Ich Reisemuffel

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Es ist mal wieder soweit, es ist Urlaubszeit und damit auch Reisezeit. Zwar scheinen dieses Jahr zwecks Corona viele ihren Urlaub anders zu gestalten als mit einer Fernreise – aber so grundsätzlich sind wir doch ein reiselustiges Völkchen und mir ist es nicht selten in meinem Leben passiert, dass man auf Parties, oder wo man sonst so Leute kennenlernt, gerne gefragt wird, wo man überall schon war und dann werden gnadenlos die eigenen Reisen aufgezählt, bis man auf der inneren Landkarte nicht mehr mitkommt.

Reisen ist sehr vielen Menschen sehr wichtig. Allein aus meiner Zeit im Büro kenne ich unglaublich viele Leute, die ihre zwei Flugfernreisen pro Jahr als eine Art Grundrecht betrachten und die auch nicht zufrieden sind, wenn sie nicht regelmäßig den Kontinent verlassen können, um woanders Sonne zu tanken, Sehenwürdigkeiten zu betrachten und Durchfall vom Essen zu bekommen. Besonders lustig wurden die post-Reise-Unterhaltungen immer dann, wenn jemand wusste, dass ich Ethnologie studiert habe und ich trotzdem kein weit entferntes Urlaubsziel nennen konnte. Ich habe viele Sommer sehr gerne in meiner Stadt, an meinem Fluss, in meinem Park verbracht und nachdem ich irgendwann das Schamgefühl ob meiner Reisemuffeligkeit loslassen konnte, fand ich die Mimik meines jeweiligen Gegenübers nur noch witzig.

Ja, ich habe Ethnologie studiert, doch ich habe mich von Beginn des Studiums an mit Migranten in Deutschland bzw. Europa und mit europäischer (Stadt-) Ethnologie beschäftigt. Und nein, ich bin nie, wie viele meiner Komilitonen, mit Rucksack durch Indien oder Afrika gereist. Mein weitestes Reiseziel war Anfang der 2000er Jahre Syrien, weil ich Arabisch lernen wollte. Und diese Reisen (ich war drei Mal dort) haben mich nicht zwingend davon überzeugt, dass Tourismus mein Hobby werden sollte. (Obwohl das Land damals ein vergleichsweise angenehmes Reiseland war.)

Warum ich nicht gern verreise? Es fängt ganz banal an: ich mag mein eigenes Bett und mein Bad. Ich finde es super, dass ich hier ohne Bedenken Wasser aus dem Wasserhahn trinken kann. Ich habe Angst vor vielen tropischen Krankheiten und es ekelt mich fürchterlich vor vielbeinigem Getier. Ich brauche keine Rache Montezumas um das echte Urlaubsfeeling zu bekommen und ich möchte auch nicht mit chronischer Malaria leben, wie es einem Freund von mir nach seinen Indienreisen passiert ist. Von all dem abgesehen habe ich große Flugangst und Auto fahre ich auch nicht gern. Und es ist einfach immer schwierig für mich, mein Zuhause für länger zu verlassen. Vielleicht liegt das daran, dass schon die Reisen in meiner Kindheit mit der Familie immer ein Drama waren, irgendwelche unangenehmen oder gefährlichen Situationen gab es immer…

Aber Reisen bildet doch! Ja, das tut es – bis zu einem gewissen Grad und im Idealfall, wenn man sich auf das Fremde einlässt und nicht auf touristischen Pfaden läuft sondern länger irgendwo lebt. Es gibt in der Ethnologie das Konzept des Ethnozentrismus: man findet in fremden Ländern vor, was man erwartet und diese Erwartungen sind durch und durch geprägt von unserem jeweils eigenen Bild des Fremden. Wir haben eine kulturell durchtränkte Vorstellung von dem, was exotisch ist und das sehen wir dann tendentiell auch, wenn wir weg fahren. Das Phänomen funktioniert ein bißchen so, wie wenn man keine Antworten bekommt wenn man nicht weiß, wonach man fragen soll.

Also gar nicht mehr verreisen? Ach naja, das muss jeder für sich entscheiden! Ich persönlich fände es gut, wenn beim Urlauben etwas mehr auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit geachtet würde und was ich tatsächlich schwer nachvollziehen kann, sind Reisen in Armutsgebiete oder totalitäre Systeme. Wobei es da natürlich auch immer das Argument gibt, dass man als Tourist ja dringend gebrauchte Devisen ins Land bringt bzw. zur Öffnung des Landes beiträgt. Nunja. Was ich mir auch wünsche, ist etwas weniger Hochnäsigkeit und Arroganz von weit gereisten Mitmenschen. Davon abgesehen, dass bei Weitem nicht jeder etwas lernt, wenn er oder sie verreist, ist es kein Zeichen von Dummheit, nicht zu verreisen. Im Zweifel ist es einfach ein Zeichen dafür, dass sich jemand fürchterlich viele Gedanken macht und dabei so viele Hindernisse vorfindet, dass man es lieber gleich bleiben lässt.

Interessiert mich denn die weite Ferne nicht? Doch! Tut Sie! Ich würde sehr gerne einmal Myanmar und Nepal sehen, auch Bali interessiert mich sowie Kuba und Hawaii… aber wie ich diese Flugstunden überstehen soll, ist mir ein Rätsel und dann die Krankheiten und die Viecher… Ach, Bildbände sind auch sehr schön! 🙂 Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, erstmal das Umland besser kennenzulernen und mit kleinen Trips anzufangen. Italien ist für mich tatsächlich auch ein Wunschziel, was aber in diesen Zeiten für mich nicht in Frage kommt, da muss ich noch länger warten. Heißt also, ich möchte gerne dem Teil von mir, der gern durch fremde Städte und Gegenden läuft und Neues entdeckt, durchaus Futter geben, aber in einem Rahmen, mit dem ich zurecht komme und der mich nicht schon Nächte bevor es losgeht schlaflos macht.

Ein Reiseblog wird dies also niemals werden, das kann ich mit Sicherheit sagen. Aber etwas öfter raus aus der Stadt zu kommen, aus den eigenen vier Wänden und die Komfortzone zu verlassen, das wär, glaub ich, schon ganz gut. Mein nächstes Ziel ist erstmal der Chiemsee… ich überlege noch, ob ich allein oder in Begleitung fahren möchte… mal sehen, was sich ergibt. Ich werde berichten…

Und natürlich wünsche ich allen, die auch dieses Jahr verreisen von Herzen eine gute Zeit, kommt gesund und munter wieder…!

