger ist als die Beziehung. Mir gefällt das Modell, weil es unsere Bezogenheit zur Umwelt berücksichtigt und gleichzeitig den Selbstwert in die Überlegung mit einbezieht und weil es der Tatsache Rechnung trägt, dass die drei Faktoren eben nicht immer das gleiche Gewicht für uns haben.

So lange ich keine beziehungslose Insel bin, werde ich immer wieder Angst haben, andere vor den Kopf zu stoßen, den Unmut meins Gegenübers auf mich zu ziehen oder Kritik zu ernten. Ich glaube, das Wichtigste ist, einzusehen, dass es im Leben immer wieder Konfliktpotentiale geben wird und dass ich es nicht immer allen recht machen kann. Die Kunst ist es, neben der Angst herauszufiltern, was ich brauche und möchte um dann mit Klugheit zu entscheiden, was brauche ich auf jeden Fall und worauf kann ich ggf. verzichten bzw. wo kann ich dem Gegenüber entgegen kommen. Angst ist ein schlechter Ratgeber, deshalb ist es wichtig zu differenzieren, wo spricht meine Angst aus mir, welche Befürchtungen entsprechen einem alten Muster und was ist, rational gesehen, tatsächlich wahrscheinlich. Wie so oft geht es auch hier um das Abwägen und Vereinbaren von Kopf, Herz und Bauch und trotzdem bleibt natürlich immer ein Restrisiko, dass ich mich in der Einschätzung der Lage getäuscht habe. Wer trotz dieser Angst den Mut aufbringt, zu sich selbst zu stehen, hat schon ein großes Stück Lebenskunst gemeistert.

