Auf den Platz verwiesen…

dav

hat mich gestern die Hausverwaltung – ich solle gefälligst aufhören, den Eigentümer zu belästigen!

Aber von vorne. Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, wurde unser Mietshaus (24 Mietparteien) von einer Baugesellschaft gekauft, die als erstes gleich die Mieten erhöht hat. Das Haus liegt in bester Lage in einer beliebten deutschen Großstadt und es wurden in den letzten Jahren nur einzelne Dinge in verschiedenen Wohnungen renoviert. Das Baujahr liegt zwischen 1950 und 1966 und überall um uns herum wurden in den Straßenzügen alle Wohnungen und Bürohäuser bereits modernisiert bzw. saniert. Ein Schelm wer Böses denkt? Eine Baufirma kauft ein Haus unter diesen Bedingungen und keiner denkt an Luxussanierung?

Nunja, bis auf ein kleines gallisches Dorf, in dem sich Widerstand regt… ach, das war eine andere Geschichte…pardon… jedenfalls habe ich mich vor einigen Wochen bei der Hausverwaltung erkundigt, ob bzw. wann denn die Sanierung unseres Hauses geplant ist, worauf man mir sagte, man wisse es nicht. Also habe ich kurz darauf den Eigentümer angerufen, besagte Baufirma, und sprach jedes Mal mit einer netten Assistentin, die mir jedes Mal versicherte, sie leite mein Anliegen weiter und ich werde zurück gerufen. Doch das passierte nie, komisch oder? Nein, nein, das läge nicht an mir, Herr xyz habe nur so schrecklich viel zu tun! Ja, genau. Nachdem ich mehrmals freundlich nachgefragt hatte, gab ich im Laufe dieser Woche auf und rechnete nicht mehr damit, angerufen zu werden. Aber ich ließ es mir nicht nehmen, im Internet die schlechteste Bewertung dieser Firma abzugeben. Das war das erste Mal, dass ich sowas getan habe, es fühlte sich komisch und doch auch richtig an.

Und was passiert als Nächstes? Genau, die Hausverwaltung ruft mich an und will mir verbieten, den Eigentümer wieder anzurufen, dieser sei nicht mein Ansprechpartner sondern die Hausverwaltung selbst und man wisse gar nicht, wieso jetzt alle Mieter den Eigentümer anriefen und wegen Sanierungen nachfragten. Tja, da komm ich jetzt auch nicht drauf – könnte es eventuell damit zu tun haben, dass die meisten Mieter Angst vor einer weiteren deftigen Mieterhöhung haben, nachdem die Wohnungen saniert wurden – weil offensichtlich ist, was angeblich nicht stimmt? Die Dame der Hausverwaltung wollte mir allen ernstes verkaufen, dass die Baufirma selber noch nicht wisse, was sie mit dem Haus plane! Man wisse nicht, was in einem, zwei oder drei Jahren sei – ach was – aber erstmal bliebe alles beim alten. Ich konnte es mir nicht verkneifen und erklärte der Dame erstmal, dass für mich bereits jetzt nichts beim alten geblieben ist, denn durch die Mieterhöhung bin ich nun  Empfänger der Grundsicherung und dass eine weitere Erhöhung dazu führen würde, dass ich umziehen muss, was wiederum in unserer schönen Stadt ein Kunststück ist, das kaum zu vollbringen ist, weil es eben keinen günstigen Wohnraum gibt.

Und wer bitte ist so naiv zu glauben, dass eine Firma, die mit exclusiven Neubauten und noch exclusiveren Modernisierungen auf ihrer Internetseite wirbt, dass diese Firma nicht wisse, was sie mit einem Haus in dieser Lage anzufangen gedenke? Ich bitte Sie, Frau B. von der Hausverwaltung, das glaubt Ihnen doch kein Mensch!

Aber davon abgesehen, dass man die Mieter offenbar für dumm verkaufen will, was Modernisierungspläne angeht (diese müssen im übrigen leider nur drei Monate im Voraus angekündigt werden, eine Zeitspanne, in der, realistisch betrachtet, definitiv keine Alternative zu finden sein wird), empfinde ich es als Frechheit, dass man mir vorschreiben will, wen ich anzurufen habe und wen nicht. Ich erklärte Frau B., dass ich ja bereits bei der Hausverwaltung nachgefragt hatte, die aber keine Auskunft geben konnte und dass ich deshalb den Vermieter direkt angesprochen hatte – was daran verwerflich sein soll, erschließt sich mir nicht! Aber es offenbart die Haltung des Vermieters gegenüber seinen Mietern: lästiges Beiwerk einer lukrativen Immobilie in der Innenstadt.