Wie immer, Eure Merle

 

 

Die Illusionen des WWW (inkl. online-Kauf update)

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Vor kurzem habe ich an dieser Stelle darüber berichtet, dass ich bei einem (von mir vorher nicht überprüften) Online-Handel Kleidung bestellt habe und es sah ein paar Wochen so aus, als ob ich gar keine Ware bekommen würde. Ein Blick auf Rezensionen anderer Kunden machte deutlich, dass es sich bei dem Unternehmen um ein betrügerisches handelt. Ware kommt entweder gar nicht an oder man bekommt (entgegen der AGB) keinen Retourenschein und keine Adresse an die man zurück senden könnte –  und die meisten berichten, dass wenn sie Ware bekommen haben, diese höchstens Ähnlichkeit hat mit den Fotos, die auf der Internetseite der Firma stehen. Letzteres ist auch mir passiert: die Kleidung sah aus, als ob man einem Kleinkind die Fotos gezeigt hätte und dann hat das Kind Stoff bemalt und zugeschnitten und zusammen genäht. Sprich, Farbe, Form und Muster haben nur in Ansätzen mit den Produkten zu tun, die man auf der Website zu sehen bekommt. Die bittere Ironie ist, dass wahrscheinlich tatsächlich Kinderarbeit in China hinter diesem Anbieter steckt. Ich werfe mir vor, dass ich vor der Bestellung nicht genau hingeguckt habe, dann hätte ich bemerkt, dass es kein Impressum gibt, keinen ordentlichen Firmensitz und keine Kundenhotline. Allein das macht schon misstrauisch. Wenn man dann noch die anderen Kundenstimmen dazu nimmt, kann man dort nicht mehr bestellen.

Nachdem ich das Unternehmen mehrfach mit Fristsetzung aufgefordert habe, mir einen Retourenschein und eine Rücksendeadresse zu schicken, kam lediglich der lapidare Vorschlag, ich könne ja einen Gutschein bekommen. Da ist mir endgültig der Kragen geplatzt und ich war heute bei meiner Bank und habe eine Kreditkartenreklamation abgegeben. Die Chancen, dass ich mein Geld wieder bekomme, stehen laut Bankmitarbeiter nicht schlecht. Wenn alles gut läuft, komme ich also mit weniger als einem blauen Auge davon. Wobei ich die Ware immer noch zurück senden muss und das könnte teuer werden. Aber gut, ein bißchen Schwund ist immer. Und so etwas passiert mir garantiert nicht nochmal. Der Witz ist, dass ich normaler Weise bei Firmen kaufe, die „ökologisch und politisch korrekte“ Kleidung anbieten. Und dass ich sonst eigentlich immer auf Rechnung kaufe und niemals per Vorkasse. Das erste Mal eine Ausnahme gemacht und schon reingefallen… das wurmt mich doch.

Tja, Fluch und Segen des Internets. Auf diesem weltweiten Tummelplatz gibt es eben auch genügend schwarze Schafe, die die eigene Anonymität und Naivität der User ausnutzen und die gnadenlos die Möglichkeiten der irreführenden Selbstdarstellung ausweiden. Dazu passen übrigens auch zwei andere Erfahrungen, die ich neulich online gemacht habe:

Um einen alten Bekannten kontaktieren zu können, habe ich mir ein LinkedIn-Konto zugelegt. Dabei ist man leider gezwungen, einen Arbeitgeber anzugeben. Also trug ich meinen letzten Arbeitgeber und meine Funktion dort ein. Sonst wirklich absolut gar nichts. Was passiert? Nach nicht einmal 14 Tagen erhalte ich eine Nachricht von einem angeblichen Headhunter, der sich auf mein „absolut spannendes Profil“ bezieht! Ich denke „Hä? Spannendes Profil? Steht doch gar nichts drin!“ Ich habe ein paar Tage überlegt, ob ich antworten soll, undzwar bissig-ironisch, es war mir aber dann der Mühe nicht wert. So ernst kann man also diese Plattform nehmen… aber immerhin habe ich den Kontakt zu meinem Bekannten herstellen können und inzwischen gehört auch das LinkedIn-Konto wieder der Vergangenheit an. Ich werde mir aber merken, dass meine Luftnummer als absolut spannend betrachtet wurde – da kann ich noch was lernen!

Und apropos Luftnummer: ich habe jetzt lange abgewogen, ob ich hier davon berichten soll, und tu es jetzt doch – ich habe mich vor einer kleinen Weile bei einer Online-Dating-Plattform angemeldet, die ein eher alternatives Publikum (auch ökologisch und politisch korrekt ;-)) anspricht und kann nun sagen, dass ich leider vorgefunden habe, was ich mir eh schon gedacht hatte. Die meisten Vorschläge sind tatsächlich „Luftnummern“, im Sinne von nicht ernst gemeinten Einträgen und die wenigen, mit denen tatsächlich ein ernster Schriftwechsel zustande kommt, sind irgendwie auch nicht zu gebrauchen. Ein Treffen hatte ich neulich mal, auf das ich mich wirklich gefreut habe weil wir uns recht angeregt per mail unterhalten hatten. Der Abend im Café war sehr nett und ich bekam dann am nächsten Morgen auch eine entsprechend charmante sms – und das war es dann mit der Kommunikation. Danke, war schön, aber jetzt meld ich mich nicht mehr. Schon wieder „Hä?“ Ich fand das besonders enttäuschend, weil wie gesagt das vorherige schriftliche Kennenlernen sehr interessant und angenehm war. Aber das ist auch die Krux an der online-Dating Geschichte: man sitzt Illusionen auf, wie sie nur der digitalte Kontakt und das Internet produzieren können.

Und das ist der Punkt, der alle drei Anekdoten verbindet: im Internet gesucht und angeblich gefunden. Diese falschen Schlußfolgerungen wären bei persönlichem Kontakt gar nicht erst entstanden. Im Laden sehe ich direkt die Ware, die ich kaufen möchte. Eine Plattform wie LinkedIn vermittelt den Usern den Eindruck, dass das alles ganz seriös ist, doch so eine email ist schnell geschrieben, ein Profil schnell erstellt. Die Seriosität und Richtigkeit der Quelle im Internet zu beurteilen, ist viel schwieriger, als in der analogen Welt. So zumindest mein Verdacht. Und was meinen Feldversuch des online-Datings angeht, konstatiere ich, dass auch hier emails schnell geschrieben sind. So auf die digitale Ferne und in Anonymität schreibt sichs gut – wenn es dann persönlich wird, live und in Farbe, wirds schon schwierig. Auch da bin ich der Meinung, dass solche Missverständnisse viel weniger entstehen, wenn man jemanden gleich analog kennen lernt. Dann weiß ich auch eher von Anfang an, ob die Chemie stimmt und ob Interesse besteht.