Wie immer freue ich mich über Kommentare und verbleibe

Eure Merle

Begegnung – Nr.3

mde

Wer schon ein paar meiner Beiträge gelesen hat, dem dürfte nicht entgangen sein, dass ich Angst habe, zu verreisen. Reisen sind ein ganz großes Thema für mich. So auch vor einigen Jahren, als ich unbedingt auf ein Mediationsseminar nach Italien wollte. Nachdem die etwas komplizierte Anreise zu dem mitten in der Pampa gelegenen Hotel glücklich geklappt hatte, stand ich plötzlich unversehens in meinem – zugegeben wunderschönen – Hotelzimmer und zitterte vor Angst. Ich war allein in einem fremden Land, dessen Sprache ich nicht verstand, ich war irgendwo in der Toskana in einem Wald und hatte keine Ahnung, wie ich täglich zu dem Veranstaltungsort kommen sollte noch wie ich zum Dorf auf dem Hügel gelangen konnte, um mir dort Verpflegung zu organisieren. (Dass der Hotelmanager fast lupenreines Deutsch sprach, fand ich erst am nächsten Tag heraus, aber gut.) Jedenfalls stand ich also nun da, ängstlich und ohne Orientierung, als ich all meinen Mut zusammen nahm und ich mir dachte: „Pah, das wäre doch gelacht, wenn ich jetzt nicht den Weg zum Dorf finde, ich mache mich einfach auf!“ Gesagt, getan. Ich stapfte wild entschlossen durch die Bäume auf dem einzigen Pfad, den ich gesehen hatte bei der Anreise und dachte mir, der wird mich schon irgendwo hinführen. Die Bäume rauschten links und rechts, der Wald murmelte vor sich hin und mich verließ fast wieder der Mut. Ein paar Mal tief durchatmen und weiter gehen… einfach einen Schritt nach dem anderen machen… vor mir machte der Pfad eine Biegung und als ich um die Kurve ging, kam mir ein Hund entgegen, genauer ein Bernhardiner. Ich war freudig überrascht, denn erstens mag ich Hunde sehr gern, zweitens wedelte dieser freundlich mit dem Schwanz und drittens dachte ich, es würde ein Mensch dazu gleich um die Ecke kommen. Der Hund kam auf mich zu und schmiss sich an mich ran als wäre er Jahre lang nicht gekrault worden. Also kraulte ich ihn erstmal ausgiebig und rief dann ein paar mal „Hallo“ in den Wald, aber niemand kam oder antwortete. Ich beschloss, den Weg weiter zu gehen, schließlich hatte ich ja noch was vor, ich wollte ins Dorf. Der Hund lief eifrig vorne weg und wartete auf mich, sobald er mich aus den Augen verloren hatte. Nach einer Weile kam es mir so vor, als würde er mich führen wollen. Immer wieder kam er zu mir, lief dann wieder ein Stück voraus um dann an einer Abzweigung wieder zurück zu kommen. Ich vertraute dem Hund, ich kann es nicht anders ausdrücken. Ich nahm den Weg, den er nahm und tatsächlich standen wir irgendwann an der Straße, die hinauf zu dem Dorf in der mittelalterlichen Festung führte. Der Hund ließ mich nicht allein. Er setzte sein vor und zurück fort und begleitete mich den ganzen Weg bis ins Dorf. Zwischendurch stubste er mich immer wieder an, um gekrault zu werden – oder Leckerchen zu bekommen, die ich nicht hatte – und als ich mich, glücklich im Dorf angekommen, an einen Tisch des erstbesten Cafés setzte, setzte er sich neben mich und wartete. Für mich war dieser Hund ein Engel. Er hatte mich nicht nur von meiner Angst abgelenkt sondern auch noch den ganzen Weg begleitet, als ob er genau wüsste, wo ich hin will. Gut, so viele Abzweigungen gab es jetzt nicht auf dem Pfad, aber dennoch fühlte es sich so an, als ob er extra für mich mit mir ins Dorf gegangen war. Allerdings wurde ihm nach einer Weile langweilig und er begann, andere Gäste an den Nebentischen mit Anstubsen zu belästigen und ich hatte Mühe zu erklären, dass das nicht mein Hund sei. Was mir irgendwie keiner zu glauben schien, als er sich an meine Fersen heftete, während ich ein paar Einkäufe erledigte. Der Hund kam den ganzen Weg zurück zum Hotel mit und verabschiedete sich dort um wieder seiner Wege zu gehen. Ich war völlig fasziniert und restlos überzeugt, dass hier ein kleines Wunder stattgefunden hatte, in der Gestalt eines Hundes, der mich vor meiner Angst rettete. Einige Tage später erklärte mir der Hotelmanager, dass der Hund einem in der Nähe wohnenden Bauern gehörte und dass er gerne Touristen hoch ins Dorf führe. Es klang so, als wolle er mir sagen, der Hund sei darauf abgerichtet worden – doch das war und ist mir egal. Für mich bleibt es eine wundersame und im wahrsten Sinne des Wortes zauberhafte Begegnung, die ich nicht vergessen werde.

Wann hattet ihr Eure letzte zauberhafte Begegnung?

Eure Merle

Eine kostbare Fracht am Abend

dav

Als ich heute Abend auf dem Weg nach Hause an der Ampel stand, fuhr ein ganz besonderes Auto an mir vorbei: auf den Seiten des weißen Lieferwagens stand in riesigen Lettern „Elfenstaub“ und es war eine stilvolle, wunderschöne und gar nicht kitschige Elfe darauf abgebildet.  Der Anblick riß mich aus meiner Lethargie und ich begann darüber zu sinnieren, was wohl Elfenstaub ist, wo er her kommt und wo er hingebracht wird. Dem Internet entnehme ich, dass das Autokennzeichen OAL für Landkreis Ostallgäu steht, der Wagen kam also nicht aus nächster Nähe. Elfenstaub wird also auch über größere Distanzen ausgeliefert. Aber an wen und wofür? Ich setzte meiner Phantasie keine Grenzen und bin auf ganz erstaunliche Möglichkeiten gekommen, Elfenstaub einzusetzen. Wer übrigens glaubt, es sei erstunken und erlogen, dass es Elfen gibt, der möge nach Norwegen oder Island fahren, ich weiß von einigen Reisenden, die Trolle und Elfen dort selbst gesehen haben! Doch nun zum Elfenstaub und wofür er Gebrauch finden kann:

Ich stelle mir unter Elfenstaub ein feines Puder vor, das in allen Regenbogenfarben schillert und vielfach verwendbar ist. Wenn man ihn zum Beispiel abends in seinen Tee rührt, hilft er wunderbar beim Einschlafen und beschert schöne Träume. Wenn man dies vergessen und nicht so gut geschlafen hat, kann man am nächsten Morgen die dunklen Augenringe ebenfalls mit Elfenstaub lindern.