Unser Haus war über die letzten 20 Jahre tatsächlich wie ein kleines, gallisches Dorf in unserem Viertel – als einziges, verbleibendes Mietshaus in dieser Straße, mit angemessenen Mieten, gehörten wir einer Privatperson, die kein Interesse daran hatte, den Mietenboom mitzumachen. Vor allem deshalb gibt es auch viele Mieter hier, die schon sehr lange hier wohnen und die auf die moderaten Mieten angewiesen waren. Ich denke da an einige Nachbarn, die Rentner sind oder an die Studenten, die auch hier wohnen.

Warum man uns keinen reinen Wein einschenkt, kann ich nur erahnen. Und wer jetzt denkt: was will sie denn, dann gibt’s halt keine Sanierung, soll doch froh sein – der soll mir bitte erklären, was eine Baufirma sonst mit dem Haus anfangen soll und vor allem erinnere ich an die Aussage der Hausverwaltung, dass man ja nicht wissen könne, was in einem, oder zwei Jahren sein wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass man verhindern möchte, dass sich echter Widerstand formiert und die Mieter sich organisieren, um sich zu wehren. Das scheint mir sehr plausibel.

Und für den Fall, dass ich mich doch täusche und die Immobilie als Abschreibungsobjekt gekauft wurde, kann ich nur sagen: ich würde mich freuen wie Bolle, wenn ich Unrecht hätte!

Da ich das aber für wenig wahrscheinlich halte, werde ich also anfagen, mich nach einer anderen Wohnung umzusehen. Dass ich etwas vergleichbares finde, ist unwahrscheinlich. Man darf mir also die Daumen drücken, dass ich mich mit meinen
47m²  wenigstens nicht verkleinern muss und höchstens an den Rand der Stadt ziehen muss.

Das wäre nicht das Schlimmste, denn mit mehr Grün um mich zu wohnen, fände ich auch schön und vielleicht, ja vielleicht klappt ja auch die angedachte WG, wer weiß. Ich versuche also, aus den drohenden Veränderungen das Beste zu machen – und dennoch ärgere ich mich über den Umgang mit uns als Mietern und es macht mich wütend, dass trotz der Wohnungsnot Investoren immer noch freie Hand haben, bezahlbaren Wohnraum weiter zu verknappen. In diesem Punkt fühle ich mich auch als Wählerin betrogen und sähe es wirklich gern, wenn die Kommunalpolitik endlich ihre Hausaufgaben machen würde. Denn letztendlich führen die Entwicklungen auf dem Immobilienmarkt dazu, dass all die Menschen, die mit ihren Jobs eine Stadt am funktionieren halten (öffentlicher Nahverkehr, Gesundheitssektor, sozialer Sektor, Dienstleistungen, usw.), sich ein Leben in dieser nicht mehr leisten können. Das kann nicht gewollt sein – oder doch?

Meine ersten Internet-Suchanfragen auf einer bekannten Immobilienplattform haben gruselige 3-6 Treffer erziehlt, und das in Gegenden, in denen ich partout nicht wohnen möchte. Ich möchte außerdem nicht wissen, wie viele Bewerber es auf die einzelnen Angebote wohl gab. Aufgeben werde ich trotzdem nicht sondern weiter suchen, immerhin hab ich ja wenigstens noch eine Weile Zeit.

Aber heute ist erstmal Samstag und den halte ich mir in der Regel von unangenehmen Pflichten frei. Und so wünsche ich Euch und mir selbst ein sorgenfreies, entspanntes Wochenende und verbleibe

Eure Merle

 

 

 

 

Nachts um zwölf…

dav

…da schlafe ich für gewöhnlich. Ich gehe gerne früh ins Bett und finde es zunehmend angenehm, morgens früh aufzuwachen und den Tag in aller Stille beginnen zu können. Schlafen lege ich mich so zwischen neun und zehn Uhr abends und manchmal gehe ich sogar schon um acht ins Bett, einfach weil ich diesen kuscheligsten aller Orte liebe und es genieße, noch ein bis zwei Stunden im Bett liegend zu lesen. Zwölf Uhr nachts ist also für mich wirklich eine Zeit des Schlafens – das war nicht immer so. Früher war ich eine Nachteule und ging zum Teil unter der Woche erst nach Mitternacht schlafen, aber diese Zeiten sind bis auf wenige Ausnahmen, wenn ich etwas unternehme, vorbei und mein Umfeld weiß das auch und würde mich um diese Zeit weder anrufen noch an der Haustür klingeln.