Ich will hier gar nicht das Internet verteufeln, immerhin betreibe ich einen Blog in eben diesen. Aber ich glaube, dass es wichtig ist, die Grenzen des Mediums zu erkennen und sich immer bewusst zu sein, dass das WWW eine ganz eigene Welt ist, die nicht zwingend etwas mit der realen, bzw. anfassbaren Welt zu tun hat. Das Netz ist ein großartiger Ort der Möglichkeiten, aber eben auch des Missbrauchs oder eben der Illusionen. Diese Erkenntnis ist nicht wirklich neu, aber sie ist mir in den vergangenen paar Wochen mal wieder sehr deutlich vor Augen geführt worden. Ich werde daher meinen Konsum und meine Verabredungen wieder in die analoge Ebene verfrachten und werde weiterhin so autenthisch und ehrlich wie möglich meinen Blog schreiben.

Und so grüße ich Euch herzlich und wünsche Euch eine gute Woche!

Eure Merle

 

Die Fragilität des Seins

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Heute früher Nachmittag, ich sitze mit meiner Freundin J. vor einem kleinen Café an einem sehr belebten Platz. Man sitzt sehr schön dort, große, alte Ahornbäume spenden Schatten, der Verkehrslärm ist vorhanden aber nicht im Vordergrund, das Klientel ist angenehm, der Café schmeckt – kurz, ein wunderbarer Moment der Entspannung an einem schönen Sommertag bietet sich an.

An diesem Platz gibt es neben Geschäften, einem U-Bahnbahnhof und Bushaltestellen auch Bänke, die zum Verweilen einladen. Ich bin ziemlich häufig dort zum Einkaufen oder weil ich Bus und U-Bahn benutze. Schon häufiger ist mir dabei aufgefallen, dass auf den Bänken immer die gleiche Gruppe von Alkoholikern und Drogensüchtigen sitzt. Es ist schwierig, nicht auf sie aufmerksam zu werden, weil meistens ein ziemlicher Geräuschpegel von der Ansammlung ausgeht. Mir ist auch aufgefallen, dass ich diesen Umstand unangenehm finde und konnte bisher nicht genau sagen warum, außer dass ich mich geärgert habe, wenn besagte Gruppe bei Regen die Sitze an den Bushaltestellenhäuschen besetzt. Ich finde, diese gehören den Fahrgästen. (Interessant: ich habe Hemmungen „Alkoholiker und Drogensüchtige“ zu schreiben. Warum? Weil ich eigentlich niemanden so definieren möchte und die Worte eben eine negative Konnotation haben. Dennoch bleibt es eine Tatsache, dass die gemeinten Mitbürger nunmal so in der Öffentlichkeit auffallen: trinkend und/oder nicht mehr ganz Herr ihrer Sinne…) Ich korrigiere meinen obigen Satz: der Ort hat Bänke, die unter anderen Umständen zum Verweilen einladen würden.

Jedenfalls, während J. und ich uns unterhalten, wird es plötzlich laut und aus der Richtung der nächsten Bänke ist ein Polizist zu hören, der mit ordentlicher Stimmkraft und Vehemenz die Anwesenden auffordert, endlich ihre Ausweise hervorzuholen und vor Ort zu bleiben. Ich weiß nicht, ob wir die Polizeikontrolle mitbekommen hätten, wenn es nicht so laut geworden wäre… ich fange jedenfalls an, mich unwohl zu fühlen. Ich kann den Polizist sehr gut verstehen, der ein bißchen seine Nerven verloren zu haben schien und denke mir, dass das echt kein dankbarer Job ist, was er da gerade macht oder machen muss. Andererseits: muss die Polizei das machen und wenn ja, warum? Ist das keine Diskriminierung? Und braucht es nicht eher einen Notarzt für den Mann, der am Boden liegt? Nachdem die Personalien aller dort befindlichen Personen festgestellt wurden, hat sich die Gruppe verzogen. Nur der junge Mann, der kaum fähig ist aufzustehen, ist noch da und als ich nach meinem Einkauf (der dem Cafébesuch folgte) an der Bank vorbei gehe höre ich, wie er einem Polizisten sagt, er habe einen Betreuer. Ich erschrecke, weil ich mir denke: er hat also Hilfe, scheint aber dennoch sein Leben nicht wirklich auf die Reihe zu bekommen. Und das macht mich traurig.

Das ganze hängt mir ziemlich nach und ich frage mich zum wiederholten Mal, was mich daran so beunruhigt, warum finde ich es so unangenehm, mit dieser Realität konfrontiert zu werden. Und plötzlich wird mir klar, dass ich Angst davor habe, auch ich könnte in so ein Leben hineinrutschen. Was wäre denn gewesen, wenn ich während meiner schlimmsten Phase meiner Krankheit nicht mehr die Kraft gehabt hätte, mich um meine Angelegenheiten zu kümmern? Was, wenn ich so einen schlimmen Schicksalsschlag erleide, dass ich anfange zu trinken? Was, wenn man niemanden mehr hat, der einem den Kopf waschen kann, wenn keine Freunde als Korrektiv vorhanden sind? Ich habe mich vor meiner Krankheit immer als jemand betrachtet, die immer in der Lage sein würde, zu arbeiten. Wenn ich Existenzängste hatte, dachte ich immer: Merle, mach Dir keine Sorgen, irgendeine Arbeit wirst Du immer finden und wirst immer die Kraft dazu haben. Ja, denkste. Das Leben hat mich eines Besseren belehrt und dehalb frage ich mich jetzt: wie sicher sind denn meine Annahmen über mich? Ich glaube nicht, dass ich zur Sucht neige und ich glaube auch, dass ich im Zweifelsfall Hilfe suchen und annehmen würde – aber genau wissen kann ich das nicht!

Ich bin  inzwischen in einem Alter, in dem ich mehrere Menschen kenne, inklusive meiner einer, die durch die ein oder andere Wendung in ihrem Leben eben dieses total auf den Kopf stellen mussten. Die nicht mehr in der Lage waren oder sind, zu arbeiten, denen die Sicherheit abhanden gekommen ist, dass sie immer leistungsfähig sein werden. Wo ist die Schwelle, die einen zur Sucht oder gar Obdachlosigkeit führt? Ist es eine Frage des Verantwortung übernehmen Wollens? Ist es eine reine Frage der Kraft? Geht es um die Verfassung der Psyche bzw. allgemein der Gesundheit? Je mehr Fragen ich mir stelle, umso klarer wird mir: sicher ist, dass nichts sicher ist. Wer glaubt, ihm könne das Leben nichts anhaben, der irrt ziemlich sicher. Wir haben weder Gesundheit für immer gepachtet noch ein funktionierendes soziales Umfeld. Um in diesem Dasein gut durchzukommen, braucht es auch Glück und vor allem Kraft, um immer wieder aufzustehen.