Genauso hilfreich könnte Elfenstaub beim Kochen sein. Vielleicht ist er ein wunderbares Gewürz, das alle herausragenden Geschmacksnuancen der verschiedenen regionalen Küchen perfekt vereint. Vielleicht war also der Lieferwagen unterwegs zu einem Restaurant. Da es ein großer Lieferwagen war, gehe ich von einer schier riesigen Menge von Elfenstaub aus, es muss also eine flächendeckende Verwendung für das Pulver geben.

Gut möglich ist auch, dass Gärtner damit ihre Blumen bestreuen, damit diese lange in den schönsten Farben blühen und in der jetzt aufkommenden Kälte nicht gleich verblühen. Es könnte doch auch sein, dass der Elfenstaub besonderen Blütennektar entstehenden lässt, den die Bienen besonders schätzen!

Ziemlich sicher bin ich mir, dass Elfenstaub auch Kindern hilft, die Angst haben. Ob dieser Elfenstaub allerdings in dem Lieferwagen war und nicht doch eher von den zarten Wesen selbst ausgeteilt wird, das weiß ich nicht.

Mir fallen noch zig weitere Möglichkeiten ein, Elfenstaub zu verwenden, aber ich möchte meine lieben LeserInnen nicht langweilen. Nur tun Sie mir bitte einen Gefallen: wenn Sie eine Elfe sehen oder wissen, wofür Elfenstaub verwendet wird, sagen Sie mir bitte unbedingt Bescheid!

Ganz herzlichen Dank und herzliche Grüße

Eure Merle

 

Über das Schamgefühl

dav

Das Schamgefühl ist wohl eines der unangenehmsten Gefühle, die wir Menschen kennen. Ich möchte darüber heute schreiben, weil ich glaube, dass viele Menschen sich viel zu oft schämen und weil ich glaube, dass das Schamgefühl oftmals manipulativ benutzt wird, um andere zu beschämen und so klein zu halten.

Scham ist laut dem Psychologischen Wörterbuch Dorsch „…eine Reaktionsform zum Erleben des Bloßgestelltseins, des Schuldigseins, des Versagthabens, des Prestigeverlusts u.ä. (…) Das Erleben der Scham ist ein peinliches Gefühl mit Verlust an bejahender Beziehung zu sich selbst, zum Mitmenschen, zur Welt. (…) Man trennt nach Leibesscham und seelischer Scham, nach „verbergernder“ und „behütender“ Scham, wobei letztere dem Menschen hilft, peinliche Erfahrungen zu vermeiden (…).“ Dorsch 2009, S. 873.

Laut dem Eintrag „Grundgefühl“ in Wikipedia (25.9.2018) zählt Martin Dornes, ein Soziologe und Psychologe, die Scham sogar zu den menschlichen Basisemotionen. Dies sind Emotionen, die allen Menschen kulturell übergreifend inne wohnen und transkulturell verständlich sind; es sind in der Regel auch Emotionen, denen keine anderen Gefühle zugrunde liegen. (Meistens werden als die sechs Grundgefühle angegeben: Wut, Trauer, Ekel, Überraschung, Angst und Freude.) Ich würde die Einordnung des Schamgefühls als Grundgefühl insoweit einschränken, als dass die Gründe für Scham in unterschiedlichen Kulturen verschieden sind. In China schämen sich Menschen für andere Dinge als in Deutschland, die Scham ist also ein Gefühl, das extrem abhängig von der jeweiligen Gesellschaft ist, in der man lebt. Dass das Schamgefühl als solches jedoch in jeder Kultur vorkommt, davon bin ich überzeugt.

Wir erlernen uns zu schämen schon als Kinder. Wie sich das Schamgefühl bei Kindern im Alter von ca 3, 4 Jahren ausbildet, ist wiederum abhängig davon, wie die Eltern mit Schamgefühlen umgehen. Dabei meine ich nicht nur den Umgang mit Nacktheit oder körperlichen Vorgängen sondern auch, ob Kinder für „Fehlverhalten“ geschimpft und beschämt werden. „Du solltest Dich schämen!“ ist ein Spruch, den ich zumindest aus meiner Kindheit noch sehr gut kenne. Wenn Kinder anfangen, sich selbst und die anderen in der Welt zu begreifen und beginnen zu verstehen, was sozial akzeptiert ist und was nicht, setzen auch Schamgefühle ein. Das bedeutet, Scham ist ein Gefühl, das ein Gegenüber bzw. den oder die Andere(n) benötigt. Für mich allein schäme ich mich erstmal nicht, wenn ich nackt bin, aber wenn ich nackt durch die Straßen laufen müsste, würde ich mich schämen.