Oder? Gestern Nacht klingelte es um zwölf an meiner Haustür und ich schreckte völlig irritiert aus dem Schlaf hoch. Es wurde nicht einmal geklingelt, nein, das Klingeln ging eine ganze Weile weiter. Zunächst war ich desorientiert und wütend – wer um alles in der Welt wagt es, um diese Zeit bei mir zu klingeln, so eine Unverschämtheit! Und dann mit so einer Ausdauer! Sehr verärgert stand ich auf und versuchte, aus dem Küchenfenster einen Blick auf den Ruhestörer oder die Ruhestörerin zu erhaschen, was mir aber nicht gelang. Ich überlegte: sollte ich aufmachen? Was wenn es ein Nachbar ist, der den Hausschlüssel vergessen hat? Doch dann erinnerte ich mich daran, dass erst vor wenigen Tagen eine seltsame Stimme durch die Gegensprechanlage auf gebrochenem Englisch versuchte, mir zu befehlen, ich solle die Tür öffnen. „Open door! I don’t have key, open door! I am worker!“ Nun muss man dazu sagen, dass das abends um acht war und wir keine Baustelle im Haus haben. Ich versuchte, in Erfahrung zu bringen, zu wem er denn eigentlich wollte, bekam aber keine Antwort außer ein erneutes, hingeblafftes „Open door!“ – Ich hatte die Tür nicht geöffnet, da mir das ganze höchst suspekt war.

Und nun klingelte also jemand um Mitternacht bei mir Sturm und ich hatte nicht den Anflug einer Ahnung, wer das sein könnte. Ein lange verflossener Freund, der tatsächlich die Angewohnheit hatte, zu unmöglichen Zeiten zu klingeln? Nein, das war definitiv zu lange her. Doch jemand aus meinem Freundeskreis der aus irgendeinem Grund dringend Hilfe benötigte? Aber würde er oder sie dann nicht auf dem Handy anrufen? Oder doch nur ein betrunkener Nachtschwärmer, der sich in der Tür oder im Namensschild geirrt hatte?

Während all diese Gedanken durch meinen Kopf zogen, bemerkte ich, dass ich vor lauter Müdigkeit und Verärgerung noch gar nicht an die Gegensprechanlage gegangen war, um zu fragen, wer da ist. Wollte ich das überhaupt? Nein, ich wollte es nicht und tat es auch nicht. Ich war mir sicher, wenn es jemand wäre, den ich kenne, hätte ich einen Anruf oder eine SMS bekommen.

Ich beglückwünschte mich zu meiner konsequenten Haltung und ging wieder ins Bett. Aber jetzt ging das Kopfkino erst los! So sehr ich mich auch bemühte, das ganze zu vergessen und wieder einzuschlafen, es gelang mir nicht. Ständig kreisten die Fragen durch meinen Verstand der verzweifelt versuchte, herauszufinden, wer das gewesen sein könnte. Jetzt wurde ich wütend auf mich selbst, denn so blöd kann ja gar niemand sein und sich über so etwas weiter den Kopf zu zerbrechen! Unmöglich, durch Grübeln zu erahnen, wer da geklingelt hatte. Und überhaupt war das doch vollkommen wurscht! Aber was, wenn jemand Hilfe gebraucht hätte? Dann hätte ich wahrscheinlich gehört, wie es auch in den anderen Wohnungen klingelt (das hört man bei uns im Haus). Also alles gut. – Aber neugierig bin ich auch, ich hätte so gerne gewusst, wer da an der Tür war!! Aha, daher weht der Wind…

Und so guckte ich um eins das letzte Mal auf die Uhr, als meine Gedanken sich langsam beruhigten und mein System sich allmählich wieder auf schlafen einstellte. Was mich bis heute beschäftigt, ist, dass mich so eine kleine, unbedeutende Begebenheit so lange beschäftigen kann. Unglaublich! Heute komme ich mir richtiggehend albern vor und frage mich, warum das ganze so viel Unruhe in mir verursachen konnte. Jedenfalls hat keiner meiner Freunde sich heute beschwert, dass ich ihn oder sie nicht hinein gelassen habe, deshalb war es offenbar richtig, die Tür nicht zu öffnen.