Und wieder einmal bin ich enorm dankbar für alles das, was ich in meinem Leben derzeit habe. Ein Dach über dem Kopf, genug zu Essen, Freunde, Kraft, jeden Tag in Angriff zu nehmen und die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Vor allem Letzteres halte ich für enorm wichtig – und nicht zwingend für selbstverständlich. Auch diese Fähigkeit kann einem zeitweise abhanden kommen, wenn man total überfordert und aus der Bahn geworfen ist. Die Existenzen, die wir uns aufgebaut haben, sind fragil. Keiner kann mit Sicherheit sagen, ob er morgen eine Krebsdiagnose oder eine Psychose bekommt, den langjährigen Partner oder den Job verliert. Wie wir mit den Krisen umgehen, ist entscheidend, doch die sogenannte Resilienz ist zu einem großen Teil auch etwas, das uns mitgegeben wurde oder nicht. Wir können an ihr arbeiten, aber nicht jeder hat das Glück, (ausreichend) damit versehen zu sein.

Vor dem Hintergrund der Fragilität unseres Seins gewinnt für mich die Achtsamkeit einmal mehr an Bedeutung. Im Hier und Jetzt zu sein, so oft wie möglich, ist das größte Geschenk, dass wir uns selber machen können. „Sich um die Zukunft Sorgen zu machen, ist so effektiv, wie durch Kaugummi-Kauen eine Algebra-Gleichung lösen zu wollen.“ (Übersetzt aus dem Englischen.) Der schöne Satz stammt leider nicht von mir, sondern von Baz Luhrmann:

Schenkt Euch dieses Gänsehaut-Lied… ich finde es passend, berührend, kurz: fantastisch!

 

 

Wie immer, Eure Merle

Naiv und reingelegt!?

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Heute geht es mal um etwas sehr profan-weltliches, das mich seit einigen Tagen beschäftigt… Ich war und bin mein Leben lang ein sehr vorsichtiger Mensch. Wenn ich größere, wichtige Entscheidungen treffen muss, dann wälze ich diese lange in mir herum, betrachte alles von allen Seiten und frage nach den möglichen Konsequenzen. Ein schönes Beispiel ist, dass ich mich sehr lange geweigert habe, online-Banking zu machen. Das war mir alles nicht sicher genug, ich fand die Sicherungsmechanismen nicht überzeugend und überhaupt, man weiß ja nie. Also habe ich bis vor einem Jahr meine Überweisungen schön brav per Hand in die Überweisungsträger geschrieben und diese bei der Bank abgegeben. Vor etwa einem Jahr habe ich dann online-Banking begonnen, weil meine Bank ein Verifizierungsverfahren eingeführt hat, mit dem ich leben kann. Aber insgesamt bewege ich mich immer noch sehr vorsichtig im Netz und wenn ich etwas online kaufe, dann schaue ich, ob das ein „trusted shop“ ist, ich schaue mir das Impressum an und ob es eine Telefonnummer gibt, wo man einen Kundenservice erreichen kann und dann google ich das Unternehmen noch auf Vertrauenswürdigkeit, sprich, andere Kundenstimmen. Nicht wenige Menschen in meinem Umfeld haben sich schon kräftig über meine große Vorsicht amüsiert. Und noch etwas: ich habe noch nie die Werbung im Internet beachtet. Außer, dass mir ein paar Mal aufgefallen ist, wenn meiner Internetrecherche plötzlich die Werbung entsprechend angepasst wurde.

Jaaaaaaa, so hab ich das bisher gemacht. Bis letzten Freitag. Da ging es mit mir durch und nun wird sich zeigen, ob sich das rächt bzw. ob meine angeblich übertriebene Vorsicht nicht doch angebracht ist! Ich habe mir, nachdem ich meine Emails auf GMX gecheckt hatte, bewusst eine Werbung für Damenbekleidung angesehen. (Dies entsprach übrigens NICHT meinen jüngsten Suchen im Internet.) Und was ich sah, gefiel mir sehr gut, undzwar so gut, dass ich das Unternehmen direkt im Internet aufrief und gleich  bestellte. Mit Zahlung per Kreditkarte. Ich habe mir weder das Kleingedruckte noch das Impressum angesehen und auch keine Telefonnummer gesucht. Ich habe ganz bewusst auf alle meine üblichen Abfragen verzichtet und dachte mir frohgemut: heute bin ich mal nicht so kleinlich, es wird schon nix passieren!

Gleich nachdem ich die Bestellung abgeschickt hatte, kam auch eine Email, in der diese bestätigt wird. Und es wird angekündigt, dass ich eine weitere Email erhalte, sobald meine Bestellung versendet wird. Das war am Freitag Abend. Heute ist Donnerstag, meine Kreditkarte wurde vorgestern belastet und ich habe immer noch keine Versandbestätigung. Da ich ein ungeduldiger Mensch bin, habe ich bereits vorgestern eine mail an den Kundenservice geschickt. Inzwischen sind es drei Emails und ich habe keine einzige Antwort bekommen. Nein, auch nicht im Spamordner. Dort finden sich nur jede Menge Emails des Unternehmens mit weiterer Werbung für Sonderangebote.

In der Zwischenzeit habe ich mir die Internetseite der Firma mal genauer angesehen und festgestellt: eine Telefonnummer bzw. ein Impressum gibt es gar nicht, die wenigen Texte sind in entsetzlichem Deutsch geschrieben und als Firmensitz wird eine Adresse in Hongkong angegeben. Gruselig! Heute hab ich mich getraut und googlete nach anderen Kundenstimmen… mit sehr unerfreulichem Ergebnis. Ware gar nicht angekommen, Ware nach vielen Wochen und falsch angekommen. Materialangaben stimmen nicht, kein Kontakt zum Service möglich. Kein Retourenschein und keine Rücksendeadresse bei gelieferter Ware… Es sieht nicht gut aus.

Bereits gestern rief ich bei meiner Bank an um zu erfahren, ob ich das Geld zurück fordern kann, was dankenswerter Weise möglich ist. Ich hab auch noch ein paar Wochen dafür Zeit, so dass ich nun einmal abwarte, ob die Bestellung nicht doch noch geliefert wird. Aber das Drumherum macht mich doch sehr misstrauisch und ich muss sehr aufpassen, mich nicht jetzt schon dafür zu schelten, dass ich so blauäugig war. Der fragliche Betrag ist jetzt keine Unsumme – aber auch nicht wenig. Außerdem hätte ich wirklich gern die georderten Artikel… Das ärgert mich eigentlich am meisten an der Geschichte, wenn ich ehrlich bin. Ich hatte mich sehr auf die Lieferung gefreut, weil es sehr selten vorkommt, dass mir Kleidung auf Anhieb gefällt und zahlbar ist. – Davon abgesehen ärgere ich mich natürlich maßlos über die offenbar unlautere Vorgehensweise des Unternehmens. Ich will jetzt noch nicht von kriminell sprechen, dafür ist es noch zu früh und die Hoffnung stirbt zuletzt… naja, mal schauen.