Wie aus dem Artikel über Scham im Psychologischen Wörterbuch hervorgeht, gibt es auch eine schützende, positive Funktion der Scham, die behütende Scham. Da ich gelernt habe, was in unserer Gesellschaft gemeinhin als angemessen gilt, werde ich mich nicht nackt mitten in die Innenstadt stellen und laut singen. Dass mich mein Schamgefühl davon abhält, zeigt seine behütende Funktion vor beschämenden Situationen, sowohl was den Körper betrifft als auch das soziale Verhalten. Ich gehe zum Beispiel nicht einfach hinaus in die Welt und frage wildfremde Leute nach persönlichen Details, dafür würde ich mich schämen.

Hier fängt allerdings schon der Graubereich an. Wäre ich eine Journalistin und würde eine Reportage über Schlafgewohnheiten machen, wäre es gesellschaftlich akzeptiert, fremden Menschen persönliche Fragen zu stellen. Allerdings kommt natürlich auch hier das jeweils individuelle Schamgefühl zum tragen, das heißt, je nach Charakter, Persönlichkeit und Erziehung werde ich mich vielleicht auch dann schämen, wenn ich weiß, dass das, was ich tue, nicht aus dem sozialen Rahmen fällt oder mich sogar für meine Nacktheit schämen, wenn ich allein in meinem Zimmer bin.

Und das bringt mich zum zentralen Punkt meiner Überlegungen: was passiert, wenn uns ein ungesundes Maß an Schamgefühl eingeimpft wurde? Wenn wir aufgrund unserer Erfahrungen ein ständiges Gefühl von verbergender Scham in uns tragen und es gar nicht mehr darauf ankommt, ob da ein Gegenüber ist, das uns gerade für irgendein Verhalten tadelt, weil wir diese Stimme schon so verinnerlicht haben?  – Ich glaube, das ein ausgeprägtes Schamgefühl dazu führt, dass ein Mensch tatsächlich das positive Gefühl von sich in der Welt verliert und auch kein gutes Gefühl für die Beziehung zwischen dem Selbst und der Welt entstehen kann. Scham macht klein und führt zu dem Impuls sich verstecken zu wollen oder sich andauernd zu entschuldigen und beraubt uns unseres positiven Handlungsimpulses.

Gerade Menschen in Machtpositionen haben oft ein untrügliches Gespür dafür, wie sie die von ihnen abhängigen Menschen beschämen können, wie sie mit dem Schamgefühl der Untergebenen spielen können. Ich selbst hatte Jahre lang einen Vorgesetzen, der mit Verachtung und autoritärer Haltung auf dem Schamgefühl seiner Mitarbeiter herumritt wie nichts Gutes. Aber auch außerhalb der Arbeit habe ich Situationen erlebt, in denen Erwachsene zu einen Häufchen Elend wurden, weil sie vor versammelter Mannschaft gerügt oder degradiert wurden. So etwas zu beobachten führt bei mir unweigerlich zum Gefühl des Fremdschämens, ich bin peinlich berührt, wenn andere Menschen vor mir bloßgestellt werden.