Jedenfalls hoffe ich, dass es sich um eine einmalige Angelegenheit gehandelt hat, denn ich traue mir zu, beim nächsten mal höchst unwirsch zu reagieren -ich mag es nunmal nicht, wenn man mich aus dem Schlaf reißt!

Nun denn, mit diesem Anekdötchen wünsche ich Euch noch einen schönen Sonntag und morgen einen guten Start in die Woche!

Eure Merle

 

Ein Schubs ins Leben

dav

Wie schon an anderer Stelle in diesem Blog geschrieben, bin ich ein Mensch, der Veränderungen nicht mag. Nun ist es aber so, dass das Leben selbst Veränderung ist und wir können uns diesen nicht auf ewig entziehen. In zwei Bereichen meines Lebens habe ich sehr lange nicht gewagt, Veränderungen vorzunehmen – und jetzt sieht es so aus, dass mir die eigene Initiative aus der Hand genommen wurde. Ich habe den leisen Verdacht, dass unsere Seele (oder vielleicht doch das Leben bzw. das Große Ganze selbst?) es früher oder später nicht mehr mit ansieht, wenn wir zu lange stagnieren. Dann wird ein neuer Würfel ins Spiel gebracht und die Karten werden neu gemischt.

18 Jahre war ich bei meinem Arbeitgeber angestellt und ich war davon ausgegangen, dass ich nach meiner Zeit des Aussetzens dort noch angestellt sein würde – Pustekuchen! Zusammen mit einer dreistelligen Zahl an Kollegen werde ich in eine Abstellgleis-Firma umorganisiert und wie es auf längere Sicht weiter geht, weiß kein Mensch. Gut, in diesem Fall denke ich mir, ist es vielleicht gar nicht so schlecht, dass ich gezwungen werde, mich um Alternativen zu kümmern, auch wenn das nicht leicht wird.

Aber dass ich eventuell aus meiner Wohnung hinaus muss, in der ich 14 Jahre sehr zufrieden gelebt habe, dass nehm ich dem Groupier des Lebens übel. Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass hier noch nichts genaues feststeht. Doch es sieht ganz danach aus, als ob unser Haus luxussaniert wird und davon abgesehen, dass ich keine Ahnung habe, wo ich während der Sanierung unter kommen würde, ist die zu erwartende Mieterhöhung für mich nicht machbar. Es ist ein Jammer, dass der vorherige Besitzer das Haus an eine Baufirma verkauft hat. Die sozial verträglichen Mieten wurden jetzt schon saftig erhöht und es ist unklar, wie es weiter gehen wird. Aber das eine Baufirma eine Mietimmobilie zur reinen Bestandswahrung kauft, halte ich für sehr unwahrscheinlich.

Und so bin ich also durch diese zwei neuen Entwicklungen aufgeschreckt und mitten ins Leben geschubst worden und muss mich nun darum bemühen, den weiteren Weg möglichst selbst zu gestalten. Wobei in meiner Stadt die Wohnungssuche relativ wenig Raum für eigene Gestaltung lässt. Bezahlbarer Wohnraum ist Mangelware und ich hatte bisher eigentlich nicht vor, aus der Stadt zu ziehen. Alles, was mir im Alltag wichtig ist, ist fussläufig oder mit einer kurzen Busfahrt erreichbar und auch wenn sich unser Viertel in den letzten Jahren nicht so vorteilhaft entwickelt hat, wohne ich doch eigentlich immer noch gerne hier.

Andererseits fange ich nun an, über neue Möglichkeiten nachzudenken. Sowohl beruflich als auch die Wohnlage betreffend. Es scheint nun nicht mehr außer Frage zu stehen, dass ich nochmal eine Ausbildung beginne und eigentlich träume ich schon länger davon, mehr Grün und mehr Ruhe um mich herum zu haben. Also, ich wollte jetzt nicht aufs Dorf ziehen, aber vielleicht gibt es ja was zwischendrin. Vielleicht ist auch eine WG möglich? Warum nicht?