Jetzt sitze ich also hier auf heißen Kohlen, hoffe bei jedem „Ping“ meines Smartphones, das mir eine neue Email verkündet, dass sie von dem Unternehmen ist und komme mir ganz schön blöd vor. Nun denn, es hilft ja jetzt alles nichts, ich kann nur abwarten. Und ich werde weiter berichten, wie der mini-Krimi ausgeht…

Also, Augen auf beim online-Kauf! 🙂

Herzlich, Eure Merle

 

Selbstannahme

Die Königsdisziplin. Das große Ziel. Die Lebensaufgabe schlechthin. Ich werde diesen Sommer 46 und mit meiner Selbstannahme ist es nicht weit her. Wieviel Jahre habe ich noch Zeit, sie zu erreichen? Ich persönlich glaube, dass Selbstannahme einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Sinn unseres Lebens ist. Ich glaube auch, dass Selbstannahme eine wichtige Voraussetzung für Gesundheit, Gelassenheit und Nächstenliebe ist. Selbstannahme weitet unser Herz auch für andere und ist die Basis für unsere Freundschaft mit uns selbst.

Gestern habe ich einen Artikel einer Alleinstehenden über das allein sein gelesen und es gibt darin den schönen Satz, dass (sinngemäß) viele Menschen andere Menschen um sich brauchen, die sie annehmen, damit sie sich selbst annehmen können. Und dass es doch eigentlich gut wäre, wenn jeder sich selbst so annehmen könnte, dass er oder sie mit sich selbst alleine auch klar kommt. Weise Worte. Doch wie mit all den Stimmen im Kopf umgehen, die einem ständig sagen, wie unzureichend ich bin, dass ich zu dick bin, zu faul, zu unkreativ, dass ich mich schämen muss für meinen Körper und meine Lebenssituation ohne Arbeit und dass ich ganz allgemein einfach nicht wertvoll bin. Und dann noch die Schuldgefühle für — ja für was eigentlich?

Mit all dem kann ich mich nun an das Außen wenden und nach positiver Bestätigung suchen – da kommt dann das Phänomen des Fasses ohne Boden zu tragen: wer ständig die Bestätigung von anderen braucht, wird nie genug bekommen. Sie ist wie eine Droge, von der man immer wieder und immer mehr braucht. Sinnvoller ist es also, sich nach innen zu wenden und zu schauen, wo der Anteil ist, der liebevoll und mitfühlend mit mir selbst umgeht. Denn den haben wir alle in uns, wir müssen ihn nur ausgraben bzw. unter all den biographischen und soziologischen Programmierungen finden – und zulassen.

Es klingt paradox, aber es ist tatsächlich unglaublich schwierig für sehr viele Menschen, Selbstliebe und Selbstakzeptanz zuzulassen. Wir müssen das lernen und üben. Es ist für die meisten von uns sehr einfach, sich klein zu machen, Schuhe anzuziehen, die uns gar nicht passen und negative Selbstbilder zu kultivieren. Deshalb ist es auch so schwierig, sich selbst etwas Gutes zu tun, liebevoll mit sich selbst umzugehen und gesund für sich selbst zu sorgen. Wie oft denke ich mir: oh ja Meditation tut mir gut…aber ich hab jetzt keine Lust. Oder ich lasse meine Gymnastik aus, obwohl ich weiß, dass ich mich hinterher besser fühle. Und gesund für mich zu kochen, ach das lohnt sich nicht, der Aufwand ist mir für mich allein zu groß.

Wie schade! Aber auch: wie menschlich! Wir werden in der Regel nicht so groß gezogen, dass wir uns selber achten und schätzen lernen. Gerade Mädchen lernen zuerst, lieb und nett zu anderen zu sein. Gehorsam und angepasst zu sein ist wichtiger als den eigenen Selbstausdruck zu stärken und positive Selbstbilder zu lernen. Dazu trägt auch bei, dass wir in unserer Kultur schon sehr früh für alles mögliche bewertet werden. Unser Verstand lernt schon in der Grundschule, wenn nicht früher, dass alles zu bewerten ist. Wie traurig und trostlos.

Zu Beginn meiner spirituellen Reise dachte ich immer, ich muss und kann gegen das Negativ-Radio in meinem Kopf angehen. Ich dachte, wenn ich nur oft genug das Gegenteil vor mir hersage und resolut mit meinem Selbstverleugner umgehe, dann hören die selbstzerstörerischen Gedanken irgendwann auf. Denkste, Puppe! Nichts dergleichen ist eingetreten und so habe ich noch heute das Radio im Kopf, das mir beständig einreden will, wie schlecht ich bin. Aber das Radio wird manchmal leiser und ganz selten ist es auf Standby. Undzwar in der Regel dann, wenn ich vorher mitfühlend und neutral zugehört habe und mich nicht auf eine Diskussion eingelassen habe. Ich lass den Selbsthasser einfach reden und beobachte, auch die damit einhergehenden unangenehmen Gefühle. So verbringe ich oft ganze Vormittage, ich muss mir dafür Zeit nehmen und bin dankbar, dass ich die Zeit habe – aber dann blitzt die gute Laune mal durch oder meine Kreativität oder einfach nur Freude.

Selbstannahme ist nicht leicht. Besonders, wenn man, wie ich, so erzogen wurde, dass nur Perfektion akzeptabel ist. Heute bin ich froh, dass ich meine Muster immerhin durchschaue, aber an den Punkt der Selbstliebe zu kommen, an dem ich diese tatsächlich auch spüren kann, ist immer noch schwere Arbeit. Ich bin nicht immer davon überzeugt, dass sich diese Arbeit lohnt. Wie gesagt, ich bin Mitte 40 und kämpfe immer noch mit Dämonen. Wann hört das auf? Aber: was soll die Alternative sein? Für mich gibt es keine. Wenn ich am Verzweifeln bin, dann denke ich an die Biographien von Menschen, die auch lange gekämpft haben und irgendwann ihren Frieden mit sich geschlossen haben. Doch, die gibt es wirklich! Ich würde sie nicht als Vorbilder bezeichnen sondern eher als Leuchttürme: aha, so sieht das aus, da möchte ich hin.

Und wenn gar nichts mehr geht dann versuche ich eben zu akzeptieren, dass ich mich gerade nicht akzeptieren kann, auch das ist eine Form der Selbstannahme. Ein weites Feld, über das ich sicherlich noch öfter schreiben werde…

Mit diesen, heute etwas schwereren Gedanken, grüße ich Euch alle und wünsche Euch eine gute Woche!

Eure Merle

 

Keine Lust zu nix

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Meine Wettervorhersage hat mir bis heute Vormittag erzählt, dass es nicht regnen wird, das hat sie mir sogar noch gesagt, als es schon regnete. Ich glaube, das Wetter hat sich kurzfristig an meine Laune angepasst. Da kann man nichts machen. Tut mir leid, Leute.