Für mich ist Scham ein schwer zu akzeptierendes Gefühl, auch wenn ich den evolutionären Sinn des Schamgefühls durchaus verstehe. So wie die Angst ihren Nutzen hat, hat auch die Scham ihre Berechtigung. Ohne Angst würde ich vielleicht ohne Zögern über viel befahrene Straßen gehen und ohne Scham, wer weiß, würde ich vielleicht tatsächlich nackt durch die Straßen gehen. Allerdings sei hier die Frage erlaubt, ob das tatsächlich ein Anlass wäre, mich zu schämen? Muss ich mich für meinen Körper schämen? Nicht überfahren zu werden, ist ein guter Grund, Angst zu haben. Ist nicht nackt gesehen zu werden ein guter Grund für Scham? Offensichtlich ist das Schamgefühl dafür zuständig, dass wir nicht aus der Gemeinschaft ausgestoßen werden, denn diese war zumindest in der Evolution ein wichtiger Schutz des individuellen Lebens. Heute ist der Einzelne in vielen Gesellschaften weit weniger abhängig von der Gruppe und gerade in den westlichen, industrialisierten Gesellschaften sind viele gesellschaftliche Zwänge im 20. Jahrhundert einer größeren inviduellen Freiheit gewichen. Kann damit auch die Scham weichen bzw. ist das Schamgefühl vielleicht sogar auf gesellschaftlicher Ebene geringer geworden? Schämen wir uns weniger als unsere Großeltern?

Oder schämen wir uns heute einfach nur für andere Dinge als unsere Vorfahren? Das halte ich für ziemlich wahrscheinlich, denn auf kultureller Ebene haben sich einige Normen und Regeln doch so verändert, dass Gründe, für die man sich vor 100 Jahren bloßgestellt vorkam, heute kaum mehr Anlass zur Scham bieten. Ich denke da an Scheidung oder das Zusammenleben ohne Trauschein zum Beispiel. Ich glaube, dass gerade das Schamgefühl die Beziehungen zwischen Mann und Frau und die Sexualität betreffend, in den letzten Jahrzehnten aufgeweicht wurde. Das halte ich für eine gute Entwicklung denn Scham verhindert Kommunikation und Offenheit, Dinge, die zu einer gleichberchtigten, guten Beziehung dazu gehören.

Dafür mag es heute andere Gründe geben, für die man sich neuerdings schämt. So weiß ich zum Beispiel von Frauen, die sich dafür schämen, nicht arbeiten zu gehen und nur für ihre Kinder da zu sein. Es ist ihnen peinlich, dass sie nicht das Bedürfnis haben, neben Haushalt und Kindererziehung auch einem Beruf nachzugehen und Karriere zu machen.

Es scheint mir so, als würde sich das Schamgefühl mit den jeweiligen gesellschaftlichen Normen und Regeln verändern. Wir sind wahrscheinlich nicht schamfreier als unsere Großeltern, wir schämen uns nur für andere Gründe. Vielleicht ist auf der individuellen Ebene mit der, dankenswerter Weise, in Verruf geratenen autoritären Erziehung das Einbläuen von Schamgefühlen auch weniger geworden, ich würde es mir zumindest wünschen.

Denn ich glaube, dass Scham – neben ihren schützenden Funktionen – ein zutiefst destruktives Gefühl ist, dass einen Menschen in seinem Sein extrem einengen und gefangen halten kann. Ähnliche wie Schuldgefühle führen übermäßige Schamgefühle zu Selbstabwertung und Isolation, zu einem verzerrten Selbstbild und negativem Weltbild. Ich weiß auch nicht, ob Scham hilfreich ist, wenn man jemand anderem geschadet hat; ich glaube, dass Scham einer persönlichen Veränderung eher im Weg steht, weil sie verhindert, dass man zu sich selbst steht. Interessanter Weise kenne ich vor allem Menschen, die sich für, nach meinem Dafürhalten, nichtige Kleinigkeiten schämen – oder aber Menschen mit großem Autoritäts,- oder Machtbewusstsein, die anderen durchaus Schaden zufügen – sich dafür aber meines Wissens nicht schämen.

Und so schließe ich meine Überlegungen zum Schamgefühl mit der Feststellung, dass sie zwar ein allgemein menschliches Gefühl ist, ich aber ihren heutigen Nutzen in Frage stelle, vor allem, da, wo sie im Übermaß empfunden wird. Ohne den behütenden Faktor in Abrede stellen zu wollen, glaube ich, dass sie oftmals mehr Schaden anrichtet als hilfreich zu sein, sowohl was die individuelle Entwicklung als auch eine eventuell angemessene Wiedergutmachung für ein Gegenüber angeht. Ich glaube jedenfalls nicht, dass ein weniger an Schamgefühl zu einer Gesellschaft außer Rand und Band führen würde – ich kann mich aber auch täuschen…

Was denkt Ihr über Schamgefühle und wie geht Ihr damit um?