Ich erkenne also, dass es gar nicht so schlecht ist, wenn sich Türen schließen, es keimt die Hoffnung in mir auf, dass sich dadurch tatsächlich neue Türen öffnen. Auch wenn ich gestehen muss, dass ich mir einen Umzug gar nicht vorstellen möchte – wer hat eigentlich den ganzen Kram über all die Jahre in meiner Wohnung abgestellt und warum ist trotz diverser Entrümpelungen immer noch so viel davon übrig? Wieviel Kartons würde ich brauchen? 50 Stück oder mehr? Ein Albtraum.

Und will ich mit Mitte 40 wirklich nochmal die Schulbank drücken? Schaffe ich es, mich wieder als Schüler einzufügen und zu konzentrieren? Gibt es etwas, dass mein Interesse derart weckt? Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass es ob des späten Renteneintritts-alters sicher nicht zu spät ist, im Beruf nochmal von vorne anzufangen, aber halte ich das durch? Ich weiß es nicht und mich beschleicht das mulmige Gefühl, dass man manche Sachen schlicht ausprobieren muss, erst dann ist man schlauer.

Es stehen also einige Veränderungen an und ich versuche wirklich, mich mit Mut und beherzt eben diesen zu stellen. Doch leicht fällt mir das nicht, denn es werden Entscheidungen notwendig sein, die ich treffen muss, ohne genau zu wissen, was mich erwartet. Das behagt mir gar nicht. Etwas altklug erzähle ich mir selbst, dass das eben so ist mit dem Leben. Ja, ja, denke ich, ich komme mir trotzdem extrem schlecht darauf vorbereitet vor.

Ich erinnere mich, dass ich als Kind oft die Erwachsenen betrachtet habe und mich gefragt habe, auf welchem Wege man eigentlich all die Dinge lernt, die von einem Erwachsenen gefordert werden. Für sich selbst Verantwortung übernehmen, für Kinder die Verantwortung übernehmen, ein Zuhause errichten, für sich sorgen, Geld verdienen, Bürokratie erledigen, für das Alter vorsorgen und und und. Ich bin schon früh zu dem Schluss gekommen, dass man das nirgends lernt sondern dass irgendwann einfach erwartet wird, dass man das kann. Nun ist es so, dass ich von mir durchaus behaupten kann, in den meisten Bereichen ziemlich lebenstüchtig zu sein. Ich bin in der Regel gut organisiert, erledige alle möglichen Dinge schnell und mache auch meine Steuererklärung selber, wenn auch nicht ganz so schnell… dennoch ist über all die Jahre nie die unterschwellige Angst gewichen, ich könnte einen groben Fehler begehen, etwas vergessen oder sonstwie Murks bauen. In manchen Momenten fühle ich mich immer noch wie ein Kind das sich fragt, „wie geht das eigentlich?“

Dass vieles nicht nach Plan verläuft, auch wenn man sich noch so bemüht, das habe ich inzwischen verstanden. Und dass das Leben einen immer wieder vor neue Herausforderungen stellt, ist mir auch klar. Trotzdem oder gerade deshalb wünschte ich mir ab und an eine Art von Cicerone: einen weisen Experten des Lebens, den man zu Rate ziehen kann und der einem kundig hilft, Entscheidungen zu treffen.
Das wäre schön!

Und dann wieder denke ich, dass es an mir ist, durch mein Leben meine eigene Weisheit zu sammeln – und das ist genau richtig so!

Ich wünsche Euch einen angenehmen Abend und verbleibe

Eure Merle

 

 

Annäherung an das Glück

dav

Ist Glück definierbar? Nein, ich glaube nicht. Ich kann mich erinnern, dass ich Glück empfand, als ich dieses Foto gemacht habe – die morgendliche Ruhe am See, die einsame Ente, die ihren Weg durchs Wasser paddelt, kein Mensch außer mir an der Seepromenade… das fühlte sich wie Glück an. Da Glück ja doch eher in einzelnen Momenten auftaucht, wüsste ich nicht, wie man Glück allgemeingültig definieren soll. Für jeden ist Glück etwas anderes und das einzige, worauf man sich vielleicht einigen kann, ist, dass Glück flüchtig ist.