Heute morgen sah alles noch recht vielversprechend aus, als ich aufstand, freute ich mich noch über meine zwei Sonnenblumen auf dem Balkon, doch dann ging es rapide bergab. Trotz großen Unmuts und fehlender Motivation bin ich dann doch ins Atelier gefahren – wo ich Kreuzworträtsel löste, anstatt kreativ zu sein. Am Ende hab ich noch ein Ahornblatt abgezeichnet, das war der Höhepunkt der heutigen Schaffenskraft, ansonsten habe ich keinen Strich zusammen gebracht, geschweige denn eine Farbkomposition.

Es gibt Tage, da will einfach nichts gefallen, nichts spricht einen an, alles erscheint öde und fad – kurz: keinen Bock auf gar nichts. Was macht man da? Ich könnte putzen oder staubsaugen, weiter Rätsel lösen, Zeichnen (hab ich probiert, geht immer noch nichts), oder aus den Versuchen kleine Papierkügelchen machen und für die Katze durch die Gegend schießen. Doch meine Apathie scheint ansteckend, die Geschosse, die bei Fee sonst immer sehr gut ankommen, haben nur ein kurzes Interesse geweckt, bis sie wieder zusammen gemümmelt bei mir saß. Hm, aber ich kann doch hier jetzt nicht über Nichts schreiben. Das ist ja total langweilig für meine Leser, das will doch keiner wissen!

Mal schauen, wie fühlt sich das Nichts denn an? Wie Kaugummi, unglaublich schwer und träge und, interessanter Weise, kalt. Aber dann kann es doch nicht Nichts sein, oder? Stimmt auch wieder. Also befinde ich mich in einem Zustand, den mein Intellekt als Nichts wahrnimmt, mein Körper aber nicht. Warum ist das so? Weil Nichts-Tun für meinen Verstand gleich Nichts ist. Für den Rest meines Seins aber gar nicht. Und außerdem schreibe ich ja gerade einen Text, also alles andere als Nichts. Daraus folgt, dass ich einer Verstandes-Illusion aufsitze. Und mein Antreiber stöhnt ständig, ich solle doch jetzt endlich mal was Gescheites tun! Unternimm was! Sei aktiv! Häng hier nicht so rum! Ja, aber ich weiß nicht was, außer schreiben. Reicht das nicht? Mein Antrieber grummelt: ok, ja, das ist was. Aber danach, was machst Du danach? Lesen! Schon wieder? Ja, schon wieder. Nee, das geht nicht. Mach lieber Yoga. Keine Lust.

So geht das jetzt seit Stunden und nein, ich mache kein Yoga, ich mag Yoga nicht. Meditiert hab ich heute schon. Ahh, es klopft an der Tür, moment. (…) Der Nachbar hat sein Paket abgeholt. Ein kurzes Highlight! Doch das kann ja so nicht weiter gehen, also betreibe ich mal eben Innenschau und erforsche mein Lustzentrum, worauf es denn jetzt Lust hätte. Ich werde fündig und stelle fest, dass ich jetzt gern mit einer Freundin hier gemütlich Kaffee trinken und klönen würde. Das würde mir jetzt wirklich gefallen! Aber die eine wohnt in Berlin, die andere arbeitet und die dritte ist auf Reha, von der die vierte gerade erst zurück gekommen ist und sich zu Haus wieder einrichten muss. Sieht also nicht gut aus. Spazieren gehen! Es regnet… immer noch. Obwohl die Wetteransage was anderes ansagt. Tja, meine Laune ist ja auch nicht besser, warum soll es das Wetter sein?

Mit einiger Erleichterung merke ich, dass ich Hunger habe. Gut, dann esse ich jetzt was. Das nimmt immerhin schon mal ca. 30 Minuten in Anspruch. Danach? Ich werde vielleicht lesen, ich werde nicht putzen und auch keine Ablage machen. Ich werde auch das noch anstehende Ausräumen eines Regals nicht in Angriff nehmen und die Wäsche mach ich auch morgen. Denn, ich habe keine Lust zu nix. Und für dieses Nichts-Tun habe ich ja jetzt ein wunderbares Sofa auf dem es sich so richtig gut nichts tun lässt. Das höchste der Gefühle wird sein, meine Katze zu kraulen und ansonsten einfach da zu sein. Einfach so. Ohne Anspruch, ohne Ziel und mit viel Zeit.

Wie ihr seht, nichts zu tun kann unheimlich anstrengend sein! Ich wünsche Euch definitiv mehr Talent und Erfolg beim Nichts-Tun als ich es habe und ich selbst werde das jetzt mal wieder üben.

Seid herzlich gegrüßt und habt ein schönes Wochenende!

Eure Merle

 

 

 

Dankbarkeit

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Dankbarkeit ist ein seltsames Phänomen. Ich konnte mich lange mit dem Konzept nicht anfreunden, obwohl es in jeglicher Selbsthilfeliteratur und Psychoedukation als ein zentrales Gut der Seelenhygiene gepriesen wird – ich konnte damit nichts anfangen. Jetzt weiß ich, dass das daran liegt, dass man sich Dankbarkeit nicht verordnen kann. Dankbarkeit ist, wie auch Verzeihen, eine Herzensqualität, die irgendwann aufkommt oder auch nicht. Aber ich kann mir nicht mit dem Intellekt vorschreiben: sei jetzt dankbar, und glücklich! Gefälligst! Nein, so funktioniert das nicht. Bis vor nicht allzu langer Zeit haben mich auch Leute genervt, die mir erzählt haben, wie dankbar sie für dies oder jenes sind, und die mir dann am besten auch noch den Tipp gaben: sei doch mal dankbar, für das was Du hast! Jaja, schon gut, ich habe mindestens eine Krankheit, die mich arbeitsunfähig macht, ich habe keine Beziehung mehr, ich habe düstere Zukunftsaussichten… ich bin total dankbar.

Bitte, wenn Ihr dankbar seid, bindet es Euren Freunden, denen es gerade nicht so gut geht, nicht auf die Nase und fordert sie nicht auf, dankbar zu sein. Jeder kann nur im eigenen Tempo sich aus der Sahne herausstrampeln (ich verweise auf die Geschichte mit den zwei Fröschen in der Sahne) und wir alle haben unsere eigene Zeit und Art und Weise, irgendwann über den Tellerrand blicken zu können. Und wenn wir es mal geschafft haben, heißt das auch nicht, dass das für immer so bleibt! Dankbarkeit hat meiner Erfahrung nach mit einem Glücksgefühl gemeinsam, dass sie daher geschlichen kommt, wenn man ganz im Hier und Jetzt ist… noch so ein Psychohygiene-Begriff, der nur erlebbar aber nicht zu verordnen ist…

Aber was hat denn nun dazu geführt, dass ich Dankbarkeit inzwischen anders betrachte? Nun, ich hatte in relativer kurzer Zeit mehrere echt gute Nachrichten zu verbuchen, die auch noch allesamt nichts mit Corona zu tun haben 😉 und da ist es passiert. Aber der Reihe nach. Ich hatte mich schon lange nach einem größeren Sofa gesehnt, denn das kleine Canapee, das ich besaß, war so klein, dass ich nur mit angewinkelten Beinen darauf Sitzliegen konnte. Und plötzlich, ohne dass ich im Internet danach gesucht hätte, ploppt eine Anzeige von ebay Kleinanzeigen auf und ich sehe ein wunderschönes Sofa in den perfekten Maßen aufblitzen – was soll ich sagen, das gute Stück war extrem günstig, da gebraucht, aber bestens in Schuss. Jetzt steht es bei mir und ich bin extrem glücklich damit. Dann kam ein neues Bett dazu, dass ich mir nach 20 Jahren als Bodenschläferin (als Lattenrost und Matratze auf dem Boden) endlich geleistet habe und dann kam noch nach extrem wenig Wartezeit der Bescheid von der Rentenversicherung, dass meine Erwerbsminderungsrente um drei Jahre verlängert wird.