Eure Merle

Brauchen wir mehr digitale Abstinenz?

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Könnt Ihr Euch noch an Euer erstes Handy und an die Einführung der Emails erinnern, oder den ersten PC? Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich Emails und dem Internet, das Mitte der 90er seine Verbreitung erfuhr, extrem skeptisch gegenüber stand. Meine ersten Hausarbeiten an der Universität schrieb ich, ebenfalls Mitte der 90er, noch mit der Schreibmaschine, bis mir eine Freundin ihren „alten“ PC überließ. Als ich in meinem ersten Studentenjob begann, mit dem PC zu arbeiten, war ich zunächst schier am Verzweifeln, weil ich ständig Angst hatte, eine falsche Taste zu drücken und alles am Bildschirm würde sich plötzlich verändern oder komplett verschwinden. Was dann auch ein paar mal tatsächlich passierte, bis sich eine Kollegin erbarmte und mir das „Word“-Programm erklärte. Bei jeder Email die ich schrieb, hatte ich die Befürchtung, sie würde doch nicht ankommen oder zu spät oder falsch adressiert und das Internet war mir einfach viel zu unübersichtlich und als wissenschaftliche Quelle ohnehin nicht geeignet. Man könnte also grob zusammenfassen, dass ich eine ängstlicher Userin digitaler Medien war – die sich aber ziemlich flott in all die Errungenschaften hineinfand und heute würde ich sagen, dass ich einen sehr kompetenten Umgang mit all den zur Verfügung stehenden Medien pflege.

Dazu gehört auch, dass ich mir, und das wurde mir erst kürzlich bewusst, eine Welt ohne Emails gar nicht mehr vorstellen kann. Auch mein Smartphone möchte ich nicht missen, denn es ist nicht nur als sms-Kommunikator extrem praktisch sondern besonders dann, wenn ich eine Wegbeschreibung zu einem mir bislang unbekannten Ziel benötige. Davon abgesehen ist es mein Wecker und beinhaltet meinen Kalender. Als Bloggerin verbringe ich natürlich auch jeden Tag einige Zeit mit meinem Laptop und schreibe meine Texte nicht per Hand oder Schreibmaschine.

Und was wäre, wenn das alles plötzlich wegfallen würde? Angenommen, ich käme in eine Situation, in der ich das alles nicht mehr nutzen kann? Ich glaube, ich würde erstmal ganz schön doof aus der Wäsche gucken. Und da frage ich mich, wie haben wir das denn alles früher gemacht? Richtig, es wurden Briefe geschrieben, manchmal zwei oder drei Mal, wenn es um etwas offizielles ging, bis keine Tip,- oder Schreibfehler mehr drin waren. Wir haben uns zum Telefonieren verabredet oder man lebte eben damit, dass jemand mal nicht erreichbar war und überhaupt ging die ganze Kommunikation viel langsamer und der Stadtplan war auch noch in Gebrauch. Eigentlich müsste einem schwummrig werden, wenn man bedenkt, wie sehr wir unser Leben durch digitale Medien beschleunigen. Mir wird aber leider eher mulmig wenn ich mir vorstelle, ich müsste wieder auf die althergebrachten Methoden zurück greifen. Dabei finde ich die Vorstellung, meiner Freundin in Berlin mal wieder einen Brief zu schreiben, sehr schön. Die Sache hat nur den Haken, dass ich es nicht tue, stattdessen tauschen wir regelmäßig sms aus. Vor zwanzig Jahren waren es noch mindestens 10-seitige Briefe, die wir wöchentlich austauschten.

Da fällt mir gerade ein, dass ich auch die riesigen Säcke Katzenstreu im Internet bestelle und auch mal das ein oder andere Kleidungsstück oder Medikament. Nein, ich möchte wirklich nicht darauf verzichten. Gut, muss ich ja jetzt auch nicht, aber nachdenklich stimmt es mich schon, dass ich so abhängig von so vielen elektronischen Medien bin. Und was wenn meine Speicherung und die Sicherungskopien irgendwann defekt sind, dann sind auch aberwitzig viele Fotos und Texte futsch. In diesem Moment überlege ich ernsthaft, ob ich nicht alles mal ausdrucken sollte, als materielle Sicherungskopie sozusagen. Und ich frage mich: brauche ich mehr digitale Abstinenz?