Für mich gibt es zwei Arten von Glück: das tiefe und großartige Wohlgefühl des wunderschönen Augenblicks, das mich in der Regel in der Natur und alleine überfällt;  und das Glück, dass ich in entscheidenen Situationen habe, weil sich etwas zu meinen Gunsten ergibt. Also das Würfelglück im Spiel, die letzte Theaterkarte, die ich ergattere oder dass meine beiden Katzen sich auf Anhieb verstanden, als ich sie vergesellschaftet habe. Das war großes Glück. Dabei existiert in meinem Verstand die kindliche Vorstellung, dass es tatsächlich so eine Art „Roulette-Tisch“ des Lebens gibt – je nach dem, wie die Kugel fällt, habe ich Glück oder nicht. Das ist natürlich nur ein Bild für etwas, dass ich nicht erklären kann, aber irgendwie gefällt es mir.

Soweit ich das sehe, gibt es außerdem zwei Fraktionen in der Glücksdiskussion: die einen, die meinen, Glück ist etwas, das (durch eine nicht näher benannte Kraft) willkürlich unter den Menschen verteilt ist und die andere Fraktion, die glaubt, dass jeder absolut selbst für sein Glück verantwortlich ist. Je nach dem, wie es mir geht, tendiere ich eher zum einen oder anderen, aber entschieden habe ich mich nie zwischen den zwei Lagern.

Goethe sagt:
„Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
denn das Glück ist immer da.“

Er war also offenbar der Ansicht, dass es jedem Einzelnen obliegt, sein Glück selbst in die Hand zu nehmen. Und von Heinrich Heine stammt der Satz: „In uns selbst liegen die Sterne des Glücks.“ Blöderweise muss ich bei solchen Botschaften immer an Kinder in Slums oder Krebskranke denken und frage mich, ob es nicht sehr zynisch ist, so über Glück zu reden.

Denn selbstverständlich bin ich der Ansicht, dass jedem Menschen eine ordentliche Portion Glück gebührt. Und es gibt ja auch eine Menge Ratgeber und Selbsthilfeliteratur, die vermeintliche Glücksformeln und -wege propagieren. Auch diese finde ich oftmals zynisch, denn so sehr ich mich bemühe, es gelingt mir nicht, Glück als etwas zu betrachten, dass für jeden immer da ist. Dabei setze ich Glück nicht mit Wohlstand gleich, aber doch tatsächlich mit Sicherheit, Gesundheit und einem gewissen Spielraum bzw. der Freiheit, das Leben selbst zu gestalten. Bin ich arrogant, weil ich mir ohne diese Faktoren Glück kaum vorstellen kann? Vielleicht. Dennoch wird mir regelmäßig schlecht, wenn Indien-Reisende zurückkehren, mit leuchtenden Augen von der Herzlichkeit und dem Glück schwärmen, dass sie im Kontakt mit den Einheimischen erfahren haben, ja es bricht geradezu eine Glückseligkeit aus ihnen hervor, die sie auf die unglaubliche Zufriedenheit der Inder trotz der Armut zurück führen. Nunja, denke ich dann immer, wenn man die Kaste der Unberührbaren, die auf Verkehrsinseln und Bürgersteigen leben, ignorieren kann…

Der World Happiness Report von 2017 hat die Norweger als glücklichstes Volk der Welt identifiziert, gefolgt von Dänemark, Island, Schweiz und Finnland. „Dabei betonen die Forscher, dass persönliches Glück stark mit dem Zustand der Gesellschaft und dem sozialen Umfeld verbunden sei. Großzügigkeit, Solidarität, Freiheit für eigene Lebensentscheidungen und Vertrauen in Regierung und Behörden seien wichtige Faktoren für individuelles Glücksgefühl.“ (Tagesspiegel vom 20.3.2017)

Ist Glück also doch mehr von Äußeren Faktoren abhängig als Goethe und Heine das sahen? Ich glaube, ja. Natürlich hilft es, Optimist zu sein und die Augen für die Schönheit der Welt zu öffnen. Aber würde ich das auch einem schwer Kranken sagen? Öffne doch mal Deine Augen für das Schöne? Eher nicht, auch wenn es zahlreiche Berichte gerade von Kranken gibt, dass sie durch die Krankheit (wieder) gelernt haben, vor allem das Glück in kleinen Dingen zu erkennen. Persönlich halte ich das für Level 100 in der Kunst des Lebens, das man aber niemandem „verschreiben“ kann, besonders da der Umgang mit Krankheit individuell sehr verschieden ist.