Und da lag ich dann abends in meinem (noch alten) Bett und plötzlich überkommt mich eine Welle der Dankbarkeit, wie ich es noch nie erlebt habe. Wie glücklich ich mich schätzte, mir so etwas leisten zu können! (Nicht von der Rente sondern vom Ersparten, aber egal.) Wie fantastisch, dass ich jetzt eine kleine Liegewiese in meinem Reich habe und wie überaus gut es sich für mich gefügt hat, dass ich in einem reichen Land geboren wurde, in dem es so etwas wie eine Erwerbsminderungsrente gibt! Und das Beste an diesem Gefühlsüberschwang war: mir vielen immer mehr Dinge ein, für die ich dankbar bin! Dass ich eine Wohnung habe und Freunde und dass ich in einem friedlichen Land lebe und und und… Das sind ja alles keine Selbstverständlichkeiten!
Da lag ich dann und lachte und lachte und konnte gar nicht mehr aufhören!

Dankbarkeit ist wunderbar – wenn sie einen hinterrücks überfällt und man nicht versucht, das eigene Leben analytisch auseinander zu nehmen und sich vornimmt, dankbar zu sein. Dankbarkeit ist auch meines Erachtens nur möglich, wenn man wenigstens ein bißchen das Gefühl von Selbstwirksamkeit hat, sich also nicht unterlegen oder ohnmächtig fühlt. Und so kann man sich in diesen Zeiten schnell mal fühlen. Ich schätze, das gehört zum Leben dazu. Wichtig ist, dass man aus diesen unangenehmen Zuständen wieder hinaus kommt und gut mit sich umgeht. Es ist sicherlich hilfreich, wenn man sich immer mal wieder daran erinnert, dass es so etwas wie Dankbarkeit gibt… aber wir können das Gefühl nicht erzwingen, da mögen uns noch so viele Ratgeber vorschlagen, man solle dankbar sein. Und es gibt ja auch wirklich Phasen im Leben, in denen es einfach nicht viel oder nichts gibt, wofür man dankbar sein kann. Da braucht man schon eine Lupe mit Flutstrahler, um was zu finden, und die Kraft hat man dann vielleicht einfach nicht.

Aber man kann die Dankbarkeit immer wieder einladen oder eine Tür für sie offen halten. Ich verstehe das so wie in der Meditation: ich weiß vom Intellekt her, welche Gefühlszustände sich einstellen können, aber sie kommen von selbst und nur, wenn ich keinen Druck ausübe. Ich mache einfach meine meditative Übung regelmäßig, beobachte mich und dann kommt hie und da ein Gefühl des Einsseins, zum Beispiel. Weil ich mit der Praxis der Meditation die Türen öffne. Und ich glaube, ich kann eine Tür im Herzen auch für Dankbarkeit öffnen, immer mal wieder, nur eine kleine Einladung… und dann, wenn der Zeitpunkt stimmt, kommt sie einfach und bleibt, so lange sie will. Und so lange genieße ich sie.

Wie sind Eure Erfahrungen mit der Dankbarkeit? Vielleicht habt Ihr Lust, mir dazu zu schreiben?

Ich wünsche Euch wunderbar sonnige Tage und verbleibe herzlich

Eure Merle

Vom Frosch in der Sahne

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Kennt Ihr auch diese Menschen, denen ständig das Schlimmste passiert und die unaufhörlich darüber sprechen können, was alles nicht klappt und worin sie überall Opfer sind? Die nicht müde werden zu erklären, wie ungerecht die Welt mit ihnen umgeht und die – offen oder verdeckt – um das Mitleid der anderen buhlen?

Ich kenne solche Menschen zur genüge und ich habe in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass sie in meinem sozialen Umfeld keine Rolle mehr spielen, denn ich möchte mich dem ewigen Gejammer nicht mehr aussetzen und auch keine Tiraden mehr darüber hören, wie böse und arg doch alles ist. Es gibt so jemanden auch in meiner Familie und auch hier habe ich irgendwann konsequent die Reißleine gezogen – ich konnte es nicht mehr ertragen und fand dieses ständige darauf beharren, dass es ihr ganz besonders schlecht ergeht nicht mehr hinnehmbar. Bisher habe ich mehr oder weniger verschwurbelte oder verklausulierte Erklärungen abgegeben, wenn ich den Kontakt zu so jemandem beendet oder stark reduziert habe. Bei denjenigen, denen ich eine gewisse Portion Selbstreflexion zutraue, habe ich schlicht die Wahrheit gesagt: ich möchte keinen Kontakt mehr zu Menschen, die sich ständig in der Opferrolle sehen. Das kam nicht gut an.

Heute aber hat mir eine Freundin ein wunderschönes Bild an die Hand gegeben, eine Mini-Anekdote von den zwei Fröschen in der Sahne:

Schwimmen zwei Frösche in der Sahne. Der eine guckt entsetzt und schreit: „Oh mein Gott!“ und geht unter. Der andere strampelt bis die Sahne geschlagen ist und er darauf hinausklettern kann.

Ich finde dieses Bild stellt ganz wunderbar dar, wie unterschiedlich die Menschen mit dem Leben umgehen und ich werde diesen Zweizeiler in Zukunft benutzen, wenn mir wieder mal jemand begegnet, der sich in seiner Opferrolle sonnt.

Um Missverständnissen vorzubeugen: ich sage nicht, dass es nicht schlimme Ereignisse und Unglück und Leid gibt. Ich meine auch nicht, dass man darüber nicht reden soll oder sich keine Hilfe holen soll. Im Gegenteil: wer sich Hilfe holt, ist schon einen Schritt aus der Opferrolle hinausgetreten. Wer aber ständig nur jammert, immer andere für das eigene Unglück verantwortlich macht und dieses als das größte Unrecht per se wahrnimmt, der hat meiner Meinung nach eine verzerrte Wahrnehmung.