Ein lieber Freund von mir hat noch ein echtes Handy, also kein Smartphone. Da der Akku langsam zickt, möchte er sich eigentlich ein neues Handy zulegen, aber er musste unlängst feststellen, dass es nur noch Smartphones gibt – oder Seniorenhandys mit sehr großen Zahlentasten. Er überlegt jetzt ernsthaft, sich ein Seniorenhandy zu kaufen, weil er sich mit Smartphones nicht anfreunden kann.

Als ich neulich in meine Bank ging und die nette Dame am Schalter bat, einen Übertrag von meinem Sparbuch auf mein Girokonto zu tätigen, fragte sie mich erstmal entrüstet, ob ich denn kein Online-Banking mache. Ich gab ebenso entrüstet zurück, dass ich das nicht tue, weil es mir zu unsicher ist. Daraufhin grunzte sie unzufrieden und nahm dann die Überweisung vor. Ich bin sehr dankbar, dass sie sich den Vortrag über die Sicherheit des Online-Bankings sparte. Ich hätte ihr ohnehin nicht geglaubt.

Worauf ich mit diesen beiden Beispielen hinaus will, ist, dass wir offensichtlich auch in einer Welt leben, in der es immer schwieriger wird, den digitalen Funktionen aus dem Weg zu gehen. Ich finde es schon bemerkenswert, dass es keine „einfachen“ Handys mehr auf dem Markt gibt und ich bin gespannt wie lange es noch dauert, bis mir meine Bank mitteilt, dass alle handischen Überweisungen extra Geld kosten oder nur noch online durchführbar sind. Selbst wenn ich also wollte, komme ich vielem (bald) nicht mehr aus. Bei der Telekom und den Stadtwerken bekommt man die Rechnung nur noch per Email, wenn ich bei meinem Hausarzt anrufe dudelt erstmal ein Band die Infos zu „doctolib“ herunter und fordert mich auf, meinen Arzttermin im Internet zu buchen. Das mache ich dann doch nicht mit und bleibe lieber etwas länger in der Warteschleife, um den Termin persönlich zu vereinbaren.

Die Sache mit den digitalen Medien ist also ziemlich ambivalent, stelle ich fest. Während ich einerseits bei manchen Dingen nicht mitmache – zum Beispiel dem social-media-Wahnsinn, ich habe keine facebook-twitter-instagram-Profile, oder dem Online-Banking – sind sie mir an anderer Stelle liebgewonnene Gewohnheit und alltägliche Gebrauchsgegenstände geworden. Sollte ich irgendwann wirklich mal in die Bedrouille kommen, kein Strom und kein Netz zu haben, werde ich das auch überleben, aber hoffentlich nicht zu lang. Ich folgere für mich nach diesen Ausführungen, dass ich mich erstens um ein besseres Sicherungskopien-System kümmern werde und zweitens nehme ich mir fest vor, wieder mal den einen oder anderen Brief zu schreiben. Mir ab und zu eine digitale Auszeit zu verordnen scheint mir auch nicht verkehrt, denn ich kann mir gut vorstellen, dass diese zur Entschleunigung und einem Gefühl der Erdung beitragen würde. Ich nehme mir das mal vor und schaue, wie weit ich damit komme. Ich werde darüber berichten.

Wie haltet Ihr es mit Smartphone, Laptop und Co.? Schreibt mir, wenn Ihr Lust habt!

Eure Merle

 

Ein schweres Herz

Ein schweres Herz
nimmt Anlauf Dir zu sagen
was es empfindet
doch kann’s bei dem Gewicht nicht wagen

Ein schweres Herz
möcht Dir gern zeigen
wie froh es ist
dass es Dich kennt, sich vor Dir verneigen

Ein schweres Herz jedoch
nimmt wahr und hört
dass Deines nicht
im selben Rhythmus schlägt, das stört

Ein schweres Herz
denkt nach, verstummt,
will wissen nur
wie kann ich tun die Wahrheit kund?

Ein schweres Herz indes
wird leicht, erkennt und lacht
es ist die Liebe, nicht der Takt
der Zweie zu ner Einheit macht

© Merle Deva