Ich folgere also, dass es zwar am Einzelnen liegt, wie er sich und die Welt in jedem Moment seines Daseins betrachtet – dass aber zu einer optimistischen, Glück verheißenden Selbst-  und Welt-Betrachtung auch gewisse äußere Faktoren gehören. Wer sich um Leib und Leben Sorgen machen muss oder darüber, woher er die nächste Mahlzeit bekommt, wird es mit dem Glück vielleicht schwerer haben, als jemand der in Sicherheit und Wohlstand lebt.

Um Glück zu haben muss man Glück haben. – Mit der richtigen inneren Haltung zieht man das Glück an. Was stimmt denn nun? Nun, ich vermute, das Leben ist eine Mixtur aus beidem und was Schicksal, Glück oder Zufall ist, wird uns Menschen eher verschlossen bleiben.

Mir gefällt daher, was Arthur Schnitzler über das Glück sagte:

„Alles, was die Seele durcheinanderrüttelt, ist Glück.“ – Genau, und damit ist es egal, woher es kommt, oder nicht?

Und so wünsche ich mir und Euch das ein oder andere gerüttelt werden und verbleibe herzlichst,

Eure Merle

 

Die Kunst der Langeweile

dav

Ich habe zu viel Zeit. Eindeutig. Und es gibt Tage, da fällt es mir ziemlich schwer, mit meiner Zeit sinnvolles anzufangen. Also wird ein bißchen mit Farben gespielt, hier gelesen, dort eine geraucht… und dann warte ich auf anstehende Termine oder Verabredungen, und bin ungeduldig mit mir selbst. Heute habe ich zum Beispiel bis 16 Uhr Zeit, bis der Sohn einer Bekannten zum Englisch pauken zu mir kommt. Darauf freue ich mich, das wird bestimmt nett. (Also für mich – für ihn, weiß ich nicht *grins*.) Aber bis dahin ist einfach zu viel Zeit! Ich höre förmlich die Stimmen, die da sagen: spinnt die? Soll doch froh sein, dass sie zu viel Zeit hat, wer beschwert sich denn über sowas!? Das ist ja voll das Luxus-Problem!! – Stimmt, ist es, das macht’s aber nicht besser und zum Trost für alle, denen oft oder gar immer Zeit fehlt: auch ich kenne Phasen, in denen einem die Zeit buchstäblich davon rennt und man gar nicht mehr weiß, wie man alles unter einen Hut bringen soll.

Aber heute schreibe ich -kurz-  über Langeweile. Ein meines Erachtens weit unterschätztes Phänomen. Denn Langeweile gehört zum Leben, ist sogar notwendig, um Raum für Kreativität zu öffnen und ist insofern spannend, als dass sie mich auf mich selbst zurück wirft. Ich muss mich mit mir und meiner inneren Leere auseinander setzen. Das ist nicht angenehm, bisweilen aber erhellend. Eine Pause von all den Aktivitäten zu haben, die sonst den ganzen Tag erfüllen und die ein ständiges Hintergrundgeräusch verursachen, zeigt mir, inwieweit ich wirklich bei mir selbst bin oder eben doch ganz woanders. Nicht der Versuchung zu erliegen, die Leere mit Musik, Literatur oder Bewegung zu füllen sondern sie auszuhalten – das ist eine Kunst, die geübt werden will. Nichts zu konsumieren, einfach in sich hinein zu hören und zu gucken, was da kommt, wenn Stimulantien von außen fehlen… das erfordert Geduld und den Mut, in nicht so angenehme Gefühlszustände zu geraten. Ungeduld, Ärger, Missmut, Trauer und so weiter recken da ihre Köpfe und fragen, wo denn jetzt der Input bleibt, die Ablenkung.

Nein, sage ich zu meiner Langeweile. Jetzt lenken wir uns mal nicht ab sondern halten das aus. So, an dem Punkt habe ich dann vorhin meine Stifte gepackt und hab gemalt und dann fing ich an, diesen Beitrag zu schreiben. Wie schön, eine Stunde ‚rum. Aber noch zweieinhalb vor mir, uff. Ich werde mir jetzt einen Tee machen und dann höchstwahrscheinlich ein paar Entspannungsübungen versuchen und dann wollen wir doch mal sehen, ob das nicht klappt mit der Akzeptanz der Langeweile…und wenn nicht, habe ich immer noch meine Katze, der ich beim Schlafen zusehen kann 🙂

Herzliche Grüße

Merle

Warteschleifenkunst II

dav

Und zum Start der Woche ein Zitat aus „One Hundred Ways For a Cat to Train its Human“ (Celia Haddon, London 2001)

„Remember. Humans have the mental age of one-week-old blind kitten. They cannot express themselves in body language because they have no tail and no whiskers; their hair can’t stand up and their ears are completely inflexible. They can learn only a few words from the huge body-language feline vocabulary.“

🙂 Einen guten Start in die Woche wünscht Euch

Merle

Ist das gerecht?