Man kann Unglück und Leid nicht messen und das eine ist nicht größer als das andere. Wer wollte den messen, wie es dem einzelnen in seiner Misere ergeht? Aber als Erwachsene ist es meines Erachtens unsere Aufgabe, zu gucken, wie wir uns helfen können, wie wir Selbstfürsorge praktizieren können und aufzuhören, das eigene Leid mit dem der anderen zu vergleichen und anzufangen, über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken. Nun gibt es Menschen, denen ist von klein auf der Satz eingetrichtert worden: Du kannst das nicht. Aus diesem „ich kann das nicht“ herauszufinden, sozusagen die Sahne mit den eigenen Füßen zu schlagen, ist schwer, aber machbar und lohnenswert. Aus der Opferrolle und der Starre der Ohnmacht hinaus zu treten ist so wichtig, weil wir erst dann auch die Schönheit des Lebens erkennen. Wer aufhört, sich selbst in der Rolle der Schwächeren oder ungerecht Behandelten zu sehen, nimmt sein Leben in die Hand und fängt an zu gestalten anstatt die anderen gestalten zu lassen.

Dass man, in den Sahnetopf gefallen und in der schweren, klebrigen Masse gelandet, erstmal flucht oder entsetzt aufschreit: allzu verständlich. Aber dann sollten wir anfangen zu strampeln und in Bewegung kommen, damit wir dann gestärkt daraus hervor gehen. Und mit ein klein bißchen Glück können wir dann leckeren Kuchen mit der leckeren Sahne essen. 🙂

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir immer die Kraft haben werden, zu strampeln, wenn wir in der Sahne gelandet sind!

Euch noch eine schöne Woche, herzlich

Eure Merle

 

Neue Bilder

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Hier die eine Hälfte meiner neuen Werke von dieser Woche. Es tut gut, wieder malen zu können, dafür gibt’s heute wenige Worte.

Ich hoffe, Euch geht’s trotz diesen seltsamen Zeiten gut und ich wünsche Euch ein schönes Wochenende!

Eure Merle

War da was? – Tag x der Ausgangsbeschränkungen

Liebe Leserinnen und Leser,

heute melde ich mich zurück mit einem extrem witzigen Song von Bodo Wartke über Prof. Christian Drosten von der Charité, dessen Podcast vom NDR inzwischen jedem in der Republik geläufig sein dürfte. Ich oute mich, ich bin großer Fan und finde den Mann einfach toll, vor allem wegen seiner ruhigen und besonnenen Art. Und obwohl ein Freund von mir neulich meinte, der sähe ja aus wie seine eigene Großtante… ich finde Drosten auch optisch recht attraktiv 🙂 Aber keine Angst, das Lied ist keine Schnulze sondern eine wunderbar ironische Hommage an den Virologen:

Bodo Wartke – Christian Drosten

Ja, was gibt es sonst zu vermelden? Nicht viel, außer einer wirklich guten Nachricht: das Atelier, in dem ich seit Jahren arbeite, hat ab nächster Woche wieder geöffnet. Zwar zu verkürzten Zeiten und mit eingeschränkter Nutzerzahl, aber immerhin 2x pro Woche werde ich dort wieder kreativ wirken können. Das freut mich ungemein und ich hoffe, dass meine Muse nicht allzu sehr unter der immer wieder auftretenden Atemnot unter der Maske leidet.

Ansonsten muss ich sagen, dass ich jetzt doch sehr überrascht bin über den „Maßnahmen-Lockerungs-Run“ und ich frage mich bang, ob das wirklich sinnvoll ist, wo das Robert-Koch-Institut und Drosten (und meines Wissens auch andere Virologen) ja mit einer zweiten, wenn nicht gar dritten Welle der Infektion mit dem Corona-Virus rechnen. Da wurde noch gestern darauf gepocht, dass wir vorsichtig und besonnen mit den Öffnungen warten müssen und gefühlt über Nacht scheint die ganze Vorsicht nicht mehr nötig zu sein. Nach dem Motto: War das was? Natürlich freue ich mich über die teilweise Öffnung zum Beispiel meines Ateliers, aber da sprechen wir von 5 Menschen in einem sehr großen Raum. Brauchen wir wirklich die großen Warenhäuser und die Gastronomie so bald? Und die Fußballbundesliga? Und können wir bei Schulen und Kitas davon ausgehen, dass Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen eingehalten werden?

Wie ihr seht, trotz meiner Blog-Pause habe ich mich mit Corona beschäftigt und werde das auch weiterhin tun, es ist nunmal das prägende Thema in diesen Zeiten.

Aber es gibt auch ein nicht-Corona Thema, undzwar ein weiteres Kapitel der Reihe: „Merles Schritte in die digitale Welt“. Nicht nur, dass ich Anfang des Jahres Telegram auf meinem Handy installiert habe, nein, jetzt habe ich auch noch begonnen, mit dem Kindle zu lesen. Huch!? Wie konnte das passieren? Ich, die ich mich Jahre lang geweigert habe, das Ding in Erwägung zu ziehen, die immer auf dem haptischen und olfaktorischen Vergnügen eines Buches beharrte…und ich leg mich doch nicht mit dem Kindle ins Bett, da brauchts ein echtes Buch! Tja, was soll ich sagen: meine Leib- und Magen-Autorin, Robbin Hobb, hat in den 80er Jahren unter dem Namen Megan Lindholm Bücher geschrieben und diese Taschenbücher sind tatsächlich inzwischen Sammlerstücke und kosten so an die 40 Euro das Stück und noch mehr. Da kann und will ich nicht mithalten. Aber netter Weise gibt es diese Bücher auch im Kindle-Format und da kosten sie zwischen 5 und 10 Euro… und da konnte ich nun wirklich nicht widerstehen!

Nun habe ich außerdem das große Glück, dass meine Freundin J. mir vor Monaten ihren alten Kindle überlassen hat… und nach einer komplizierten, längeren Update-Session haben wir das Gerät auch zum Laufen gebracht und ich kann damit jetzt meine heißgeliebte Windsinger-Saga lesen, *freu*. Und das abgefahrene ist: ich habe mich sehr schnell an das flache Metallteil gewöhnt, ich kann damit genauso gut in den Geschichten versinken und nach anfänglichen Umblätter-Schwierigkeiten finde ich mich sehr gut zurecht. Mal wieder ist eine innere Bastion erobert und zum Einsturz gebracht worden, wenn es mich auch sehr ärgert, dass ich jetzt Amazon-Kundin bin. Es war einfach zu verlockend…

Ja, Ihr Lieben, das war es erstmal wieder von mir… ob ich wieder in meinen täglichen Rhythmus zurück finde, weiß ich noch nicht, aber ich habe vor, wieder öfter zu schreiben…

Seid herzlich gegrüßt und passt auf Euch auf!

Eure Merle