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser, heute würde ich mir eine Umfragefunktion auf meiner Blogseite wünschen, da mich sehr interessieren würde, wie ihr über Folgendes denkt – es scheint auf den ersten Blick eine triviale Angelegenheit zu sein, aber ich habe Ebenen darin entdeckt, die mir doch von größerer Bedeutung erscheinen:

Von einer Freundin habe ich erfahren, dass jemand, der sich piercen oder tätowieren lässt und anschließend zum Arzt muss, weil sich das ganze entzündet hat oder sonstwie Probleme bereitet, dass dieser die Kosten für die ärztliche Behandlung selber zahlen muss. Krankenkassen übernehmen keine Behandlungskosten, die durch freiwillige Körperveränderungen anfallen.

Siehe dazu folgende Links:

Ärztezeitung;

Oberarzt Heute

(Die Artikel sind von 2011 bzw. 2016 – ein Recherche-Anruf bei meiner Krankenkasse – Techniker – ergab, dass jede vom Arzt gemeldete Behandlung von Piercings oder Tättowierungen vom Patienten selbst zu zahlen sind.)

Im ersten Moment denkt man: ja klar, das macht Sinn. Ist ja jeder selber schuld, wenn er sowas macht, ist doch Privatvergnügen. Auf den zweiten Blick jedoch finde ich das ganze höchst bedenklich. Denn hier wird der Einzelne auf eine Art bevormundet und benachteiligt, die meines Erachtens gegen die Persönlichkeitsrechte geht. Und ich frage mich unweigerlich: was kommt als Nächstes?

Was ist mit dem Skifahrer, der sich ein Bein bricht? Ist Skifahren nicht auch ein Privatvergnügen, mit hoher Verletzungsgefahr? Was ist mit der Person, die bei Rot über die Ampel geht und einen Unfall verursacht, muss die bald auch die Behandlungskosten selber zahlen? Oder der Fahrradfahrer, der ohne Helm fährt, der Autofahrer, der mit Trunkenheit am Steuer verletzt wird, der Raucher der Krebs bekommt oder jemand, der sich durch ungeschützten Verkehr mit einer Geschlechtskrankheit infiziert?

Wird in Zukunft die Schuldfrage darüber entscheiden, wessen Behandlungskosten von der Krankenkasse übernommen werden? Und wieso zahle ich dann seit Jahrzehnten meinen Kassenbeitrag? Es wird ohnehin inzwischen herzlich wenig von den Kassen bezahlt, wenn ich beispielsweise an Zahnarztkosten denke oder an Krebsvorsorge. Selbst wichtige Blutparameter, die eine Rolle bei Depressionen spielen (Vitamin D und B12), werden nicht mehr von den Kassen bezahlt.

Da möchte ich in Anlehnung an Shakespeare sagen: Es ist etwas faul im Staate Deutschland, und das sind nicht die indivuellen Lebensgestaltungen. Ich bin kein Experte des Gesundheitssystems, aber sollten die Kassen tatsächlich unter Defiziten leiden, dann reißen es die Behandlungskosten von gepiercten oder tätowierten Mitgliedern sicher nicht raus.

Vielleicht sehe ich die Entwicklung zu schwarz, aber wenn ich gleichzeitig bedenke, dass die Krankenkassen immer mehr persönliche Daten von Patienten zentral speichern wollen, dann frage ich mich, ob das der leise Abschied von einem Solidarsystem ist, wie wir es bislang noch haben. Ich hoffe, dass ich hier übertreibe und Unrecht habe, denn ansonsten wird es, fürchte ich, recht unschön…

Nichtsdestotrotz wünsche ich Euch einen schönen, sonnigen Sonntag und ich freue mich wie immer über Kommentare!

Eure Merle